{"id":1689,"date":"2018-04-15T15:22:23","date_gmt":"2018-04-15T13:22:23","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1689"},"modified":"2018-09-12T19:52:25","modified_gmt":"2018-09-12T17:52:25","slug":"fahrt-ubers-marmarameer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/fahrt-ubers-marmarameer\/","title":{"rendered":"Fahrt \u00fcbers Marmarameer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon in der Stra\u00dfenbahn zur Galaterbr\u00fccke ist sie mir aufgefallen, die h\u00fcbsche Frau mit dem dichten, schwarzen Haar, den breiten Wangenknochen und den freundlichen Augen.<br \/>\n\u00bbG\u00fcnaydin\u00ab, sagt der kleine Sohn neben ihr, lacht uns an. Die Mutter strahlt.<br \/>\n\u00bbDas hat er wahrscheinlich im Hotel aufgeschnappt\u00ab, sagt sie in akzentfreiem Deutsch und streicht dem Kleinen \u00fcber die Haare. \u00bbHast du geh\u00f6rt\u00ab, wendet sie sich an ihren Mann auf der anderen Seite des Mittelgangs. \u00bbAddi spricht t\u00fcrkisch! Muss er im Hotel geh\u00f6rt haben. Vielleicht hat einer der Kellner mit ihm ge\u00fcbt.\u00ab<br \/>\n\u00bbSie sprechen kein T\u00fcrkisch?\u00ab, frage ich.<br \/>\n\u00bbNein, wir sind aus Hamburg.\u00ab<br \/>\nIch muss wohl ungl\u00e4ubig geguckt haben.<br \/>\n\u00bbNa ja, ich bin in Hamburg geboren. Die Kinder auch. Aber urspr\u00fcnglich kommen wir aus Albanien. Wir sind zum ersten Mal in der T\u00fcrkei.\u00ab<br \/>\n\u00bbWir auch\u00ab, sage ich. \u00bbUnd wir wollen mit dem Schiff auf die asiatische Seite.\u00ab<br \/>\n\u00bbDa k\u00f6nnen wir ja zusammen fahren\u00ab, sagt die Frau. \u00bbWissen Sie, wo die Schiffe ablegen?\u00ab<!--more--><br \/>\nDirekt unterhalb Galaterbr\u00fccke in Emin\u00f6n\u00fc liegt die F\u00e4hre nach Kadik\u00f6y abfahrbereit am Steg. Auch hier braucht man nur die Istanbul-Card auf das Leseger\u00e4t zu legen. Automatisch werden zw\u00f6lf T\u00fcrkische Lira abgebucht. Es ist ganz einfach. Wir fragen uns, warum in Deutschland jede Stadt ihr eigenes Bezahlsystem hat. Passagiere werden in Deutschland auch als Muttersprachler in den Wahnsinn getrieben, ehe sie eine g\u00fcltige Fahrkarte in den H\u00e4nden halten.<br \/>\nIm Sonnenschein laufen wir \u00fcber die Gangway zur F\u00e4hre. Unter uns glucksen die Wasser des goldenen Horns. Still und blau und mit gerippelten Sonnensprenkeln. Wir schlendern durch den \u00fcberdachten Passagierraum ganz nach vorn zum Bug, um beim Ablegen festzustellen, dass vorne eigentlich hinten ist, der Bug das Achterdeck. Die F\u00e4hre dreht, wir sitzen im Windschatten, schauen auf die immer kleiner werdende Kulisse der Stadt. Wie im Ruderboot. Guckt mal, dahinten war eine Kneipe, lautet doch der die Mannschaft immer wieder frustrierende Kommentar des Steuermanns. Wir fahren unter der Galaterbr\u00fccke durch, auf der rechten Seite liegt Karak\u00f6y und das Szeneviertel Beyoglu mit dem Galaterturm als Wahrzeichen. Links von uns ragen die Silhouetten der Hagia Sophia, der blauen Moschee, der Suleymaniye-Moschee in den azurblauen Himmel, werden kleiner, verschwimmen. Wir halten das Gesicht in die Sonne, freuen uns \u00fcber die salzhaltige Luft, genie\u00dfen die w\u00e4rmenden Sonnenstrahlen. Nach dem langen, kalten deutschen Winter hat endlich der Fr\u00fchling Einkehr gehalten.