{"id":1663,"date":"2018-03-05T19:00:14","date_gmt":"2018-03-05T17:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1663"},"modified":"2018-09-12T20:07:01","modified_gmt":"2018-09-12T18:07:01","slug":"das-madchen-rennt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/das-madchen-rennt\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchen rennt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie h\u00fcbsch sie ist, diese kleine wei\u00dfe Stadt auf dem H\u00fcgel direkt an der K\u00fcste, auf deren grau-schwarz gepflasterten Gassen wir uns m\u00fchsam bis zum maurischen Kastell hochk\u00e4mpfen. Immer wieder verirren wir uns in den schmalen Str\u00e4\u00dfchen, in die nur Einheimische vorsichtig ihre Autos lenken, bleiben stehen vor licht\u00fcberfluteten Gartenflecken, deren fr\u00fchlingshafte Blumenpracht uns staunen l\u00e4sst. Von oben dann der grandiose Blick auf die blauen Weiten des Mittelmeers, auf die hin- und herwogenden Schaumkronen und die funkelnden Lichtspiele der Sonne. Im Hintergrund ragen die wei\u00dfen Gipfel der Sierra Nevada auf, deren mit gelbem Ginster und knorrigen Olivenb\u00e4umen ges\u00e4umte Str\u00e4\u00dfchen wir heute Morgen hinuntergefahren sind, gemeinsam mit den Motorradfahrern, die unseren kleinen Renault in den engen Kurven halsbrecherisch schnitten. Unter der Burg dann eine kleine Kneipe, auf deren verschatteter Terrasse noch einer der vier Tische frei ist. \u00bbCerveceria Martin\u00ab, sagt das Schild \u00fcber dem Eingang. Martin? Ein deutscher Name? Nein, der freundliche runde Besitzer ist eindeutig Spanier. Den heiligen Martin kenne man auch hier gut, sagt er.<br \/>\n\u00bbDuas cervezas. Muy frio, por favor!\u00ab<br \/>\nDie Kehle ist trocken, das T-Shirt durchgeschwitzt. Es tut gut, die Beine durchzustrecken, tief durchzuatmen.<br \/>\n\u00bbQuieren almorzar? Er weist auf das Schild.: Plato de Dia: 9.50 Euros.<br \/>\n\u00bbNo, gracias! Mas tarde!\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>Am Nachbartisch sitzt eine vierk\u00f6pfige Familie, die meine Neugier erregt. Sie sprechen Deutsch, es h\u00e4tte aber genauso gut Englisch sein k\u00f6nnen oder Norwegisch. In Andalusien wimmelt es im Fr\u00fchjahr von sonnenhungrigen Touristen aus den n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern, die sich nach der Sonne sehnen. Es ist nicht ihre Nationalit\u00e4t, die meine Aufmerksamkeit weckt, eher die Kombination der Personen. Das ist nicht Vater, Mutter, Kind und Gro\u00dfmutter, die heilige Familie auf Urlaub, nein, irgendetwas passt nicht, die Atmosph\u00e4re ist bleiern, angestrengt, nur wenige Worte gehen hin und her. Die Speisekarten liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, der Kellner bringt Wei\u00dfwein und Wasser, stellt Gl\u00e4ser und eine Karaffe auf die Tischdecke aus bl\u00fctenwei\u00dfem Papier. Auf der einen Seite \u2013 mit den Gesichtern zu uns \u2013 sitzt ein gutaussehender, dunkelhaariger Mann, schlank, Mitte bis Ende Vierzig, sch\u00e4tze ich, mit grauen Schl\u00e4fen und ernst blickenden braunen Augen. Er raucht. Zu seiner linken Seite eine attraktive \u00e4ltere Dame mit dichtem wei\u00dfen Haar, zu der er sich immer wieder beugt, ihr Wasser nachschenkt und leise ein paar Worte sagt. Mutter und Sohn? Vielleicht. Ihnen gegen\u00fcber, mit dem R\u00fccken zu uns sitzt eine elegante Enddrei\u00dfigerin im gebl\u00fcmten Sommerkleid, neben ihr ein etwa zehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen. Mutter und Tochter, da bin ich mir sicher. Das gleiche r\u00f6tlich-blonde Haar, bei der Mutter mit einer goldenen Spange hochgesteckt, bei der Tochter flie\u00dft die Pracht bis auf die H\u00fcften. Die Frau hat ihre linke Hand auf den rechten Arm des kleinen M\u00e4dchens gelegt, streichelt ihn sanft, zupft immer wieder an den langen Haaren des Kindes, rollt einzelne Str\u00e4hnen \u00fcber die Finger, dr\u00fcckt hin und wieder einen Kuss auf seinen Kopf. Patchworkfamilie, spekuliere ich. Der erste gemeinsame Urlaub. Wird alles gutgehen?<br \/>\nDie Frau greift \u00fcber den Tisch zur Zigarettenschachtel, ohne das Kind loszulassen, der Mann streckt den Arm aus, ein silbernes Feuerzeug blitzt auf.<br \/>\n\u00bbIih!\u00ab, sagt das M\u00e4dchen und wedelt mit der Hand den Rauch weg. \u00bbDu hast versprochen &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbSch\u00e4tzchen, was m\u00f6chtest du essen?\u00ab, unterbricht die Mutter, h\u00e4lt die Zigarette am langen Arm von sich weg und bl\u00e4st den Rauch in Richtung Gasse.