{"id":1605,"date":"2017-12-13T19:46:18","date_gmt":"2017-12-13T17:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1605"},"modified":"2018-09-12T19:45:52","modified_gmt":"2018-09-12T17:45:52","slug":"the-three-frustrated-women-of-venice","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/the-three-frustrated-women-of-venice\/","title":{"rendered":"The Three Frustrated Women of Venice"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/venedig.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1601\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/venedig-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ob es wirklich eine gute Idee war, diese gemeinsame Studienfahrt nach Venedig? Zweifel bewegten Adriane schon im Flugzeug. Gewiss, sie waren die <em>Unzertrennlichen Drei<\/em>, damals auf dem M\u00e4dchengymnasium in Bonn. Aber welcher Teufel hatte sie geritten, 30 Jahre nach ihrem Abitur bei der feuchtfr\u00f6hlichen Wiedersehensfeier zu beschlie\u00dfen, noch einmal gemeinsam eine Reise zu machen. <!--more-->Diesmal nicht in eine Jugendherberge auf einer der Ostfriesischen Inseln, nein, das war vorbei, sie waren immerhin wohlhabende, kulturell interessierte Frauen in den Vierzigern. Ein bisschen Luxus musste sein, das hatten sie sich schlie\u00dflich verdient. Sie buchten eine Studiosus-Reise nach Venedig. Teuer, aber der Preis garantierte luxuri\u00f6se Hotels, ausgezeichnetes Essen in gepflegtem Ambiente und eine kompetente Reiseleitung, die ihnen die Kunstsch\u00e4tze der Stadt n\u00e4herbringen w\u00fcrde, ehe sie endg\u00fcltig untergingen unter dem Ansturm der ungebildeten Massen, die auf riesigen Kreuzfahrtschiffen oder mit Hilfe sogenannter Billiganbieter Venedig \u00fcberschwemmten und die einheimische Bev\u00f6lkerung vertrieben. Im Flughafen Bonn-K\u00f6ln die erste Entt\u00e4uschung. Wegen technischer Probleme \u2013 und das bei einer Lufthansa-Maschine! \u2013 konnten sie erst mit f\u00fcnfst\u00fcndiger Versp\u00e4tung starten.<br \/>\n\u00bbFr\u00fcher flog immer ein Techniker mit. Da w\u00e4re sowas nicht passiert\u00ab, sagte Franziska, fuhr mit den H\u00e4nden durch ihre wei\u00dfblonden Locken und nahm Kamm und Lippenstift aus der Gucci-Tasche.<br \/>\n\u00bbKein Techniker, ein Flugingenieur flog mit\u00bb, sagte Adriane, die schon in der Schule alles besser wusste. \u00bbUnd der h\u00e4tte dann nat\u00fcrlich das Flugzeug repariert. M\u00f6glichst im freien Fall oder wie stellst du dir das vor?\u00ab Sie ging zur Bar und bestellte f\u00fcr alle drei ein Glas Champagner. \u00bbF\u00fcr die gute Laune!\u00ab, sagte sie.<br \/>\n\u00bbEin halber Tag verloren!\u00ab Dorothea schob den Champagner zur\u00fcck in Richtung Adriane, blickte auf die Uhr und runzelte die Stirn. \u00bbWir kommen erst abends an. Und das bei f\u00fcnf Tagen! Ich werde mich beschweren und Geld zur\u00fcck verlangen.\u00bb<br \/>\n\u00bbDas ist prollig, Doro\u00ab, sagte Franziska entschieden. \u00bbDas tun wir nicht. Da bekommst du l\u00e4cherliche 100 Euros zur\u00fcck. So what! Diese Geldfuchserei ist einfach peinlich.\u00ab<br \/>\nFranziska hat gut reden, dachte Adriane. Mit ihrem gro\u00dfen Busen und dem Stroh im h\u00fcbschen Kopf hatte sie sich fr\u00fchzeitig einen reichen Amerikaner geangelt, viel \u00e4lter als sie, und der hatte auch erwartungsgem\u00e4\u00df nach ein paar Jahren das Zeitliche gesegnet. Kein Wunder, dass sie keine Geldprobleme hatte.<br \/>\nDorothea hatte sich auch fr\u00fcher nie f\u00fcr Jungen interessiert, lag lieber unter ihrem alten VW-K\u00e4fer und reparierte daran herum. Ihre Stimme war tief und ein bisschen rau, sie rauchte hin und wieder ein Zigarillo, konnte reiten wie der Teufel und trug im Gegensatz zu ihren Freundinnen immer praktische Turnschuhe oder Lederstiefel, wenn das Wetter schlechter wurde. Trotzdem war sie auf eine jungenhafte Art attraktiv, mit einem schlanken K\u00f6rper, feingeschnittenen Z\u00fcgen und einem Wust von scharzen Haaren gesegnet. Ob sie wohl mit einer Frau zusammenlebte?