<br \/>\nHei\u00dfer Apfeltee wird angeboten in kleinen Gl\u00e4sern und Simit-Ringe, an denen man w\u00e4hrend der Fahrt knabbern kann. Hunger muss man in Istanbul nicht leiden, das haben wir bereits herausgefunden. M\u00f6wen begleiten unsere Fahrt, \u00fcben kreischend ihre Sturzfl\u00fcge, be\u00e4ugen gierig die Sesamkringel, hoffen auf Beute.<br \/>\nSchleierwolken am Himmel, je weiter wir ins offene Wasser des Marmarameers kommen. Erst Dunst, dann eine Nebelbank. Ruhig liegt die F\u00e4hre, keine Katzenk\u00f6pfe auf dem Wasser, nur kleine verspielte Wellenkringel und eine Schaumfahne, die die F\u00e4hre hinter sich aufwirbelt. Ein Lotsenboot kommt tutend in Sicht, taucht schemenhaft auf, verschwindet wieder im Nebel, aus dem sich nach und nach die verschwommenen Umrisse eines Gespensterschiffes l\u00f6sen. Der Lotse wird das Cointainerschiff sicher durch den Nebel navigieren, um Zusammenst\u00f6\u00dfe zu vermeiden. Auch wenn der Bosporus eine Einbahnstra\u00dfe ist, auf der die Schiffe entweder aufw\u00e4rts zum Schwarzen Meer oder abw\u00e4rts zum Marmarameer fahren, kreuzen viele F\u00e4hren und Ausflugsdampfer die Hauptschiffslinien, verbinden das europ\u00e4ische mit dem asiatischen Ufer. Vor dem vor eineinhalb Jahren er\u00f6ffneten Autotunnel haben viele Istanbuler Angst. Wohl zu Recht, denn das Gebiet ist stark erdbebengef\u00e4hrdet. Auch uns ist die F\u00e4hre lieber, ein Genuss bei diesem sommerlichen Wetter.<br \/>\nWir n\u00e4hern uns dem asiatischen Ufer. Die Sicht wird immer klarer. Wir sehen das Halbrund des sch\u00fctzenden Hafens, am Ufer die Anlegestelle und ein imposantes wilhelminisches Geb\u00e4ude, den Kopfbahnhof Haydarpasa, von dem aus die Z\u00fcge nach Anatolien und sp\u00e4ter nach Bagdad fuhren. Heute steht nur noch eine ausrangierte Lokomotive vor dem Prachtbau. Unrentabel, hei\u00dft es. Die ewigen Kriege im Nahen Osten haben ihr \u00fcbriges getan, gro\u00dfe Teile der Strecke Istanbul \u2013 Bagdad lahmzulegen. \u00dcbrigens, eine der ersten Passagiere war Agatha Christie, sie stieg in Aleppo ein. Die lange Eisenbahnfahrt inspirierte sie zu ihrem Krimi: \u00bbMord im Orientexpress\u00ab.<br \/>\nInmitten der zahlreichen Sonntagsausfl\u00fcgler laufen wir \u00fcber den schmalen Metallsteg zum Ufer. Auf der Promenade warten Karren mit Simit, hei\u00dfen Kastanien, Granat\u00e4pfelsaft und s\u00fc\u00dfen Kuchen. Die albanische Familie winkt uns zum Abschied zu.<br \/>\n\u00bbEinen sch\u00f6nen Sonntag. Und noch interessante Tage in Istanbul!\u00ab<br \/>\nEine Gruppe Teenager umringt uns mit Schulheften und gez\u00fcckten Stiften. \u00bbYou like Turkey? You like the Turkish people?\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Schon in der Stra\u00dfenbahn zur Galaterbr\u00fccke ist sie mir aufgefallen, die h\u00fcbsche Frau mit dem dichten, schwarzen Haar, den breiten Wangenknochen und den freundlichen Augen. \u00bbG\u00fcnaydin\u00ab, sagt der kleine Sohn neben ihr, lacht uns an. 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