{"id":1471,"date":"2017-10-09T10:17:40","date_gmt":"2017-10-09T08:17:40","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1471"},"modified":"2019-01-19T18:03:21","modified_gmt":"2019-01-19T17:03:21","slug":"vor-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/vor-gericht\/","title":{"rendered":"Vor Gericht"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_009.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1532\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_009-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Auf den Zuschauerb\u00e4nken im Landgericht\u00a0 steigt der Ger\u00e4uschpegel. Leute tuscheln, sch\u00fctteln den Kopf, einige lachen laut. Ungeduldig klopft der Vorsitzende Richter mit dem Hammer auf den Tisch.<br \/>\n\u00bbName, Adresse, Alter\u00ab, fragt er noch einmal.<br \/>\n\u00bbMein Mandant zieht es vor zu schweigen\u00ab, sagt der Anwalt.<br \/>\n\u00bbAber er kann doch seinen Namen nennen\u00ab, beharrt der Richter.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sage der Anwalt. \u00bbMein Mandant ist Geheimnistr\u00e4ger.\u00ab<br \/>\n\u00bbLassen Sie die Kindereien.\u00ab Der Richter wirkt ungeduldig. \u00bbName, Adresse, Alter.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch sagte bereits\u00ab, &#8211; auch der Anwalt hebt die Stimme &#8211; , \u00bbmein Mandant ist Geheimnistr\u00e4ger.\u00ab<br \/>\nIm Saal wird gelacht. Wieder benutzt der Richter das H\u00e4mmerchen vor ihm. \u00bbIch lasse den Saal r\u00e4umen, wenn der Krach nicht aufh\u00f6rt. Wir sind hier vor Gericht.\u00ab<!--more--><br \/>\n\u00bbSo ist es!\u00ab, sagt ein Mann auf den Zuschauerb\u00e4nken zu seinem Nachbarn. \u00bbUnd vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.\u00ab<br \/>\n\u00bbPssst\u00ab, sagt der Mann.<br \/>\n\u00bbHat Ihr Mandant nun einen Namen oder nicht?\u00ab, fragt der Richter und schaut den Verteidiger m\u00fcrrisch an.<br \/>\nDer Staatsanwalt schaltet sich ein. \u00bbLassen wir das Kasperletheater, meine Herren. Wir alle wissen, dass Herr Reinhold Wischkowsky wegen Steuerhinterziehung in Millionenh\u00f6he angeklagt ist.\u00ab<br \/>\nDer Angeklagte springt auf.<br \/>\n\u00bbWollen Sie was sagen?\u00ab, fragt der Richter und beugt sich vor. Der Angeklagte setzt sich wieder hin und sinkt in sich zusammen.<br \/>\n\u00bbMein Mandant wird nichts sagen, Herr Vorsitzender.\u00a0 Er hei\u00dft auch nicht Reinhold Wischkowsky.\u00ab<br \/>\nRaunen im Publikum. Die Journalisten h\u00e4mmern auf ihre Laptops ein. Triumphierend h\u00e4lt der Staatsanwalt ein B\u00fcndel P\u00e4sse hoch.<br \/>\n\u00bbDarf ich raten?\u00ab Seine Stimme schneidend vor Ironie. \u00abAuf der Anklagebank sitzt Herr Reinhold Wischkowsky alias Herr Michael Claus, alias &#8230;.\u00ab<br \/>\nVehement sch\u00fcttelt der Angeklagte den Kopf. Sein Anwalt legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm und redet leise auf ihn ein.<br \/>\n\u00bbDie Verteidigung wird gebeten, diesen Prozess nicht als Posse zu betrachten.\u00ab Der Richter ringt um Fassung. Wieder wird auf den hinteren R\u00e4ngen gelacht. Der Richter zieht es vor, vorerst die St\u00f6rer zu ignorieren.<br \/>\n\u00bbWelches Spiel spielen wir eigentlich?\u00ab, fragt der Staatsanwalt. \u00bb Ach wie gut, dass niemand wei\u00df, dass ich Rumpelstilzchen hei\u00df?\u00ab<br \/>\nDas Gel\u00e4chter im Saal nimmt zu. Es wird sogar geklatscht.<br \/>\n\u00bbLetzte Ermahnung \u00bb, sagt der Richter. \u00abNoch eine St\u00f6rung und ich lasse den Saal r\u00e4umen. Wir sind hier nicht auf der B\u00fchne.\u00ab<br \/>\n\u00bbDoch\u00ab, sagt ein M\u00e4dchen ganz hinten und kichert leise.<br \/>\nDer Richter \u00fcberlegt einen Moment und sagt: \u00bbIch m\u00f6chte den Anklagevertreter bitten, alle Namen auf den P\u00e4ssen vorzulesen. Bitte auch Nationalit\u00e4t und Geburtsdatum.\u00ab<br \/>\n\u00bbReinhold Wischkowsky, 1946 geboren in Lodz, Polen; Michael Claus, 1948 geboren in Linz, \u00d6sterreich &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagt der Staatsanwalt.\u00abWir haben doch bereits vor 10 Minuten festgestellt, dass &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbMein Mandant ist weder Reinhold Wischkowsky noch Michael Claus, Ehrw\u00fcrden.