<br \/>\nAdriane selbst neigte zum Dickwerden. Erbittert k\u00e4mpfte sie gegen ihre Pfunde. Sie war nicht unattraktiv, das wusste sie, aber nach zwei Scheidungen hatte sie erst einmal die Nase voll von M\u00e4nnern. Obwohl \u2026 obwohl in einer Reisegruppe von gebildeten, wohlhabenden Teilnehmern wie bei Studiosus, da k\u00f6nnte doch der eine oder andere attraktive und gebildete Mann dabei sein, der vielleicht auch auf der Suche nach einer warmherzigen, molligen Frau war. Nat\u00fcrlich war Adriane klar, dass sie sich in Konkurrenz mit Franziska befand, deren Sexappeal &#8211; zumindest fr\u00fcher \u2013 unschlagbar war.<br \/>\nDie Reiseleitung hatte eine routinierte Dame Ende 50 inne. Charme prallte an der ab, hatte Franziska sofort im Hotel feststellen m\u00fcssen, als sie um ein ruhiges Zimmer mit Blick auf den Canale Grande bat.<br \/>\n\u00bbDarauf habe ich keinen Einfluss\u00ab, sagte Frau Dr. Maria Wohlfahrt. \u00bbDas m\u00fcssen Sie mit dem jungen Mann an der Rezeption kl\u00e4ren.\u00ab<br \/>\nAber auch bei dem hatte sie kein Gl\u00fcck, wie Adriane mit Genugtuung feststellte, die heimlich 100 Euro \u00fcber den Tresen geschoben hatte. Selbstverst\u00e4ndlich bekam sie ein Zimmer mit Kanalblick.<br \/>\nIhr Coup war keine so gute Idee gewesen. Sie stand am n\u00e4chsten Morgen schon sehr fr\u00fch an der Rezeption.<br \/>\n\u00bbDas Zimmer ist untragbar. Ich kann das Fenster nicht \u00f6ffnen. Vom Wasser her stinkt es wie die Pest. Und der infernalische Krach! Schon um f\u00fcnf brummen die Vaporettos los und dann kriegt man kein Auge mehr zu. Ich m\u00f6chte ein Zimmer nach hinten raus. Hauptsache ruhig.\u00ab<br \/>\nBei dem h\u00fcbschen Italiener hatten seine guten Deutschkenntnisse wohl \u00fcber Nacht gelitten. Er sch\u00fcttelte verst\u00e4ndnislos den Kopf.<br \/>\n\u00abBonita camera, signora\u00ab, sagte er. \u00bbVista fantastica! Canale Grande. Benissimo!\u00ab<br \/>\nAdriane ging zur Reiseleitung, aber da stand schon Franziska. Ihre hohe Stimme war durch die ganze Hotelhalle zu h\u00f6ren.<br \/>\n\u00bbEine Unversch\u00e4mtheit. Das soll ein 4-Sterne-Hotel sein? Wohl italienischer Z\u00e4hlweise. In Deutschland w\u00fcrde man f\u00fcr diesen Kasten h\u00f6chstens zwei Sterne bekommen. Das Zimmer ist zu klein, das Bett hart, und die Klosp\u00fclung funktioniert nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbWieso funktioniert die Klosp\u00fclung nicht?\u00ab<br \/>\n\u00bbWie soll ich das wissen?\u00ab<br \/>\n\u00bbKann ich mir kaum vorstellen\u00ab, sagte Frau Dr. Wohlfahrt. \u00bbSagen Sie an der Rezeption Bescheid und dann wird sich der Haustechniker darum k\u00fcmmern.\u00ab<br \/>\n\u00bbDie sind selbst schuld, wenn ich nicht abziehen kann\u00ab, murrte Franziska. \u00bbTypisch italienische Schlamperei!\u00ab<br \/>\n\u00bbWahrscheinlich bist du nur zu dumm, die Sp\u00fclung richtig zu bedienen\u00ab, mischte sich Dorothea ein. \u00bbIn jedem Land funktioniert die Toiletten-Sp\u00fclung anders. Ein bisschen technisches Verst\u00e4ndnis kann manchmal nicht schaden. Es ist nicht immer ein Mann zur Hand.\u00ab<br \/>\nFranziska bekam einen roten Kopf. \u00bbKannst ja mit raufkommen, wenn du willst. Ich zeig dir, dass sie nicht funktioniert.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein,\u00ab sagte Dorothea, \u00bbich habe eine bessere Idee. Wir tauschen die Zimmer. In meinem Apartment kann ich nicht nackt herumlaufen. Da glotzt mich immer so ein dunkelhaariger Typ von der gegen\u00fcberliegenden Seite an. Ekelhaft!\u00ab<br \/>\n\u00bbIch w\u00fcrde auch tau &#8230;\u00ab, sagte Adriane sofort. Doch Franziska eilte schon die Treppen hinauf.