{"id":1458,"date":"2017-10-04T15:34:53","date_gmt":"2017-10-04T13:34:53","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1458"},"modified":"2018-09-12T19:49:34","modified_gmt":"2018-09-12T17:49:34","slug":"heiliger-antonius","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/heiliger-antonius\/","title":{"rendered":"Heiliger Antonius"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1524\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_001-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>C\u00f4te de Granit Rose, ein kleiner Hafen s\u00fcdlich von Tr\u00e9gastel. Nach der Wanderung auf dem Sentier de Douaniers von Perros Guirec nach Tr\u00e9gastel hielten wir Ausschau nach den Sonnenschirmen einer bretonischen Hafenkneipe. Wir liefen am Quai entlang, begutachteten die vor sich hind\u00fcmpelnden Yachten und widerstanden der Versuchung, uns einfach auf die Hafenmauer zu setzen. Der Hunger war zu gro\u00df. Das k\u00fchle Bier lockte und eine gro\u00dfe Portion moules frites.<br \/>\nWir schlenderten an einer einsamen Holzbank vorbei, den Blick sehns\u00fcchtig auf die roten und blauen Schirme am anderen Ende der Bucht gerichtet, als mein Gehirn ein pl\u00f6tzliches \u00bb<em>Stopp<\/em>\u00ab signalisierte. Irgendetwas hatte meine Aufmerksamkeit erregt.<!--more--> Ich drehte mich um, ging ein paar Schritte zur\u00fcck, b\u00fcckte mich unter die Bank und griff nach einem schmalen, braunen Lederetui, zog den Rei\u00dfverschluss auf und hielt eine handliche Lumix-Reisekamera in der Hand. Mit schnellen Schritten war mein Mann neben mir und entriss mir die Kamera.<br \/>\n\u00bbGeil\u00ab, sagte er. \u00bbDie wollte ich schon immer haben.\u00ab<br \/>\nVielleicht muss ich an dieser Stelle einf\u00fcgen, dass er in den ersten Urlaubstagen seine teure Spiegelreflexkamera hatte fallen lassen, nichts funktionierte mehr.\u00a0 Nichts. Alle Bilder waren unscharf. Ein heftiger Schlag, direkt zu Ferienanfang. Und nun diese Gelegenheit: eine Lumix. Ein Traum. Vom Himmel gefallen.<br \/>\nAber genau das war das Problem: vom Himmel gefallen.<br \/>\n\u00bbDas geht nicht\u00ab, sagte ich. \u00bbDiese Kamera geh\u00f6rt dir nicht. Sie ist jemandem unter die Bank gerutscht.\u00ab<br \/>\n\u00bbPech gehabt\u00ab, sagte mein Mann.<br \/>\n\u00bbDu kannst doch nicht einfach &#8230; \u00ab, sagte ich.<br \/>\n\u00bbDoch! Kann ich!\u00ab, sagte mein Mann \u00bbW\u00fcrde jeder andere auch tun.\u00ab<br \/>\n\u00bbWir k\u00f6nnen die Jungs dr\u00fcben am Boot fragen\u00ab, sagte ich. \u00bbVielleicht haben die sie verloren.\u00ab<br \/>\n\u00bbQuatsch\u00ab, sagte mein Mann. \u00bbViel zu teuer f\u00fcr so Schn\u00f6sel!\u00ab<br \/>\nIch war schon halb aufgestanden, um zu den jungen M\u00e4nnern zu gehen, die dabei waren, ihr Boot startklar zu machen, als ein Peugeot direkt hinter uns hielt. Ein \u00e4lteres Ehepaar kletterte heraus, gefolgt von einer kl\u00e4ffenden scharz-wei\u00dfen Promenadenmischung. Die Frau kam auf uns zu, sagte auf Franz\u00f6sisch, dass sie ihre Kamera liegengelassen habe.<br \/>\n\u00bbAvez-vous trouv\u00e9 ma cam\u00e9ra?\u00ab<br \/>\n\u00bbHaben wir\u00ab, sagte mein Mann freundlich und reichte ihr die Lumix.<br \/>\n\u00bbMerci beaucoup\u00ab, sagte die Frau, stieg in den Wagen, winkte und verschwand auf Nimmerwiedersehen.<br \/>\n\u00bbPunkte im Himmel\u00ab, sagte ich, denn ich bin pietistisch erzogen und glaube irgendwie immer noch, dass der liebe Gott alles sieht, das B\u00f6se bestraft und das Gute belohnt. Mein Mann lachte und schaute auf die Bucht. Die Flut hatte eingesetzt, umsp\u00fclte die trocken gefallenen Yachten am Ufer mit kleinen, rippelnden Wellen.<br \/>\n\u00bbHast du mein iPhone?, fragte er pl\u00f6tzlich und kramte hektisch in seinem Rucksack. \u00bbIch kann es nicht finden.\u00ab<br \/>\n\u00bbNun mal mit der Ruhe\u00ab, sagte ich. \u00bbGuck mal in allen deinen Taschen nach.\u00ab<br \/>\nMein Mann drehte die Hosentaschen nach au\u00dfen, wendete seine Weste auf links. Nichts! Ich r\u00e4umte den Rucksack aus, \u00f6ffnete die Rei\u00dfverschl\u00fcsse der Innentaschen. Wieder nichts.