{"id":1585,"date":"2017-12-07T19:30:42","date_gmt":"2017-12-07T17:30:42","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1585"},"modified":"2018-09-17T20:48:22","modified_gmt":"2018-09-17T18:48:22","slug":"das-hat-er-noch-nie-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/das-hat-er-noch-nie-gemacht\/","title":{"rendered":"Das hat Hektor noch nie gemacht!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/pitbull.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1600\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/pitbull-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Sie hatten den Hund schon auf dem Hinweg gesehen. Den muskelbepackten, wei\u00dfen Pitbull mit dem quadratischen Kopf und dem halboffenen Maul, aus dem lang und dick die Zunge hing wie ein dunkelrosa Fleischlappen. Der kleine, glatzk\u00f6pfige Mann, der ihn an der Leine hielt, br\u00fcllte den Hund an, riss ihn immer wieder zur\u00fcck, schlug ihm das Ende der Leine \u00fcbers Kreuz.\u00abVerdammt, Hektor! Bei Fu\u00df, Hektor!\u00ab<!--more--><br \/>\nGottseidank war er an der Leine, dachte die \u00e4ltere Frau, die mit ihrem Ehemann auf der Bank sa\u00df und ihr Gesicht in die herbstliche Sonne hielt. Der Pitbull knurrte den sitzenden Mann an, hob die Lefzen, zeigte seine spitzen Z\u00e4hne. Er riecht seine Angst, dachte die Frau, er riecht, dass Edgar Angst vor ihm hat. Zum Gl\u00fcck herrscht hier im Naturschutzgebiet Leinenzwang. Auch Maulkorbpflicht?<br \/>\n\u00bbMal wieder typisch\u00ab, sagte ihr Mann, als der schwer t\u00e4towierte Hundehalter sich mit dem geifernden Hund ein St\u00fcck entfernt hatte. \u00bbNichts in der Birne und zu klein geraten. Der braucht einen Killer-Hund.\u00ab<br \/>\n\u00bbEdgar\u00ab, sagte die Frau. \u00bbDas ist nicht nett! Der Hund hat gemerkt, dass du Angst hast.\u00ab<br \/>\n\u00bbZu Recht\u00ab, sagte der Mann. \u00bbZu Recht habe ich Angst. Weisst du noch, wie kurz nach der Wende in Weimar einer dieser Skins seinen Kampfhund immer wieder \u00fcber seinen Kopf riss und dann auf den Boden donnerte. Der wurde scharf gemacht und sollte trotzdem wissen, wer das Sagen hat.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd keiner der Spazierg\u00e4nger hat sich damals getraut einzugreifen. Wir auch nicht.\u00ab Sie sch\u00fcttelte sich. \u00bbLass uns weitergehen.\u00ab<br \/>\nDie letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres lie\u00dfen die Bl\u00e4tter der Birken und Weiden golden funkeln, Lichtkreise spielten auf dem tr\u00e4ge dahinflie\u00dfenden Fl\u00fcsschen. Kraniche flogen in streng geordneter Formation \u00fcber das Moor, lie\u00dfen sich auf einer sumpfigen Wiese nieder, erhoben sich kreischend in die Luft, als von Ferne eine Motors\u00e4ge aufbr\u00fcllte. Der Mann fotografierte, die Frau sah immer wieder durchs Fernglas, machte ihn auf den Bussard aufmerksam, der in der Luft r\u00fcttelte und pl\u00f6tzlich hinabstie\u00df auf seine Beute. Vor lauter Schauen verga\u00dfen sie die Zeit. Die Sonne \u2013 ein blassroter Ball \u2013 stand tief, die Schatten wurden l\u00e4nger, Wind kam auf.<br \/>\n\u00bbWir sollten zur\u00fcckgehen, Edgar, es wird kalt\u00ab, sagte die Frau. Hand in Hand gingen sie den Sandweg zur\u00fcck, auf dem sie gekommen waren.<br \/>\nDie Sonne verschwand hinter den Wolken, sie beschleunigten ihre Schritte. An der n\u00e4chsten Wegkreuzung sahen sie Herrn und Hund wieder, \u00fcber den Wiesenpfad kommend und im Begriff, auf den Hauptweg einzubiegen. Der Hund war in F\u00fchrung, zog heftig an der Leine, eine Fahne von Schaum vor dem Maul. Mein armer Edgar, dachte die Frau, die die Hundephobie ihres Mannes kannte. Doch sie hatten keine Chance auszuweichen. Wieder fixierte der Hund den Mann mit hellen, leicht hervorstehenden Augen, roch dessen Furcht, fing hysterisch an zu bellen, wurde angeschrien.<br \/>\n\u00bbRuhig, Hektor! Sitz, Hektor! Verdammt noch mal, sitz!