{"id":1494,"date":"2017-11-12T21:28:24","date_gmt":"2017-11-12T19:28:24","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1494"},"modified":"2018-09-17T20:40:46","modified_gmt":"2018-09-17T18:40:46","slug":"autobahnparkplatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/autobahnparkplatz\/","title":{"rendered":"Blauschmuck"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1544\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_21-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Der Wind peitscht \u00fcber die Autobahn. Die dunklen \u00c4ste der B\u00e4ume schwanken bedrohlich. Unaufh\u00f6rlich prasselt der Regen aufs Autodach, die Scheibenwischer schmieren auf hoher Stufe \u00fcber die Frontscheibe. Hella h\u00e4lt das Lenkrad umklammert, sitzt mit der Nase an der Scheibe, um besser sehen zu k\u00f6nnen. Der Gegenverkehr blendet. Sie h\u00e4tte auf der rechten Spur bleiben sollen, aber hinter den Lastern herschleichen? Bei der n\u00e4chsten Baustelle w\u00fcrde sie auf dem rechten Seitenstreifen\u00a0 bleiben.<!--more-->Die wei\u00dfen Begrenzungslinien sind gelben Behelfsmarkierungen gewichen, schimmern undeutlich in der N\u00e4sse. Das penetrante Flackern der Baustellen-Absperrungen erschwert die Orientierung auf der Fahrbahn. Ein BMW an ihrer hinteren Sto\u00dfstange blendet auf. Ich lasse mich nicht jagen, denkt Hella, beschleunigt aber trotzdem, flucht halblaut vor sich hin, die H\u00e4nde schwei\u00dfnass. An der Brille kann es nicht liegen, sie ist gerade beim Augenarzt gewesen. Nur mit der Ruhe, sie versucht, gleichm\u00e4\u00dfig zu atmen, den Puls unter Kontrolle zu halten. Blo\u00df keine Panik. Blo\u00df keinen Unfall. Sie schaut auf den Navi, muss alles im Blick behalten: die Stra\u00dfenf\u00fchrung, die Schilder, den laufenden Verkehr, den TomTom, und das bei Regen und Dunkelheit. Fr\u00fcher war doch nachts wenig Verkehr, heutzutage scheint es umgekehrt zu sein. Sie ist mit Absicht sp\u00e4t losgefahren, um nicht stundenlang auf der A1 im Stau zu stehen, aber die Autobahn ist voll, voll, voll. Ein Laster hinter dem anderen. Jede Br\u00fccke eine Baustelle. Und Br\u00fccken gibt es viele auf der Sauerland-Linie. Unendlich viele. Und die brechen \u00fcberall zusammen. Jahrzehntelang hat man sich nicht um die Infrastruktur der Stra\u00dfen gek\u00fcmmert, nun die Quittung.<br \/>\nFr\u00fcher, ja fr\u00fcher ist Andreas immer gefahren, wenn es schwierig wurde. Er war die Ruhe selbst. Aber soll sie zu Hause bleiben, jetzt, wo er tot ist? Den Zug nehmen? Das hat sie neulich ausprobiert und ist gnadenlos gescheitert. Auf der Strecke geblieben im wahrsten Sinne des Wortes. Hatte in Dortmund \u00fcbernachten m\u00fcssen, weil gar nichts mehr ging. Mehrere Strecken gesperrt. Wetterbedingt. H\u00e4tte sie heute vielleicht doch\u00a0 besser &#8230; ?\u00a0Rei\u00df dich zusammen, nur noch einhundertzwanzig Kilometer. Das kriegst du hin.<br \/>\nJetzt braucht sie auch noch ein stilles \u00d6rtchen. Dringend. Schafft sie es zur n\u00e4chsten Rastst\u00e4tte? In drei Kilometern gibt es einen Parkplatz, wahrscheinlich mit einem dieser stinkenden Kloh\u00e4user. Besser als nichts. Dort kann sie eine kurze Pause machen, ein bisschen hei\u00dfen Tee aus der Thermoskanne trinken. Sie hat sich\u00a0w\u00e4hrend der Fahrt nicht getraut, eine Hand vom Steuer zu nehmen, ein paar Kekse einzuwerfen, den Blutzuckerspiegel hochzukitzeln. Noch eine Steigung, sie kriecht hinter einem Laster her, will nicht\u00a0 \u00fcberholen, setzt den Blinker, biegt ab in das g\u00e4hnende Loch des Parkplatzes, mitten im Wald. Sie f\u00e4hrt an einer Reihe unbeleuchteter Lastwagen vorbei, deren Fahrer wohl die vorgeschriebene Pause einlegen m\u00fcssen und nun zu schlafen versuchen. Kein Job f\u00fcr mich, denkt Hella. Die armen Kerle, immer auf der Stra\u00dfe, immer unter Zeitdruck. Dieses stundenlange Geradeausgeglotze, da ist doch klar, dass sie mit dem I-Phone spielen, sich die N\u00e4gel schneiden, Pornos gucken. Die Unf\u00e4lle wurden ja auch immer gruseliger, die Zeitungen waren voll davon: Laster auf Autoschlange aufgefahren, drei zerquetschte Autos, Tote und Verletzte.