<br \/>\n\u00bbMist\u00ab, schrie mein Mann. \u00bbIch habe das iPhone auf der Mauer am Strand liegengelassen. H\u00e4tte ich blo\u00df die Kamera behalten!\u00ab<br \/>\n\u00bbNun mal mit der Ruhe. Wir gehen zur\u00fcck.\u00ab<br \/>\nAuf der Steinmauer an der Badebucht sa\u00df ein junges P\u00e4rchen und unterhielt sich angeregt.<br \/>\n\u00bbExcusez-moi, avez- vous &#8230; ?\u00ab<br \/>\n\u00bbWe speak English\u00ab, sagte der Mann.<br \/>\nSchon besser. Wir erkl\u00e4rten das Problem, gingen gemeinsam an der Mauer entlang, suchten im Sand. Nichts.<br \/>\n\u00bbWhy don`t you call your phone?\u00ab, schlug die junge Frau vor.<br \/>\nNa klar, da h\u00e4tten wir auch selbst drauf kommen k\u00f6nnen. Ich z\u00fcckte mein Handy und tats\u00e4chlich, auf der anderen Seite nahm jemand ab, redete unverst\u00e4ndliches, schnelles Franz\u00f6sisch. Ich stotterte einen vorher auswendig gelernten Satz herunter, dass wir unser iPhone verloren h\u00e4tten und so.<br \/>\nDer Mann am anderen Ende lachte.<br \/>\n\u00bbJe l\u00e1i trouv\u00e9! Venez ici! \u00ab<br \/>\nDas war doch schon mal was. Aber wie sollten wir an das Ger\u00e4t kommen?<br \/>\n\u00bbVous \u00eates o\u00f9, monsieur?\u00ab<br \/>\nWieder eine unverst\u00e4ndliche Antwort.<br \/>\n\u00bbPouvez-vous r\u00e9p\u00e9ter? Doucement, s`\u00ecl vous pla\u00eet!\u00ab<br \/>\nDer Teilnehmer am anderen Ende wiederholte deutlich und langsam, dass er in einer Eisdiele nicht weit entfernt vom Fundort sitze. Wir sollten den Sentier de Douaniers zwei, drei Kilometer in Richtung Perros-Guirec zur\u00fcckgehen bis zur Terrasse am n\u00e4chsten Badestrand.<br \/>\n\u00bbMerci, monsieur. Merci!\u00ab<br \/>\nEine halbe Stunde sp\u00e4ter standen wir auf der beschriebenen Terrasse. Eine Schrecksekunde. Niemand wartete auf uns, niemand hielt ein Handy in die H\u00f6he. Wir w\u00e4hlten noch einmal die Nummer unseres iPhones. Ein rundlicher, kleiner Herr kam mit breitem Grinsen auf uns zu. Schwenkte das Telefon. Mein Mann bedankte sich \u00fcberschw\u00e4nglich, z\u00fcckte sein Portemonnaie, zerrte 50 Euros heraus. Finderlohn. Der Franzose winkte ab.<br \/>\n\u00bbAu revoir, madame et monsieur. Bonnes vacances!\u00ab<br \/>\n\u00bbDa haben wir Gl\u00fcck gehabt\u00ab, sagte mein Mann.<br \/>\n\u00bbUnsinn! Gl\u00fcck! Das ist die Belohnung, dass du vorhin die Kamera wieder abgegeben hast. Der liebe Gott sieht alles.\u00ab<br \/>\nMein Mann starrte mich an, als h\u00e4tte ich den Verstand verloren.<br \/>\n\u00bbDu glaubst doch wohl nicht &#8230; !\u00ab<br \/>\n\u00bbDoch!\u00ab<br \/>\nLangsam wanderten wir den K\u00fcstenpfad zur\u00fcck. An dem Kirchlein am Wegesrand blieb mein Mann pl\u00f6tzlich stehen. Sie war h\u00fcbsch, diese bretonische Kapelle, aus r\u00f6tlichen Feldsteinen gemauert, umwuchert von blauen und wei\u00dfen Hortensien. Im niedrigen, quadratischen Turm bimmelte eine Glocke und rief zum Gebet. Graue Granitplatten f\u00fchrten zur h\u00f6lzernen Eingangspforte. Mein Mann dr\u00fcckte die Klinke hinunter, die T\u00fcr war nicht abgeschlossen, sie \u00f6ffnete sich \u00e4chzend. Dunkel war das Innere der Kirche, nur das ovale, vergitterte Fenster \u00fcber dem Altar lie\u00df diffuses Licht hinein. Ein Holzkreuz hing unter dem Fenster. Ein Fresko mit Maria und dem Kind war an der Seitenwand nur zu ahnen. Wir setzten uns auf eine der harten Holzb\u00e4nke. Dann sahen wir ihn. Die kleine geschnitzte Figur vom heiligen Antonius streckte die Hand aus. Ausgerechnet der heilige Antonius, der Heilige, der seit Jahrhunderten angefleht wurde, verloren gegangene Dinge wiederzufinden. Mein Mann erhob sich langsam, kramte wieder seine B\u00f6rse hervor, nahm den zusammengefalteten 50-Euro-Schein, stopfte ihn in den Schlitz des Opferstockes.<br \/>\nIch muss zugeben, ich freute mich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; C\u00f4te de Granit Rose, ein kleiner Hafen s\u00fcdlich von Tr\u00e9gastel. 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