<br \/>\n\u00bbNach dem Fr\u00fchst\u00fcck treffen wir uns im Foyer\u00ab, sagte Frau Dr. Wohlfahrt. \u00bbAuf dem Programm steht heute der Markusplatz mit Markusdom, der Dogenpalast mit Seufzerbr\u00fccke und Kerker. Dann laufen wir \u00fcber die Rialtobr\u00fccke zur Galeria dell`Academia, an deren Eingang uns Herr Professor Dr. Mario Vizenza zu einer F\u00fchrung zu den Kunstwerken des Cinquecento erwartet: Raffael, Giotto, Boticelli, Tizian, Donatello, Fra Angelico, Filippi Lippi, aber all diese ber\u00fchmten Namen muss ich Ihnen nicht aufz\u00e4hlen, nicht wahr? Nach einer kurzen Mittagspause besuchen wir die Iglesia \u00bbMadonna dell` Orto\u00ab, mit einigen weltber\u00fchmten Tintorettos, die uns auf seine herrlichen Bilder in der Scuola Grande de San Rocco vorbereiten, die ich Ihnen morgen fr\u00fch pers\u00f6nlich zeigen m\u00f6chte nach einer Gondelfahrt auf dem Canale Grande. Nachmittags besichtigen wir die Basilika Sante Maria della Salute, wo es Ihnen dann mit Ihrem Vorwissen sofort gelingen wird, das ber\u00fchmte Gem\u00e4lde von Tintoretto zu entdecken. Ein kurzer Bummel durch die Altstadt schlie\u00dft sich an, ehe wir uns vom Vaporetto zum Casa d` Oro bringen lassen. Am dritten Tag &#8230;. ich h\u00f6re hier auf. Sie bekommen das detaillierte Programm unserer Studienfahrt ausgedruckt heute Abend nach dem Dinner, bevor Frau Dr. Julia M\u00fchlmann-Freiersleben einen Vortrag \u00fcber die Geistesstr\u00f6mungen im Cinquecento h\u00e4lt. Selbstverst\u00e4ndlich werden wir Ihnen auch &#8230; \u00bb<br \/>\n\u00bbIch kann nicht mehr\u00ab, fl\u00fcsterte Adriane. \u00bbMir tun vom Zuh\u00f6ren schon die F\u00fc\u00dfe weh. M\u00fcssen wir alles mitmachen?\u00ab<br \/>\n\u00bbSelbstverst\u00e4ndlich\u00ab, sagte Dorothea. \u00bbDaf\u00fcr sind wir hier. Teuer genug ist die Reise ja. Hast du dich nicht auf das Cinquecento vorbereitet?\u00ab<br \/>\n\u00bbEs soll doch auch eine Tour auf Commissario Brunettis Spuren geben.\u00ab Franziska hob den Finger. \u00bbGibt es die M\u00f6glichkeit, einer Lesung von Donna Leon beizuwohnen?\u00ab<br \/>\n\u00bbDas hier sind Studiosus-Reisen\u00ab, sagte Frau Dr. Wohlfart bestimmt. \u00bbUnd wir sind daf\u00fcr bekannt, dass wir unser Niveau halten. Sie k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich Ihre Tage in Venedig selbst gestalten. Aber Geld f\u00fcr verpasste F\u00fchrungen wird nicht erstattet. Im \u00dcbrigen k\u00f6nnen Sie sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, dass wir die Gelegenheit haben werden, unter sachkundiger F\u00fchrung die Biennale zu besuchen, die &#8211; wie der Name schon sagt &#8211; nur alle zwei Jahre stattfindet. \u00bb<br \/>\n\u00bbWieso sagt der Name das?\u00ab, murmelte Franziska.<br \/>\n\u00bbWohl in Latein Briefchen geschrieben, was?\u00ab Adriane l\u00e4chelte \u00fcberlegen. \u00bbIch gehe \u00fcbrigens heute nicht mit zu der F\u00fchrung. Gestern Abend in der Bar habe ich noch einen netten Herrn kennengelernt, einen pensionierten Oberstudiendirektor, der sich gut in Venedig auskennt. Er hat gesagt, es w\u00fcrde ihm gro\u00dfes Vergn\u00fcgen machen, sich meiner anzunehmen und mir die Sch\u00f6nheiten Venedigs zu zeigen. Ganz privat.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas hat aber schnell geklappt mit der Herrenbekanntschaft\u00ab, sagte Franziska. \u00bbHoffentlich ist er nicht so ein alter Langweiler, der ununterbrochen labert. Ich gehe jedenfalls mit der Gruppe mit, selbst wenn mir die F\u00fc\u00dfe abfallen. Und in der Mittagspause\u00a0 genehmige ich mir eine Karaffe Wei\u00dfwein zu fettucine con fungi. Wie der Commissario.\u00ab<br \/>\nSie stolzierte auf hohen Hacken aus dem Hotel, steckte sich drau\u00dfen eine Zigarette an, inhalierte gierig.<br \/>\n\u00bbDivieto fumare\u00ab, sagte Frau Dr. Wohlfahrt, die ihr nachgekommen war. \u00bbIch muss Sie bitten, Ihre Zigarette auszumachen. Das Rauchen ist im Eingangsbereich verboten.\u00ab<br \/>\n\u00bbSchei\u00df Venedig\u00ab, sagte Franziska, schmiss die Zigarette auf den Boden und drehte sie mit dem Absatz aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>frei nach: Somerset Maugham, The Three Fat Women of Antibes<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob es wirklich eine gute Idee war, diese gemeinsame Studienfahrt nach Venedig? Zweifel bewegten Adriane schon im Flugzeug. 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