<br \/>\nDer Parkbereich f\u00fcr PKWs ist leer. Klar, die Leute halten lieber an einer erleuchteten Tankstelle. Ein bisschen unheimlich ist ihr schon in dieser Finsternis. Die hat allerdings auch einen Vorteil: Schnell zieht sie die Hosen hinunter, pinkelt ans Hinterrad. Welche Erleichterung! Dann setzt sie sich gem\u00fctlich auf den Beifahrersitz, schraubt die Thermoskanne auf, gie\u00dft hei\u00dfen Tee in die Kappe, schl\u00fcrft gen\u00fcsslich. Nein, essen muss sie nichts. Hochgeputschtes Adrenalin verhindert jeden Zuckerabfall. Ihr Magen ist wie zugeschn\u00fcrt. Au\u00dferdem wartet die Freundin mit dem Abendessen. Sie schaut auf die Uhr: 21.30 Uhr. Noch 45 Minuten bis zum Zielort, zeigt der Navi. Sie tippt eine WhatsApp: Ich bin in einer Stunde da. Mit dem Handr\u00fccken reibt sie \u00fcber die Lippen, steigt aus, reckt und dehnt sich. Den Rest der Strecke schafft sie auch. Sie dr\u00fcckt auf den Startknopf des Mazda, der Motor springt an. Kupplung kommen lassen, Gas geben, der Wagen beginnt zu rollen.<br \/>\nHalt! Die Scheinwerfer erfassen eine dunkle Gestalt am Rand. Hektisches Gewinke. Ein Mann? Eine Frau? Nein, sie w\u00fcrde nicht stoppen. Sicherlich nur ein Trick. Die Zeitungen sind voll davon. Ein Hold-up, ein \u00dcberfall. Man sollte nicht anhalten, warnt die Polizei immer wieder. Noch nicht einmal, wenn ein Mensch auf der Stra\u00dfe liegt. Wahrscheinlich simuliert er. Ein gefakter Unfall. Sie w\u00fcrde nicht so bl\u00f6d sein.<br \/>\nHellas Fu\u00df zuckt zur Bremse, der Wagen wird langsamer, bleibt stehen. Mit einem Fu\u00df auf dem Kupplungspedal spielend l\u00e4sst sie auf der Beifahrerseite die Scheibe ein kleines St\u00fcck hinunter. Die dunkle Gestalt kommt n\u00e4her. Ein junges Gesicht, weiblich, blass, ein schwarzes Tuch \u00fcber Kopf und Schultern, die H\u00e4nde bittend zusammengelegt.<br \/>\n\u00bbHilfe! Help! Please, help me!\u00ab, sagt die Frau.<br \/>\n\u00bbWhat`s the matter?\u00ab, fragt Hella.\u00abWas ist los?\u00ab Wo kam die denn her? Aus einem der Laster gesprungen?<br \/>\nDie Frau redet unverst\u00e4ndliches\u00a0 Zeug. Wirft immer wieder einen Blick \u00fcber die Schulter.<br \/>\n\u00bbBitte, please, schnell, schnell. Mann kommt!\u00ab<br \/>\n\u00bbWerden Sie verfolgt?\u00ab<br \/>\nDie Frau versteht nicht.<br \/>\n\u00bbWhere are you from?\u00ab, fragt Hella \u00bbWo kommen Sie her?\u00ab.<br \/>\nDie Frau wimmert.<br \/>\nHella beugt sich hin\u00fcber und \u00f6ffnet die Beifahrert\u00fcr. Die Frau springt hinein.\u00a0Kauert sich zitternd in den Sitz. Hella gibt Gas, reiht sich ein in die Schlange der vorbeijagenden Autos.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fccksitz liegt der Roman \u00bbBlauschmuck\u00ab, die Geschichte einer\u00a0 misshandelten Frau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Wind peitscht \u00fcber die Autobahn. Die dunklen \u00c4ste der B\u00e4ume schwanken bedrohlich. Unaufh\u00f6rlich prasselt der Regen aufs Autodach, die Scheibenwischer schmieren auf hoher Stufe \u00fcber die Frontscheibe. Hella h\u00e4lt das Lenkrad umklammert, sitzt mit der Nase an der Scheibe, um besser sehen zu k\u00f6nnen. Der Gegenverkehr blendet. 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