{"id":1447,"date":"2017-08-21T16:59:41","date_gmt":"2017-08-21T14:59:41","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1447"},"modified":"2018-09-12T19:40:49","modified_gmt":"2018-09-12T17:40:49","slug":"lago-di-garda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/lago-di-garda\/","title":{"rendered":"Lago di Garda"},"content":{"rendered":"<p>Ich sehe,<br \/>\nwie der wei\u00dfe Eriba Feeling auf die Wiese rumpelt, gezogen von einem wei\u00dfen Ford Transit.<\/p>\n<p>Ich sehe ,<br \/>\nwie sich die Fahrert\u00fcr \u00f6ffnet, muskul\u00f6se Arme einen Rollstuhl auf den Boden stellen, auf den sich ein Mann vom Fahrersitz hinunterfallen l\u00e4sst. Eine Frau mit r\u00f6tlichem Pferdeschwanz, ein schlaksiger Teenager und ein kleiner Knirps quellen aus der aufgeschobenen Seitent\u00fcr. Der Fahrer rollt zur Anh\u00e4ngerkupplung, l\u00f6st mit ge\u00fcbten Griffen die Verbindung zwischen Zugmaschine und Wohnwagen. Mutter und Sohn drehen die vier St\u00fctzen hinunter, um den Wohnwagen zu stabilisieren.<!--more--><\/p>\n<p>Ich sehe,<br \/>\nwie der gro\u00dfe Junge zum See rennt, im Laufen das l\u00f6chrige T-Shirt \u00fcber den Kopf zieht, der kleine Junge klebt an seinen Fersen. Juchzend werfen sie sich ins Wasser. Die Pferdeschwanzfrau holt Tische und St\u00fchle aus dem Wohnwagen, w\u00e4hrend der Mann beginnt, die Fahrr\u00e4der vom Heckgep\u00e4cktr\u00e4ger zu heben, anscheinend m\u00fchelos.<\/p>\n<p>Ich sehe,<br \/>\nwie Fabian hin\u00fcbergeht um zu fragen, ob er helfen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ich sehe,<br \/>\nwie der Mann im Rollstuhl freundlich nickt und Anweisungen gibt, sodass in kurzer Zeit das Vorzelt aufgebaut, der Wohnbereich installiert ist. Schneller, als wir selbst es vor einer Woche geschafft haben.<\/p>\n<p>Ich sehe,<br \/>\nwie sie reden, die Gesichter in die Sonne halten, lachen, am Campingtisch eine Flasche Wein aufmachen und miteinander ansto\u00dfen.<\/p>\n<p>\u00bbSie kommen jeden Sommer her\u00ab, sagt Fabian, als er zur\u00fcckkommt.<br \/>\n\u00bbHat er das gesagt?\u00ab, frage ich.<br \/>\n\u00bbHat er.\u00ab<br \/>\nIch schaue auf den See, in dem sich der blaue italienische Himmel spiegelt, sehe das Felsmassiv auf der gegen\u00fcberliegenden Seite, das im milden Sp\u00e4tnachmittagslicht so gar nicht bedrohlich wirkt, und sage:<br \/>\n\u00bbAuch wir sind sicher nicht zum letzten Mal hier.\u00ab<br \/>\nIch schl\u00fcpfe in meinen Badeanzug, nehme das Handtuch.<br \/>\n\u00bbSollen wir unsere neuen Nachbarn heute Abend zum Grillen einladen?\u00ab<br \/>\n\u00bbNun \u00fcbertreib mal nicht\u00ab, sagt Fabian. \u00bbLass sie erst mal ankommen. Die haben sicher eine anstrengende Fahrt hinter sich.\u00ab<br \/>\nInes und Gabriel kommen aus dem Ruhrgebiet, wie sie am n\u00e4chsten Abend erz\u00e4hlen. Eine lange Fahrt bis zum Gardasee. Sie haben hinter M\u00fcnchen einen Zwischenstopp eingelegt, schon wegen des Kleinen. Nachts f\u00fchre keiner von ihnen gerne.<br \/>\n\u00bbIch habe immer Angst, ich schlafe ein\u00ab, sagt Ines. \u00bbUnd Gabriel will nicht die ganze Zeit allein fahren.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch habe halt eine Schlafmaus geheiratet\u00ab, Gabriel lacht. \u00bbSchlafen, das ist das, was meine Frau am besten kann.\u00ab<br \/>\nInes droht ihm mit dem Finger.<br \/>\n\u00bbStimmt doch\u00ab, sagt der gro\u00dfe Sohn. \u00bbWenn Mama schl\u00e4ft, kriegt sie keiner mehr wach.\u00ab<br \/>\n\u00bbNur ich!\u00ab, trompetet Hannes. \u00bbIch kriege Mama immer wach.