{"id":1616,"date":"2018-01-16T18:56:10","date_gmt":"2018-01-16T16:56:10","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1616"},"modified":"2019-07-21T11:48:49","modified_gmt":"2019-07-21T09:48:49","slug":"konsum-entgleisung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/konsum-entgleisung\/","title":{"rendered":"Konsumentgleisung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Diese Geschichte auch bei <a href=\"https:\/\/youtu.be\/y4KsYiRxyVE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u21d2 Youtube!<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbIch will nen Euro\u00ab, br\u00fcllt der F\u00fcnfj\u00e4hrige und haut mit den F\u00e4usten auf den Bauch seiner Mutter.<br \/>\n\u00bbEuro! Ich will nen Euro!\u00ab<br \/>\nEr zeigt auf die rollenden Plastikb\u00e4lle hinter einer Glasscheibe, die man mit einem Kescher fangen kann, wenn, ja wenn der besagte Euro in den daf\u00fcr vorgesehenen Schlitz f\u00e4llt.<!--more--><br \/>\n\u00bbKlaas-Kevin, du kriegst keinen Euro. Und h\u00f6r auf mich zu boxen\u00ab, sagt die gut gepolsterte Mutter, deren Meerjungfrau-Tattoo \u00fcber den fetten, wei\u00dfen Arm bis zum Hals w\u00e4chst. \u00abDat Chriskind hat dir so viele Spielsachen gebracht gestern Abend.\u00ab<br \/>\n\u00bbDie will ich nicht!\u00ab, br\u00fcllt der Kleine und wirft sich auf den Boden. \u00bbIch will nen Euro!\u00ab<br \/>\nDer dazugeh\u00f6rige Vater in Muskelshirt und mit Frankenstein-Tattoo auf dem R\u00fccken pfl\u00fcckt den schreienden Zwerg vom Boden und setzt ihn sich auf die breiten Schultern.<br \/>\n\u00abWenne weiter schreist, darfse nich die Rutsche runterrutschen!\u00ab<br \/>\nDie Drei stapfen durch den Eingangsbereich des Aquadroms im Center Park. Dumpf-feuchte Karibik-Luft schl\u00e4gt ihnen entgegen, das Geschrei hunderter kreischender Kinderstimmen, unterlegt mit Kling Gl\u00f6ckchen, klingelingeling.<br \/>\n\u00bbDie wolln alle mit dich spielen, Schatzi\u00ab, mischt sich die Mutter wieder ein und zeigt auf die Kinder, die sich im warmen Pool mit Raketen beschie\u00dfen. \u00bbDie Kinners warten auf dir.\u00ab<br \/>\n\u00bbDich\u00ab, sagt der Mann und rollt mit den Augen.\u00abAuf dich!\u00ab<br \/>\n\u00bbWieso auf mich?\u00ab, fragt die Frau.\u00abIch meine doch &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbVergiss es \u00bb, sagt der Mann. \u00bbDa hintn is d\u00e4 Norbert. Komm, da gehn wir hin. Hallo, Norbert, wir kommen.\u00ab<br \/>\nDer mit Norbert angeredete Mann hat eine gelbe Schwimmweste vor dem Mund und versucht, sie aufzublasen. Seine Frau h\u00e4lt ein kleines, heulendes M\u00e4dchen auf dem Scho\u00df.<br \/>\n\u00bb Nu beeil dich mal, Norbert! Die Oma is schon im Wasser mit dat Kleine!\u00ab<br \/>\n\u00bbDann mach doch selbst\u00ab, sagt Norbert und wirft der Frau die Weste zu.\u00abWenn du et schnella kanns. Komm, Hans-J\u00fcrgen, wir gehn erstmal nen Bier schluckn.\u00ab<br \/>\nDie beiden M\u00e4nner entfernen sich in Richtung der mit flackernden bunten L\u00e4mpchen geschm\u00fcckten Strand-Bar. \u00bbDat die Fraun aber auch nie zufriedn sind. Dat is doch klar, dat die Brut auch nur rumquengelt.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, f\u00fcrchterlich\u00ab, sagt Hans-J\u00fcrgen, winkt dem als Nikolaus verkleideten Kellner und hebt zwei Finger in die Luft. \u00bbSo\u00b4n Familienurlaub h\u00e4lste nur aus mit gen\u00fcgend Alk. \u00dcbern Tannenbaum hat Nicole auch gen\u00f6rgelt gestern Abend. Und die Kinder habn sich gestritten und die Preise von die Geschenke verglichn.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00abDa freut man sich schon wieda aufe Arbeit\u00ab, sagt Norbert.<br \/>\n\u00bbGuck mal, da geht der Fr\u00e4nki!\u00ab, sagt Hans-J\u00fcrgen. \u00bbWo will der denn hin mit seine Jungs?\u00ab<br \/>\n\u00bbHe, Fr\u00e4nki, wo willse denn hin? Komm her, nimm erst mal eenen zua Brust!\u00ab Norbert hebt sein Glas hoch.<br \/>\nFr\u00e4nki sch\u00fcttelt den Kopf und weist mit dem Daumen nach vorne. \u00bbWir habn den Fu\u00dfballplatz gemietet. Meine Jungs haben vom Christkind Fu\u00dfb\u00e4lle gekricht.