{"id":1583,"date":"2017-12-07T19:27:13","date_gmt":"2017-12-07T17:27:13","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1583"},"modified":"2020-07-10T17:37:15","modified_gmt":"2020-07-10T15:37:15","slug":"warum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/warum\/","title":{"rendered":"Abgest\u00fcrzt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/messie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1599\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/messie-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Es war die letzte Gelegenheit f\u00fcr den Auslandsschuldienst, dieses Angebot der deutschen Schule in Santiago de Chile. Dem Oberstudienrat f\u00fcr Deutsch und Mathematik Hans-J\u00fcrgen Kassens wurde eine Funktionsstelle als stellvertretender Schulleiter am Colegio Aleman angeboten. Seine Frau Helene, Diplom-\u00dcbersetzerin f\u00fcr Englisch und Spanisch, erkl\u00e4rte sich auf Anfrage bereit, w\u00f6chentlich zw\u00f6lf Stunden Englisch zu unterrichten.<!--more--> Die Zwillinge &#8211; Felix und Sanne \u2013 gingen in die neunte Klasse und waren recht selbstst\u00e4ndig. Sorgen machte dem Ehepaar Kassens allein Marius, der \u00c4lteste. Er hatte im Sommer sein Abitur gemacht, und bei seinen gl\u00e4nzenden Noten war er auch gleich zum Medizinstudium in Hamburg zugelassen worden. Sie hatten gemeinsam eine bezahlbare kleine Wohnung gesucht \u2013 f\u00fcr die Studentenheime gab es Wartezeiten &#8211; und mit ihm den Umzug von Bremen nach Hamburg organisiert. Er wollte nicht mit nach Santiago kommen, freute sich auf sein Studium, war eingebunden in einen festen Freundeskreis von musikbegeisterten jungen Leuten. Nat\u00fcrlich fragte sich Helene als besorgte Mutter, ob sie Marius mit seinen 19 Jahren allein lassen konnten, doch ihr Mann lachte und sagte, es sei Zeit f\u00fcr Marius, sich von Mutters Sch\u00fcrze zu l\u00f6sen.<br \/>\nMarius war ein fr\u00f6hliches Kind gewesen, intelligent, kommunikativ. Er wurde von den Lehrern gesch\u00e4tzt, war bei seinen Kumpeln beliebt und seine hohe musikalische Begabung hatte ihn lange \u00fcberlegen lassen, ob er nicht doch Berufsmusiker werden sollte.<\/p>\n<p>Dass Marius auch zu Weihnachten nicht nach Chile kommen wollte, machte Frau Kassens zu schaffen. Noch nie hatte ein Familienmitglied beim Weihnachtsfest gefehlt.<br \/>\n\u00bbDa wirst du dich dran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, meine Liebe\u00ab, sagte ihr Mann. \u00bbUnser Sohn hat Auftritte mit seiner Band. Am Heiligabend gehen die Jungs doch sowieso sp\u00e4tabends alle in die Disko. Dar\u00fcber regst du dich doch seit Jahren auf.\u00ab<br \/>\nFrau Kassens freute sich auf Ostern. Dann werde er sicher kommen, hatte Marius versprochen. Doch er stornierte den Flug.<br \/>\n\u00bbEine verschleppte Grippe. Regt euch nicht auf!\u00ab, sagte er am Telefon mit heiserer Stimme und hustete.<br \/>\n\u00bbEr wird als Mediziner wohl am besten wissen, was ihm guttut\u00ab, sagte Herr Kassens. \u00bbIn ein paar Monaten fahren wir sowieso nach Deutschland und du wirst staunen, wie erwachsen dein Sohn geworden ist.\u00ab Helene Kassens schluckte ihre Bedenken hinunter und widmete sich ihren j\u00fcngeren Kindern.<br \/>\nDoch die Sommerferien &#8211; den chilenischen Winter \u2013 wollte Herr Kassens nutzen, um mit einem Jeep kreuz und quer durch die Atacama-W\u00fcste zu fahren. Er buchte ein kleines Apartment in San Pedro de Atacama, der geeignete Ort f\u00fcr W\u00fcstentouren. Sie w\u00fcrden zu den hei\u00dfen Quellen fahren, die ihr Wasser in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden als Font\u00e4nen in die Luft jagten, die Kinder freuten sich auf die Kolonien von rosafarbenen Flamingos in der Lagune und auf die spektakul\u00e4re D\u00fcnenwanderung im Val de Luna. Das Ehepaar versuchte, den gro\u00dfen Sohn dazu zu bewegen, sich ihnen anzuschlie\u00dfen. Solch ein Abenteuer w\u00fcrde er sich doch nicht entgehen lassen. Flugtickets w\u00fcrden hinterlegt. Er habe keine Zeit, hie\u00df es in seiner Whatsapp. Er pauke f\u00fcrs Physikum im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr.