{"id":1460,"date":"2017-10-04T15:40:47","date_gmt":"2017-10-04T13:40:47","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1460"},"modified":"2018-01-18T18:36:13","modified_gmt":"2018-01-18T16:36:13","slug":"zugfahrt-erster-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/zugfahrt-erster-klasse\/","title":{"rendered":"Zugfahrt erster Klasse"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_018.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1541\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_018-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Sp\u00e4testens seit Lars von Triers Film\u00a0<em>Melancholia<\/em>\u00a0wei\u00df man, dass schwer depressive Menschen erst im Angesicht vom Weltuntergang zu gro\u00dfer Form auflaufen, tanzen und singen und lachen. Bei Gesa lag der Fall nicht ganz so dramatisch wie bei Justine, trotzdem f\u00fchlte sich ihr Therapeut zunehmend hilflos angesichts ihr hartn\u00e4ckigen depressiven Verstimmungen und ihrer negativen Weltsicht.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr Sie ist das Glas immer halb leer\u00ab, sagte er und hatte die Idee, Gesa mit der Deutschen Bahn kreuz und quer durch Deutschland zu schicken. Eine zugegebenerma\u00dfen unorthodoxe Ma\u00dfnahme, deren Kosten die Krankenkasse nicht \u00fcbernehmen wollte. Er konnte nur hoffen, dass auf der Reise nicht alles glatt lief, aber das war bei der Deutschen Bahn ja auch h\u00f6chst unwahrscheinlich.<!--more--><br \/>\nDie erste Entt\u00e4uschung: Der IC von Bremen nach Dortmund hielt p\u00fcnktlich Einfahrt auf Gleis 8. Der Erste-Klasse-Waggon war genau dort angeh\u00e4ngt, wie die Schautafel es anzeigte, und ihr reservierter Fensterplatz war nicht besetzt. Missmutig kauerte sich Gesa in ihren Sitz und zog Watzlawicks \u00bbAnleitung zum Ungl\u00fccklichsein\u00ab aus der Tasche. Hinter ihr zog ein dicklicher junger Mann andauernd die Nase hoch. Sie reichte ein Taschentuch nach hinten, das erstaunlicherweise angenommen wurde.<br \/>\nGesa nickte ein und schlief, bis sie kurz nach Osnabr\u00fcck vom Lautsprecher mit der dr\u00f6hnenden Frage geweckt wurde, ob jemand von der Landes &#8211; oder besser noch \u2013 von der Bundespolizei an Bord sei. Mit einem Ruck richtete Gesa sich auf, war hellwach.<br \/>\n\u00bbWahrscheinlich nur so ein Typ ohne Fahrschein, der Rabatz macht\u00ab, sagte sie gutgelaunt zu der \u00e4lteren Frau auf der anderen Seite des Gangs, die mit angstvoll aufgerissenen Augen fragte, ob Terroristen an Bord seien. Gesa schlug vor, den Schaffner zu fragen.<br \/>\nNat\u00fcrlich kam kein Schaffner, daf\u00fcr dauerte die Einfahrt nach M\u00fcnster l\u00e4nger als geplant. Angeblich gab es eine Warteschleife f\u00fcr Z\u00fcge wie beim Landeanflug am Flughafen. Man sa\u00df ja auch wie im Flugzeug. Gern h\u00e4tte Gesa die Scheibe hinuntergeschoben, um zu schauen, was sich so drau\u00dfen tat. Ging ja nicht mehr. Wurde jemand in Handschellen abgef\u00fchrt? Waren viele Polizisten zu sehen? Gesa dr\u00fcckte sich die Nase an der Scheibe platt. Nichts. Ihre Laune sank wieder. Die Fahrg\u00e4ste m\u00f6gen Geduld haben, man werde versuchen, die Zeit wieder aufzuholen, hie\u00df es in der Lautsprecherdurchsage.<br \/>\nDer IC holte die Verz\u00f6gerung selbstverst\u00e4ndlich nicht auf. Gesa blickte auf die Uhr. Der Regionalzug nach K\u00f6ln w\u00fcrde weg sein. Sie versuchte, auf der DB-App herauszubekommen, wann der n\u00e4chste Zug nach K\u00f6ln fuhr, bekam aber keine Verbindung. Haben ICs kein Wlan? Oder funktionierte nur ihr iPhone wieder mal nicht?