\u00ab<br \/>\n\u00bbPah, doch nich vom Christkind. Die habt ihr doch im Sonderangebot bei Aldi gekauft. Schei\u00df B\u00e4lle! Ich will lieber Bogenschie\u00dfen.\u00ab, sagt der Gr\u00f6\u00dfte der Jungen.<br \/>\n\u00bbSei ruhig!\u00ab, sagt Fr\u00e4nki. \u00bbNicht vor die Kleinen. Die glauben noch an dat Christkind.\u00ab Vorbei an dem singenden Engel und dem als Knecht Ruprecht verkleideten Trompeter schiebt Fr\u00e4nki seinen Nachwuchs Richtung Sporthalle.<br \/>\n\u00bbIch will auch lieba Bogenschie\u00dfen\u00ab, schreit der mittlere Junge. \u00bbImmer dat bl\u00f6de Fu\u00dfball. \u00ab<br \/>\n\u00bbKomm, wir gehen wieder rein\u00ab, sagt Hans-J\u00fcrgen. \u00bbSons is die Olle widda saua. Ich hab ihr versprochn, sie darf inne Sauna. Ich muss die Kinners \u00fcbernehmen, sonst is der Weihnachtsfriedn hinne.\u00ab<br \/>\nAm Fischteich wirft ein kleiner Junge Plastik-Schnipsel ins Wasser, die die Goldfische zu schnappen versuchen.<br \/>\n\u00bbBisse denn verr\u00fcckt\u00ab, schreit die Mutter. \u00bbDie krepieren doch, die Viecha, wennse dat schluckn!\u00ab Sie haut dem Knirps eine runter, der l\u00e4sst sich sofort fallen und br\u00fcllt wie am Spie\u00df.<br \/>\n\u00bbIch werde Sie anzeigen\u00ab, sagt ein \u00e4lterer Mann mit holl\u00e4ndischen Akzent. \u00bbAuch in Deutschland ist es verboten, Kinder zu schlagen. Zumindest in der \u00d6ffentlichkeit!\u00ab<br \/>\n\u00bbHau ab, du Kaaskopp\u00ab, schreit die Frau.\u00a0 &#8222;K\u00fcmma du dich um du dich!\u00ab Sie zerrt den Spr\u00f6ssling hoch und verschwindet in der Umkleide des Schwimmbads.<br \/>\n\u00bbHeute Abend is Pfannkuchenessen. Um sechs.\u00ab Eine pickelige Pubertierende schiebt den Bademantel \u00fcber ihren ausladenden Vorbau und plinkert den mageren Knaben auf der Bank neben ihr an. \u00bbKommse mit?&#8220;<br \/>\n\u00bbJetzt will ich inne Welln\u00ab, sagt der. \u00abEcht geile Str\u00f6mung im Au\u00dfenkanal.&#8220;<br \/>\n\u00bbMia is kalt\u00ab, sagt die Freundin und dr\u00fcckt sich an ihn. Er nimmt sie auf den Scho\u00df und dann lutschen sie sich die Gesichter vom Kopf. Ein kleines M\u00e4dchen starrt sie an, sagt \u00bbIgittigitt. Mama, kuck mal, wie eklich.\u00ab<br \/>\nDie Mutter ist unangenehm ber\u00fchrt. \u00bbDa, kuck, die V\u00f6gelchen inne Palmen. Sindse nich s\u00fc\u00df?\u00ab Aber das M\u00e4dchen hat schon etwas anderes gefunden, was ihre Aufmerksamkeit fesselt. \u00bbEin wei\u00dfet Rentia! Ein wei\u00dfet Rentia!\u00ab, jubelt sie. &#8222;Darf ich innen Schlitten? Bitte, bitte! Darf ich?\u00ab<br \/>\n\u00bbDat ihr abba auch nie den Hals voll kriecht\u00ab, sagt die Mutter und sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbWenn dat de Papa w\u00fcsste! Aber da iss er ja! Manfred, komma her. Nimm mal dat Kind. Ich muss noch wat einkaufen hier inne Drogerie. Meine Haut is ganz trocken von dat hei\u00dfe Wassa. Bisken Creme h\u00e4ttse mir ja auch schenken k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\nSie schiebt die Tochter ihrem Mann zu und verschwindet in der Parf\u00fcmerie. Der Vater nimmt das Kind an die Hand. \u00bbKomm, Chantalle, wir gehn ersmal wat essen. Willse nen Eis oder wat?\u00ab<br \/>\nDas M\u00e4dchen sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbCola, ich will Cola!\u00ab<br \/>\n\u00bbNee, nich schon widda\u00ab, sagt der Vater. \u00bbDoch\u00ab, sagt das M\u00e4dchen und trampelt mit den F\u00fc\u00dfen auf den Boden.<br \/>\n\u00bbAbba nich Mama sagen\u00ab, sagt der Mann, holt Cola f\u00fcr die Tochter und einen Schnaps f\u00fcr sich. \u00abWillse auch Pommes?\u00ab<br \/>\nIm Hintergrund singt eine hohe Frauenstimme: \u00bbS\u00fc\u00dfer die Glocken nie klingen.\u00ab Niemand h\u00f6rt zu. Der Geruch von Pommes mit Ketchup \u00fcberlagert jede Ahnung von Apfel, Nuss und Mandelkern, die fromme Kinder angeblich so gerne essen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Diese Geschichte auch bei \u21d2 Youtube! &nbsp; \u00bbIch will nen Euro\u00ab, br\u00fcllt der F\u00fcnfj\u00e4hrige und haut mit den F\u00e4usten auf den Bauch seiner Mutter. \u00bbEuro! 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