\u00ab<br \/>\nDer Hund war nicht beherrschbar. Mit einem gro\u00dfen Satz sprang er auf Edgar los, dessen Panik ihn kopflos machte. Wider besseres Wissen fing er an zu schreien. Der Hund wurde fuchsteufelswild, riss die Leine aus den H\u00e4nden seines Herrn, knurrte und schnappte, sprang an dem Mann hoch mit der ganzen Wucht seines bulligen K\u00f6rpers. Eine Kampfmaschine, seit Jahrhunderten trainiert und gez\u00fcchtet, um gegen Bullen und B\u00e4ren anzutreten, sich in deren Nasen zu verbei\u00dfen.<br \/>\nEdgar br\u00fcllte, versuchte sein Gesicht, seine Kehle mit den Armen zu sch\u00fctzen. Erst als die Frau mit erhobenem Wanderstock auf den Hund lospr\u00fcgelte, nach ihm trat, lie\u00df der Pitbull von dem Mann ab und attackierte die Angreiferin. Biss immer wieder zu, riss Stofffetzen aus ihrer Daunenjacke. Der Besitzer fasste den Hund am Halsband, riss ihn zur\u00fcck, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den rasenden Hund. Die Frau blutete heftig an den Armen, an den H\u00e4nden und im Gesicht, wurde pl\u00f6tzlich kalkwei\u00df, setzte sich auf den Boden.<br \/>\nDer Hund bellte weiter, mit hochgezogenen Lefzen.<br \/>\n\u00bbDas hat Hektor noch nie gemacht. Noch nie hat er das gemacht. Ihr Stock ist schuld!\u00ab Der Glatzkopf drehte sich um, lief weg, den Hund hinter sich herzerrend.<br \/>\n\u00bbHe\u00ab, rief der Mann. \u00bbHe Sie, Sie k\u00f6nnen nicht einfach weglaufen. Meine Frau blutet.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch hole Hilfe\u00ab, schrie der Mann zur\u00fcck und verschwand hinter der n\u00e4chsten Biegung. Edgar hockte sich neben seine Frau, z\u00fcckte das Smartphone. Kein Empfang hier drau\u00dfen, nat\u00fcrlich nicht. Ein Gruppe Jugendlicher kam aus der Gegenrichtung auf sie zu geradelt, hielt an. Eine junge Frau kniete sich neben die um Luft ringende Frau, sah das Blut aus ihrem \u00c4rmel pulsieren.<br \/>\n\u00bbIch bin Krankenschwester\u00ab, sagte sie und zog den G\u00fcrtel aus der Jeans, band den Arm ab. Einer ihrer Freunde drehte um, preschte zur\u00fcck zur Kneipe am Eingang des Naturschutzgebietes, um nach einer Ambulanz zu telefonieren. Die Krankenschwester deckte die Frau mit Jacken zu, die die jungen Leute bereitwillig auszogen. \u00bbSie darf nicht ausk\u00fchlen. Ihr Puls ist niedrig.\u00ab Jemand hatte eine Flasche Wasser dabei. Die Frau trank, versuchte zu l\u00e4cheln. \u00bbAlles in Ordnung!\u00ab<br \/>\n\u00bbNichts ist in Ordnung\u00ab, sagte Edgar und streichelte besorgt ihre Wange. \u00bbDu bist so blass! Du h\u00e4ttest dich nicht einmischen d\u00fcrfen.\u00ab<br \/>\nEs dauerte eine Weile, bis der Krankenwagen kam. Die jungen Leute standen betroffen um das Paar herum.<br \/>\n\u00bbMeine Frau hat Herzprobleme\u00ab, sagte der Mann. \u00bbIch habe Angst, dass &#8230;\u00ab<br \/>\nEndlich Blaulicht. Im Krankenhaus wurden die Bisswunden versorgt, ein Mittel gegen Tetanus gespritzt. Der Kreislauf stabilisiert.<br \/>\nDie Polizei leitete die Fahndung ein. Solange der Hund nicht gefunden wurde, konnte auch Tollwut nicht ausgeschlossen werden. Nat\u00fcrlich hatte der Hundehalter keine Hilfe geholt, war am Ausflugslokal vorbeigegangen und in seinen Wagen gesprungen. Ein dunkler BMW, wie ein Zeuge aussagte, der sich \u00fcber den gro\u00dfen schwarzen SUV gewundert hatte, in dem der kleine Mann mit seinem laut bellenden Kampfhund verschwunden war. Mit durchdrehenden Reifen war er davongerast.<br \/>\nEin Vorurteil wurde best\u00e4tigt. Leider. Der Mann betrieb mit seinem Bruder einen Schrottplatz in der nahen Kleinstadt. Wegen ruhest\u00f6renden L\u00e4rms hatte es schon wiederholte Beschwerden von Anwohnern gegeben. Die Polizei fand im Hof drei Zwinger mit halbverhungerten, hoch aggressiven Pitbull-Terriern. Von den Besitzern keine Spur. Sie hatten sich offensichtlich davongemacht. Das Unternehmen hatte vor kurzem beim Amtsgericht Insolvenz angemeldet. Die Fahndung l\u00e4uft europaweit. Bisher ohne Erfolg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hatten den Hund schon auf dem Hinweg gesehen. Den muskelbepackten, wei\u00dfen Pitbull mit dem quadratischen Kopf und dem halboffenen Maul, aus dem lang und dick die Zunge hing wie ein dunkelrosa Fleischlappen. 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