<br \/>\n\u00bbIch habe keinen Hunger\u00ab, sagt das M\u00e4dchen.<br \/>\n\u00bbDu musst etwas essen, Kleines!\u00ab, sagt die Mutter.<br \/>\n\u00bbIch habe aber keinen Hunger\u00ab, beharrt die Tochter, sch\u00fcttelt den Arm der Mutter ab wie ein Insekt, springt auf.<br \/>\n\u00bbIch will zum Brunnen!\u00ab Sie zeigt auf die gegen\u00fcberliegende Hauswand, von der ein bemooster Steinfisch Wasser in eine Schale speit.<br \/>\n\u00bbPass auf die Autos auf\u00ab, sagt die Mutter und steht ebenfalls auf.<br \/>\n\u00bbLass sie, hier ist kein Verkehr\u00ab, sagt der Mann, greift \u00fcber den Tisch und legt seine Hand auf die der Frau. Sie zieht sie sofort zur\u00fcck. \u00bbNicht vor dem Kind!\u00ab<br \/>\nDer Mann zuckt die Schultern, schaut zu der \u00e4lteren Frau. Die sagt nichts, schaut dem kleinen M\u00e4dchen nach, das ihre Hand unter das sprudelnde Wasser h\u00e4lt und nach kurzer Zeit zur\u00fcckkommt.<br \/>\n\u00bbMir ist langweilig!\u00ab<br \/>\nDie Mutter nimmt sofort ihre Hand.<br \/>\n\u00bbNun such dir doch was aus, Liebling! Was m\u00f6chtest du essen?\u00ab<br \/>\n\u00bbNichts!\u00ab<br \/>\n\u00bbCharlottchen\u00ab, schaltet sich der Mann ein.\u00abDu hast seit dem Fr\u00fchst\u00fcck nichts mehr gegessen. Und da auch nur ein halbes Croissant. Nun iss doch wenigstens eine Suppe!\u00ab<br \/>\n\u00bbDu hast mir nichts zu sagen\u00ab, sagt das M\u00e4dchen. \u00bbDu bist nicht mein Papa.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, das bin ich nicht\u00ab, sagt der Mann. \u00bbEntschuldige!\u00ab<br \/>\n\u00bbCharlotte-Marie\u00ab, sagt die Mutter und nimmt die n\u00e4chste Zigarette. \u00bbWir hatten eine Vereinbarung. Du kommst mit uns in Urlaub und wir versuchen, gute Freunde zu werden.\u00ab<br \/>\n\u00bbEr ist dein Freund, nicht meiner\u00ab, sagt Charlotte.<br \/>\n\u00bbAber ich m\u00f6chte auch dein Freund werden, Charlottchen\u00ab, sagt der Mann freundlich.<br \/>\n\u00bbAber ich nicht deine Freundin\u00ab, sagt das M\u00e4dchen.<br \/>\n\u00bbWir sollten vielleicht gehen und sp\u00e4ter im Hotel essen\u00ab, sagt die alte Dame leise.<br \/>\n\u00bbIch muss erst auf die Toilette\u00ab, sagt Charlotte.<br \/>\nSofort steht die Mutter auf, nimmt die Tochter an die Hand.<br \/>\n\u00bbIch zeige dir den Weg.\u00ab<br \/>\nSie verschwindet mit dem Kind im Inneren des Lokals.<br \/>\n\u00bbMeine G\u00fcte\u00ab, sagt der Mann. \u00bbCharlotte ist zehn. Die kann doch wohl allein zur Toilette gehen!\u00ab<br \/>\n\u00bbGib ihr Zeit\u00ab, sagt seine Mutter. \u00bbMit Ungeduld kommst du nicht weiter. Das Kind ist eifers\u00fcchtig. K\u00e4mpft um Aufmerksamkeit.\u00ab<br \/>\nDer Mann seufzt, z\u00fcndet sich eine neue Zigarette an, l\u00e4chelt die Zur\u00fcckkommenden verkrampft an.<br \/>\n\u00bbIch habe schon bezahlt\u00ab, sagt die Frau, bleibt am Tisch stehen, l\u00e4sst die Hand ihrer Tochter nicht los. \u00bbGehen wir!\u00ab<br \/>\n\u00bbSchau mal, Sch\u00e4tzchen, die Burg dort oben, die haben die Araber vor \u00fcber 1000 Jahren gebaut. Sollen wir dort hinaufklettern?\u00ab, sagt der Mann.<br \/>\n\u00bbNein! Zu hei\u00df!\u00ab, sagt Charlotte. \u00bbIm Sommer fahre ich wieder mit Papa in Urlaub. Da muss ich nicht so langweilige Besichtigungen machen!\u00ab<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagt die Mutter und ihre Lippen werden schmal. \u00bbUnd du darfst die ganze Zeit mit deinem iPhone spielen.\u00ab<br \/>\n\u00bbGenau\u00ab, sagt die Tochter. \u00bbUnd du kannst ungest\u00f6rt mit Richard herumknutschen.\u00ab<br \/>\nIm Bruchteil einer Sekunde hat die Mutter ausgeholt und zugeschlagen. Es klatscht heftig, als ihre Finger die Wange des Kindes treffen. Die G\u00e4ste auf der Terrasse schauen auf. Charlottes Mund klappt in Zeitlupe auf, aber es kommt kein Schrei, nur ein trockenes Schluchzen. Das M\u00e4dchen rei\u00dft sich los, f\u00e4ngt an zu rennen, verschwindet in der engen Kurve.<\/p>\n<p>\u00bbMeine G\u00fcte\u00ab, sage ich und schaue meinen Mann an. \u00bbWar das bei uns auch so schwierig im ersten Urlaub? Ich meine, mit deinen und meinen Kindern?\u00ab<br \/>\nEr nickt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie h\u00fcbsch sie ist, diese kleine wei\u00dfe Stadt auf dem H\u00fcgel direkt an der K\u00fcste, auf deren grau-schwarz gepflasterten Gassen wir uns m\u00fchsam bis zum maurischen Kastell hochk\u00e4mpfen. 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