<br \/>\n\u00bbDer ist froh, uns mal f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit los zu sein\u00ab, sagte Herr Kassens. \u00bbNun g\u00f6nn ihm doch das freie Studentenleben!\u00ab<br \/>\nNach der Sommerpause war Marius telefonisch kaum noch zu erreichen, und wenn doch, war er m\u00fcrrisch und einsilbig.<br \/>\nEnde Oktober wurde Helene Kassens schlie\u00dflich so unruhig, dass sie zu Beginn der Herbstferien einen Flug von Santiago \u00fcber Frankfurt nach Hamburg buchte. Herr Kassens war in seiner Funktion als stellvertretender Schulleiter unabk\u00f6mmlich.<br \/>\nMarius stand nicht in der Empfangshalle des Flughafens, um \u2013 wie ausgemacht \u2013 seine Mutter mit dem Familienauto abzuholen. Hatte er verschlafen? War er mit dem Aufr\u00e4umen nicht fertig geworden? Sie w\u00e4hlte Marius`\u00a0 iPhone-Nummer. Niemand meldete sich. Der Anrufbeantworter wiederholte immer wieder, zur Zeit sei die gew\u00e4hlte Nummer nicht erreichbar..<br \/>\nHelene \u00fcberlegte nicht lange, fuhr mit dem Taxi sie zu Marius` Studentenbude.<\/p>\n<p>An der Wohnungst\u00fcr des dreist\u00f6ckigen Hauses in Hamburg-Altonau klingelte sie Sturm. Mit einem Blick sah sie, dass der Briefkasten mit dem Namensschild ihres Sohnes \u00fcberquoll. Zeitungen und Werbebrosch\u00fcren waren in die \u00d6ffnung gerammt, das Papier durchn\u00e4sst und zerrissen. Als niemand \u00f6ffnete, dr\u00fcckte sie auf jeden einzelnen Klingelknopf im Haus, bis der T\u00fcr\u00f6ffner brummte. Im Erdgeschoss stand eine verschlafene Gestalt mit rot-blauem Irokesenschnitt in der T\u00fcr\u00f6ffnung und schaute sie fragend an.<br \/>\n\u00bbIch will zu meinem Sohn Marius\u00ab, sagte Frau Kassens. \u00bbEr macht nicht auf.\u00ab<br \/>\n\u00bbTja, denn is er wohl nich da, ne?\u00ab<br \/>\n\u00bbKennen Sie Marius?\u00ab, fragte sie.<br \/>\n\u00bbEin bisschen\u00ab, sagte der junge Mann. \u00bbIch habe ihn aber in letzter Zeit kaum gesehen. Ich wei\u00df auch nicht, wo er ist.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie komme ich an einen Schl\u00fcssel f\u00fcr die Wohnung?\u00ab<br \/>\n\u00bbWie? Einfach so rein? Das geht nicht. Das will Ihr Sohn sicher nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbH\u00f6ren Sie\u00ab, sagte Helene Kassens, Panik in der Stimme, \u00bbich bin heute Morgen aus Chile gekommen, Marius wollte mich abholen. Er ist nicht gekommen. Ich habe Angst, dass was passiert ist.\u00ab<br \/>\n\u00bbPassiert? Ach so! \u00dcberdosis, denken Sie.\u00ab Der J\u00fcngling runzelte die Stirn. \u00bbJa, Musik macht der auch. Die Musiker, die brauchen viel Stoff!\u00ab<br \/>\n\u00bbK\u00f6nnen Sie mir nun helfen oder nicht? Gibt es einen Hausmeister?\u00ab<br \/>\n\u00bbGemach, gemach!\u00ab Der Irokese ging zur\u00fcck in die Wohnung und kam mit einem Dietrich wieder. \u00bbIch bin professioneller Einbrecher.\u00ab Er grinste.<br \/>\nFrau Kassens hatte keinen Nerv f\u00fcr Sp\u00e4\u00dfe. Schweigend folgte sie dem jungen Mann zum oberen Stockwerk. Ein verschmutztes Namensschild an Marius`\u00a0 T\u00fcr, kaum lesbar. Sie klopfte, keine Reaktion, geschickt \u00f6ffnete der Mitbewohner das Schloss mit dem Dietrich.