{"id":1492,"date":"2017-11-12T21:24:42","date_gmt":"2017-11-12T19:24:42","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1492"},"modified":"2018-07-18T20:46:15","modified_gmt":"2018-07-18T18:46:15","slug":"voyeurismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/voyeurismus\/","title":{"rendered":"Voyeurismus"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_015.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1538\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_015-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Claudia ist Schwimmerin. Begeisterte Schwimmerin. S\u00fcchtig nach dem k\u00fchlen Nass, der gleitend-rhythmischen Bewegung des Kraulschlages, der wohligen Leere im Kopf, die sich nach wenigen Minuten einstellt.\u00a0Im Herbst, im Winter und im Fr\u00fchling schwimmt sie im ausgebauten Hallenbad in ihrer N\u00e4he. Zwei der Bahnen sind 50 m lang, das Wasser hat 22 Grad, also ideal, um jeden Tag eine Stunde durchs Wasser zu pfl\u00fcgen. Vergn\u00fcgen pur.\u00a0Im Sommer allerdings \u2013 von Mitte Mai bis Mitte September \u2013 sind f\u00fcr sie nur offene Gew\u00e4sser diskutabel: Seen, Fl\u00fcsse, das Meer.\u00a0Sie wohnt in S\u00fcddeutschland, n\u00f6rdlich von M\u00fcnchen. Die Auswahl an Seen ist gro\u00df: Chiemsee, Ammersee, Starnbergersee. Auch die kleineren Baggerseen im Norden bieten klares Wasser, saubere Kiesufer, eine \u00fcbersichtliche Anzahl von Besuchern.<!--more--><br \/>\nClaudia genie\u00dft es, nackt zu schwimmen. Auf diese Weise erspart sie sich, ohne abstruse Verrenkungen ihre Unterhose und den BH aus- und den Badeanzug anzuziehen und vice versa. Im letzten Sommer an der Atlantikk\u00fcste hat sie einem mageren Teenager zugesehen , wie die Kleine \u2013 verspottet von ihrem \u00e4lteren Bruder \u2013 es geschafft hat, die Bikinihose unter den Slip und die kurze Jeans zu ziehen, ohne dass jemand auch nur einen Blick auf ihren kleinen, runden Popo erhaschen konnte. Eine artistische Leistung ohnegleichen. Sie nahm sich vor, die \u00dcbung zu Hause nachzuahmen, hat aber frustriert aufgegeben, nachdem sie nach zwei Minuten \u2013 auf einem Bein stehend, das andere in der Unterhose verhakt \u2013 einfach umgekippt ist. Ok., vielleicht klappen solche Verrenkungen nur mit Zw\u00f6lf oder Dreizehn. Aber was hat ein dreizehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen zu verbergen? Auch die Eltern schienen genervt, haben aber \u2013 vern\u00fcnftigerweise? \u2013 sich jeden Kommentars enthalten.<br \/>\nDie Frage ist, war Claudia, als sie die kleine Franz\u00f6sin beobachtete und versucht hat, sich die Verrenkungen zu merken, die das M\u00e4dchen brauchte, um die Bikinihose unter dem Slip und der kurzen Jeans durchzuziehen, ein Voyeur? Eine Voyeurin? Gibt es \u00fcberhaupt die weibliche Form? Eine Voyeurierende wahrscheinlich \u2013 wegen der political correctness. Hat die Kleine sie in irgendeiner Form angeturnt? Sie hat das M\u00e4dchen nicht aus den Augen gelassen.<br \/>\nVon einem anderen Kaliber war allerdings die Szene am Nacktbadestrand des Baggersees in Pullingen, einem vor zwei Jahren ausgebaggerten See, \u00fcber den im Minutentakt die Lufthansa-Maschinen fliegen, die im Franz-Josef-Strauss Airport starten und landen. Claudia f\u00e4hrt oft hin, wenn sie am fr\u00fchen Abend \u2013 aus dem B\u00fcro kommend \u2013 noch ein paar Bahnen schwimmen will. An diesem sp\u00e4ten Nachmittag ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden, das Thermometer zeigt etwas \u00fcber 20 Grad an. Nur wenige Autos stehen auf dem Parkplatz. Sie l\u00f6st die Eintrittskarte, schlie\u00dft ihr Rad an einen Pfosten und l\u00e4uft ein St\u00fcck \u00fcber die Wiese bis zur textilfreien Zone.<br \/>\nSchon von weitem sieht sie zwei nackte junge M\u00e4nner auf einer Strandmatte liegen, in L\u00f6ffelstellung, der eine mit dem Bein \u00fcber die H\u00fcfte des anderen, den Kopf an den R\u00fccken des Partners geschmiegt. Sie legt ihr Handtuch im Sand ab, zieht sich aus, wirft immer wieder einen Blick auf das \u2013 schwule? \u2013 Paar. Angeturnt? Nein, eher angewidert. Auf Zehenspitzen steigt sie \u00fcber die Schlingpflanzen am Rand, l\u00e4sst sich ins Wasser fallen, krault hin\u00fcber zum anderen Ufer. Kann nicht abschalten. Was w\u00e4re, wenn dort zwei Frauen l\u00e4gen? Oder ein Mann und eine Frau? W\u00e4re sie dann auch angeekelt? Sie krault und krault, um den Kopf frei zu kriegen. Dreht weit genug vom Ufer ab, traut sich nicht zur\u00fcck zum Strand. Wie viel Zeit soll sie ihnen geben? Haben die keine eigene Wohnung? Kein Geld f\u00fcr ein Hotelzimmer? Sie wird immer w\u00fctender. Empfindet die Situation als Zumutung. Kalt wird ihr auch. Ein Krampf im linken Oberschenkel. Vielleicht haben die gar keinen Sex. Schmusen nur. Schmusende Homos? Machen die das extra? Wollen die gesehen werden? Erregung \u00f6ffentlichen \u00c4rgernisses, also Kick? Sie schwimmt zur\u00fcck. Die M\u00e4nner sind auseinanderger\u00fcckt. Einer \u2013 der hintere L\u00f6ffel \u2013 hat eine Brille aufgesetzt. Bl\u00e4ttert in einem Magazin. Hat allerdings sein Bein immer noch \u00fcber der H\u00fcfte seines Partners liegen. Keiner von beiden schaut auf.<br \/>\nEilig zieht sie sich an. Soll sie vorne beim Pf\u00f6rtner Bescheid sagen, dass es so aussieht, als ob der FKK-Strand zum Schwulentreff wird? Die Eingangspforte steht offen, es ist niemand mehr da. Was geht sie das Ganze an? Sie wird in Zukunft zu einem anderen Baggersee fahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia ist Schwimmerin. Begeisterte Schwimmerin. S\u00fcchtig nach dem k\u00fchlen Nass, der gleitend-rhythmischen Bewegung des Kraulschlages, der wohligen Leere im Kopf, die sich nach wenigen Minuten einstellt.\u00a0Im Herbst, im Winter und im Fr\u00fchling schwimmt sie im ausgebauten Hallenbad in ihrer N\u00e4he. 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