<br \/>\nIn Dortmund schulterte sie ihren Rucksack, schleppte ihre Reisetasche die Treppe hinunter und stellte unten in der Halle fest, dass Gleis 16 neben Gleis 11 lag; also an demselben Bahnsteig, an dem sie angekommen war, nur auf der anderen Seite. Die Logik dieser Anordnung erschloss sich ihr nicht, also schleppte sie die Tasche wieder hinauf.<br \/>\nOben eine v\u00f6llig verzerrte Lautsprecherdurchsage. Irgendwas mit Aachen und Regionalzug, dann was mit Hamm. Wo um Himmels willen lag Hamm? Fuhr ihr Zug \u00fcber Hamm? Nicht \u00fcber K\u00f6ln? Musste man heutzutage bei Zugreisen einen Reiseatlas mit sich herumtragen? Sie h\u00f6rte Worte wie \u00bbGleise\u00ab und \u00bbgesperrt\u00ab und \u00bbVersp\u00e4tung\u00ab. Auf der Tafel \u00fcber ihr wurde gerade in Laufschrift angek\u00fcndigt, dass ihr Zug \u2013 tats\u00e4chlich ihr Regionalzug nach K\u00f6ln \u2013 noch gar nicht abgefahren war, sondern im Gegenteil Versp\u00e4tung hatte. Drei\u00dfig Minuten Wartezeit. Von der urspr\u00fcnglichen Abfahrtszeit oder ab jetzt? Sie wollte sich auf eine der kalten, metallenen B\u00e4nke setzen, aber der Schn\u00f6sel vor ihr war schneller. Kein Benehmen, die jungen Leute heute. Fr\u00fcher &#8230; !<br \/>\nDie Menschen standen dicht an dicht auf dem schmalen Bahnsteig. Deswegen hie\u00df es wohl \u00bbMenschenauflauf\u00ab. Die j\u00fcngeren Leute spielten angestrengt auf ihren Smartphones herum, versuchten, die unverst\u00e4ndlichen Nachrichten aus den Lautsprechern einzuordnen. Gesa probierte das auch, scheiterte an der Technik, wandte sich hilfesuchend an einen seri\u00f6s aussehenden Herrn im Business-Outfit, der mit hochrotem Kopf und gelockerter Krawatte auf dem Display herumtippte.<br \/>\n\u00abDer Mehdorn geh\u00f6rt in Ketten gelegt. Am Halsband m\u00fcsste man ihn \u00fcber die Schienen ziehen\u00ab, schimpfte der Mann und wischte sich mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die schwei\u00dfnasse Stirn. Er h\u00e4mmerte auf sein Smartphone ein und hielt es dann dicht vor Gesas Gesicht. \u00bbSehen Sie selbst. Kein Zug kommt durch. Die Gleise sind gesperrt. Menschen auf den Gleisen oder ein verdammter Selbstm\u00f6rder oder sonst was &#8230; !\u00ab<br \/>\nWas ist das denn f\u00fcr einer, dachte Gesa und ging ein paar Schritte zur\u00fcck. Der war ja v\u00f6llig depressiv, der Arme! Das bisschen Warten, das machte doch nichts. Zu Hause war es doch auch nicht sch\u00f6ner. Deutsche Z\u00fcge sind doch nie p\u00fcnktlich, das wei\u00df man doch. Sie l\u00e4chelte zufrieden, zog die Tageszeitung aus dem Rucksack und vertiefte sich in die Horrormeldungen: Krieg, \u00dcberf\u00e4lle, Messerattacken, Pleiten &#8230;<br \/>\nDer Regio kam, ehe sie die Zeitung zu Ende gelesen hatte. Gottseidank, sie f\u00fchlte ein dringendes Bed\u00fcrfnis. Sie stieg ein, warf einen Blick in die Zugtoilette, prallte zur\u00fcck, nahm dann einfach die H\u00e4nde hoch und pinkelte halb im Stehen.<br \/>\nWie langweilig, dachte Gesa, als sie auf der Anzeigetafel im K\u00f6lner Hauptbahnhof sah, dass ihr gen\u00fcgend Zeit blieb, um den IC nach Mannheim ohne Hektik zu erreichen. Ihre Stimmung hob sich schlagartig, als sie sah, dass die T\u00fcren des gl\u00e4sernen Fahrstuhls offen standen und zwei junge M\u00e4nner in blauen Monteuranz\u00fcgen an ihnen herumwerkelten. Ein w\u00fctender Radfahrer in voller Verkleidung plusterte sich auf. Wie er nun das Rad auf den anderen Bahnsteig bef\u00f6rdern solle.<br \/>\n\u00bbTragen Sie es doch einfach\u00ab, sagte Gesa munter. \u00bbSo sportlich wie Sie aussehen.