<\/p>\n<p>Ein modrig-fauliger Geruch schlug ihnen entgegen. Das Zimmer lag im Dunklen. Frau Kassens k\u00e4mpfte sich zum Fenster vor. Mit einem Ruck schnellten die Rollos hoch, gaben den Blick frei auf ein v\u00f6llig verm\u00fclltes Zimmer. Zwischen Socken, Pullover und Unterhosen standen braungef\u00e4rbte Kaffeetassen und Teller mit angeschimmelten Brotresten. Zeitungen, medizinische B\u00fcchern, darauf abgelegt \u00fcberquellende Aschenbecher. In der Sp\u00fcle stapelte sich der Abwasch, ein Topf mit undefinierbarem Inhalt m\u00fcffelte auf der einzigen Kochplatte vor sich hin. Frau Kassens suchender Blick fand im Bett eine unter Decken begrabene Gestalt.<br \/>\n\u00bbMarius\u00ab, schrie sie.\u00abMarius!\u00ab Sie r\u00fcttelte ihn, zog die Decken weg. M\u00fchsam \u00f6ffnete der Sohn die Lider, blinzelte mit ger\u00f6teten Augenr\u00e4ndern ins Licht, murmelte: \u00bbWas ist los?\u00ab<br \/>\n\u00bbMarius\u00ab, sagte Frau Kassens und setzte sich auf den Bettrand. \u00bbMarius, ich bin`s. Ich bin heute Morgen aus Santiago gekommen. Du hattest versprochen, am Flughafen zu sein. Bist du krank?\u00ab<br \/>\nMarius drehte sich zur Wand, verschwand wieder unter den Decken.<br \/>\nHelene Kassens beugte sich hinunter, drehte mit kr\u00e4ftigem Griff den Sohn zu sich herum, entsetzt, wie d\u00fcnn der war. Wie grau und m\u00fcde sein Gesicht.<br \/>\n\u00bbMarius, ich rede mit dir.\u00ab<br \/>\n\u00bbLass mich\u00ab, sagte Marius. \u00bbLass mich. Es hat doch alles keinen Zweck.\u00ab<br \/>\nFrau Kassens fasste Marius` Handgelenk, pr\u00fcfte den Puls. Er war langsam, aber deutlich f\u00fchlbar.<br \/>\n\u00bbHast du Drogen genommen?\u00ab<br \/>\nMarius sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNein!\u00ab<br \/>\nFrau Kassens ging zum Regal. Fingerte durch Medikamentenschachteln. Sie nahm eine halbleere Packung Valium herunter, hielt sie Marius vors Gesicht.<br \/>\n\u00bbWof\u00fcr brauchst du Valium?\u00ab<br \/>\n\u00bbWof\u00fcr brauchst du Valium\u00ab, \u00e4ffte Marius sie nach. Die Worte kamen leise und schleppend. \u00bbWof\u00fcr brauchst du Valium? Um das Schei\u00df-Leben auszuhalten.\u00ab<br \/>\n\u00bbWelches Schei\u00df-Leben?\u00ab Helene Kassens war fassungslos. \u00bbMarius, was ist passiert?\u00ab<br \/>\n\u00bbNichts ist passiert. Nichts. Ich will nur nicht mehr. Ich hab`s satt!\u00ab<br \/>\n\u00bbWas hast du satt?\u00ab Marius antwortete nicht.<br \/>\n\u00bbWarst du beim Arzt?\u00ab<br \/>\nMarius sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbDie k\u00f6nnen einem doch auch nicht helfen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie kannst du sowas sagen? Marius! Du als zuk\u00fcnftiger Mediziner.\u00ab<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagte Marius und richtete sich auf. \u00bbEben deswegen. Geh weg, du kannst mir nicht helfen.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd ob ich das kann\u00ab, sagte Frau Kassens und wischte mit dem Handr\u00fccken \u00fcber ihre Stirn.<br \/>\n\u00bbIch koche jetzt einen Kaffee. Du ziehst dich an und wir fahren nach Hause!&#8220;<br \/>\n\u00abKein Kaffee da!\u00ab Stumm und schlaff lie\u00df Marius sich beim Anziehen helfen. Gest\u00fctzt auf seine Mutter und den Irokesen-J\u00fcngling, der hilflos an der T\u00fcr gelehnt hatte, stakste er wie ein Zombie die Treppe hinunter. Im Taxi fuhr Helene ihn sofort zum Hausarzt der Familie. Der Doktor fackelte nicht lange. Schwere Depression, Suizidgefahr, lautete seine Diagnose. Einweisung in die psychiatrische Abteilung der Hamburger Landesklinik.<br \/>\nDie Kassens brachen den Auslandsschuldienst ab. Sie brauchten ihre ganze Kraft, um sich auf die neue Situation einzustellen. Depressionen. Ausgerechnet Marius, der Sonnyboy, der \u00dcberflieger.<br \/>\n\u00bbWarum\u00ab, fragten sich die Eltern immer wieder. \u00bbWarum?\u00ab<br \/>\nDiese Frage konnte ihnen niemand beantworten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war die letzte Gelegenheit f\u00fcr den Auslandsschuldienst, dieses Angebot der deutschen Schule in Santiago de Chile. 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