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas Sie nicht sagen. Lesen Sie weiter.\u00ab<br \/>\n\u00bbFranz von der Lehe, geboren 1950 in M\u00fcnster, Deutschland; Hermann Piepvogel, geboren 1952 in Herrsching, Bayern; Leopold de Brun, geboren 1949 in Br\u00fcssel, Belgien; Roger White, geboren 1951 in St. Andrews, Schottland; Moshe Gr\u00fcnhaus, geboren 1944 in Auschwitz, Polen&#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbEs reicht\u00ab, donnert der Richter und wendet sich an den Angeklagten. \u00bbSie sagen jetzt Ihren Namen oder ich lasse Sie in Beugehaft nehmen.\u00ab<br \/>\nIm Saal ist es jetzt totenstill. Die Leute beugen sich nach vorn.<br \/>\n\u00bbSie werden damit keinen Erfolg haben, Ehrw\u00fcrden\u00ab, sagt der Verteidiger. \u00bbMein Mandant hat seinen Namen vergessen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas?\u00ab Der Richter schnappt nach Luft. \u00bbSeinen Namen vergessen? Welche Sprache spricht er denn?\u00ab<br \/>\n\u00bbDeutsch, Englisch, Franz\u00f6sisch, Polnisch, Russisch, Hebr\u00e4isch &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbH\u00f6ren Sie auf\u00ab, schreit der Richter. \u00bbWer ist dieser Mann?\u00ab<br \/>\n\u00bbWer bin ich &#8230; und wie viele?\u00ab, murmelt der Staatsanwalt. \u00bbWieso wei\u00df Ihr Mandant nicht, wer er ist? Ein intelligenter Mensch, der so viele<br \/>\nSprachen spricht &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagt der Verteidiger. \u00bbDie Geheimdienste haben ihm seine Identit\u00e4t genommen und seine Psyche zerst\u00f6rt.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas haben die Geheimdienste gemacht?\u00ab Der Richter f\u00e4chelt sich mit den vor ihm liegenden Papieren Luft zu. Es ist hei\u00df im Saal, sehr hei\u00df.<br \/>\n\u00bbEr wurde im Vatikanischen Museum vom israelischen Geheimdienst angeworben, um ein Attentat auf Benedikt\u00a0 XVI. abzuwenden.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas wurde er? Und was sollte er abwenden?\u00ab Der Richter scheint kurz vor einem Herzinfarkt zu stehen. \u00bbH\u00f6ren Sie auf mit diesen R\u00e4uberpistolen. Dieser Mann &#8211; wie immer er hei\u00dft &#8211; ist angeklagt wegen Steuerhinterziehung und &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbEs geht hier um gr\u00f6\u00dfere Dinge\u00ab, sagt der Verteidiger und steht auf. Theatralisch hebt er den Arm, spreizt die Finger, z\u00e4hlt sie einzeln ab. \u00bbHohes Gericht, mein Mandant hat Kriege verhindert, versteckte Chemiewaffen gefunden, hochrangige Geiseln aus dem s\u00fcdamerikanischen Busch befreit, Nazioffiziere gejagt, ein Attentat auf den Papst verhindert. Dieses Gericht scheint unf\u00e4hig oder nicht willens zu sein, die Lebensleistung meines Mandanten zu w\u00fcrdigen, eines Mannes, der unerm\u00fcdlich arbeitend seinem Heimatland sein Ged\u00e4chtnis geopfert hat. Ich stelle einen Befangenheitsantrag.\u00ab<br \/>\n\u00bbDer Prozess wird vertagt\u00ab, sagt der Vorsitzende, richtet seine Robe und steht auf. Ein Beisitzer am Richtertisch fl\u00fcstert dem Kollegen noch zu. \u00bbWelchem Heimatland hat er sein Ged\u00e4chtnis geopfert? Ich habe das Gef\u00fchl, wir sollen hier zum Gesp\u00f6tt gemacht werden.\u00ab<br \/>\nDann schlie\u00dft sich die schwere Eichent\u00fcr hinter ihnen.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong><\/p>\n<p>Jede \u00dcbereinstimmung mit der Wirklichkeit ist rein zuf\u00e4llig. So auch der Weserkurier- Artikel vom 6. Okt. 2017:<br \/>\n<em>Das Bochumer Landesgericht verurteilte ihn (Werner Mauss) am Donnerstag wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren auf Bew\u00e4hrung. Die Staatsanwaltschaft hatte \u00fcber sechs Jahre Haft gefordert. Die Richter ber\u00fccksichtigten in ihrer Entscheidung ausdr\u00fccklich die Verdienste des Angeklagten. Er sei ein Hoffnungstr\u00e4ger gewesen und habe Leben gerettet. Trotz der Steuerstraftat m\u00fcsse ihm gr\u00f6\u00dfter Respekt entgegengebracht werden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Zuschauerb\u00e4nken im Landgericht\u00a0 steigt der Ger\u00e4uschpegel. Leute tuscheln, sch\u00fctteln den Kopf, einige lachen laut. 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