\u00ab<br \/>\n\u00bbGeht doch\u00ab, sagte Gesa und suchte im Waggon Erster Klasse nach einem freien Platz. Sie schaute auf die Bahnhofsuhr, als sich der Zug in Bewegung setzte. P\u00fcnktlich wie die Deutsche Bahn, sagte sie und musste lachen. Dass an der n\u00e4chsten Station die T\u00fcr im hinteren Teil des Wagens nicht aufging, fand Gesa nur noch lustig. Hysterische Stimmen, F\u00e4uste, die gegen die T\u00fcrverkleidung schlugen, die jammernde Stimme einer \u00e4lteren Dame. Ein dunkelh\u00e4utiges Paar mit drei kleinen Kindern hatte die Durchsage nicht verstanden und versuchte voller Panik, den offenen Ausstieg zu erreichen, wurde jedoch von einsteigenden Passagieren zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Gesa schnappte sich das hintere Ende des Zwillingswagens und hievte ihn gemeinsam mit dem jungen Vater hoch. Die Kinder quietschten vor Vergn\u00fcgen. Ich werde noch Mutter Theresa der Deutschen Bundesbahn, dachte Gesa.<br \/>\nZwischen Koblenz und Mainz blieb der Zug endg\u00fcltig stehen.<br \/>\n\u00bbWir bitten alle Passagiere, den Zug zu verlassen. Die Lokomotive ist defekt. Ich wiederhole: Alle Passagiere m\u00fcssen hier aussteigen. Die Lok ist funktionsunf\u00e4hig.\u00ab<br \/>\nGesa brach in Gel\u00e4chter aus. Sie konnte nichts daf\u00fcr. Die Lachsalven explodierten in ihrem Inneren, kamen wie Blasen aus ihrem Mund. Die Leute blickten sie verunsichert an. Die denken sicher, ich bin verr\u00fcckt geworden, dachte Gesa. Sehen die eigentlich nicht, wie komisch das alles ist?<br \/>\nEine \u00fcberforderte junge Bahnangestellte stand auf dem Bahnsteig, umringt von fuchtelnden Menschen. Sie war offensichtlich den Tr\u00e4nen nahe.<br \/>\n\u00bbIch kann nichts daf\u00fcr!\u00ab, sagte sie. \u00bbIch wei\u00df auch nicht, wie es weitergeht.\u00ab<br \/>\n\u00bbSie m\u00fcssen das wissen,\u00bb schrie eine Frau. \u00bbDas ist Ihr Job. Ich werde mich beschweren.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch wei\u00df nichts\u00ab, wiederholte die junge Frau. \u00bbEs liegen noch keine Informationen vor. Ich habe Dienst ab Koblenz und muss meinen IC auch erreichen. Ich bin in derselben Lage wie Sie.\u00ab<br \/>\nSie presste ihr Smartphone ans Ohr, rief mit flehender Stimme: \u00abHier muss dringend jemand raufkommen! Was soll ich machen? Die Leute drehen durch!\u00ab<br \/>\nEin Mann hielt ihr Zettel und Stift hin. \u00bbSie best\u00e4tigen mir sofort, dass der Zug liegengeblieben ist. Ich will mein Geld zur\u00fcck.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, Geld zur\u00fcck, Geld zur\u00fcck!\u00ab, rief die Menge. \u00bbEine Sauerei ist das! Wir werden uns zu wehren wissen. Die Bahn verklagen.\u00ab<br \/>\n\u00bbKommen Sie\u00ab, sagte ein Mann. Gesa drehte sich um. Es war ihr Therapeut.<br \/>\n\u00bbIch bin auf der Suche nach meinem Ich\u00ab, sagte er. \u00bbIch habe mir auch eine Zugfahrt verordnet.\u00ab<br \/>\nAm sp\u00e4ten Abend kamen sie in Mannheim an, nahmen die Stra\u00dfenbahn nach Heidelberg, weil die S-Bahn ausgefallen war, schlenderten durch die Altstadt, besichtigten die Heiliggeistkirche und beschlossen, Weihnachten zu den festlichen Kl\u00e4ngender Orgel zum Altar zu schreiten.<br \/>\n\u00bbEigentlich verdanken wir Herrn Mehdorn unser Gl\u00fcck\u00ab, sagte Gesa und k\u00fcsste ihren Verlobten auf die Wange. \u00bbWir werden ihm eine Einladungskarte schicken.\u00ab<br \/>\nLeider hat Herr Mehdorn nie geantwortet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit Lars von Triers Film\u00a0Melancholia\u00a0wei\u00df man, dass schwer depressive Menschen erst im Angesicht vom Weltuntergang zu gro\u00dfer Form auflaufen, tanzen und singen und lachen. 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