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd nun kommt sicher die Frage &#8230; \u00ab, sagt Gabriel.<br \/>\n\u00bbNein, kommt nicht\u00ab, sage ich schnell.<br \/>\n\u00bbAber ihr w\u00fcrdet schon gern wissen, wieso &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbDas hat Zeit\u00ab, sage ich. \u00bbWir kennen uns doch kaum.\u00ab<br \/>\n\u00bbDoch, ich kenne euch\u00ab, sagt Gabriel. \u00bbNettes Fr\u00fchrentnerpaar, hilfsbereit, k\u00fcmmert sich um Mann im Rollstuhl &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbGabriel!\u00ab, sagt Ines und legt eine Hand auf seinen Arm.<br \/>\n\u00bbIch meine das gar nicht b\u00f6se. Aber tut doch nicht so, als h\u00e4ttet ihr keine Fragen. Die h\u00e4tte ich an eurer Stelle auch. Nur k\u00fcmmern m\u00fcsst ihr euch nicht um mich.\u00bb<br \/>\n\u00bbMein Papa ist viel st\u00e4rker als ihr\u00ab, sagt Klein-Hannes. \u00bbMein Papa hat sooo dicke Arme.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, klar, hat er. M\u00f6chtet ihr noch Kirschen zum Nachtisch? Oder lieber Himbeeren?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, die Kirschen und Himbeeren und Blaubeeren sind wirklich toll. Kommt der Bauer mit seinem TukTuk voller Fr\u00fcchte immer noch jeden zweiten Nachmittag?\u00ab, fragt Ines.<br \/>\n\u00bbMein Vater hat schon zweimal an den Paralympics teilgenommen\u00ab, sagt der gro\u00dfe Junge. \u00abSeine Mannschaft hat Silber gewonnen.\u00ab<br \/>\n\u00bbAlso, bringen wir es hinter uns\u00ab, sagt Gabriel. \u00bbEs war ein Motorradunfall. Vor fast 20 Jahren in den Kanadischen Rockies.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch war dabei\u00ab, sagt Ines. \u00bbAuf dem Soziussitz. Meine Beine waren n u r gebrochen.\u00ab<br \/>\n\u00bbInes ist bei mir geblieben\u00ab, sagt Gabriel.<br \/>\n\u00bbUnd mein Part ist jetzt zu sagen: Nat\u00fcrlich, denn Gabriel ist der beste Mann der Welt.\u00ab Sie lacht: \u00bbDas Komische ist nur, ich glaube das wirklich.\u00ab<br \/>\n\u00bbNa, Kleine, nun \u00fcbertreib mal nicht\u00ab, sagt Gabriel und t\u00e4tschelt ihre Hand. \u00bbEs war ganz sch\u00f6n schwer am Anfang.\u00ab<br \/>\n\u00bbWar es\u00ab, sagt Ines. \u00abUnd meine Eltern waren strikt dagegen.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber Papa ist viel st\u00e4rker als Mama. Auch ohne Beine\u00ab, mischt sich Hannes ein, schaut seinen Vater triumphierend an und klettert auf den Rollstuhl.<br \/>\nDas scheint sogar zu stimmen, denn bei der Radtour am n\u00e4chsten Tag \u2013 Gabriel auf seinem Liegerad, Ines auf dem Mountainbike \u2013 schafft Gabriel die steile Stra\u00dfe bis zum Pass in weniger als zwei Stunden. Ines braucht eine halbe Stunde l\u00e4nger. Fabian und ich w\u00fcrden nicht im Traum daran denken, das auch nur zu probieren. Auch nicht mit den neuen E-bikes.<\/p>\n<p>Dass sie bei ihm geblieben ist, das wundert ihn immer noch. Auch nach 20 Jahren. Ihre Eltern waren entsetzt gewesen. Er war es schlie\u00dflich, der ihre einzige Tochter fast umgebracht h\u00e4tte. Mit dem Motorrad durch Kanada, das war seine Idee. Die Tochter auf dem Soziussitz. Trans-Canada Highway. Was f\u00fcr eine irre Idee war das denn! Lass ihn allein fahren, hatten sie Ines gewarnt. Wenn er sich umbringen will, soll er!<\/p>\n<p>Ines hatte nicht auf ihre Eltern geh\u00f6rt. Warum auch. Sie war gerade 20, nach bestandenem Abitur voller Sehnsucht nach Leben, wild auf Abenteuer. Vern\u00fcnftig sein, zu Hause bleiben, brav studieren, das konnte sie immer noch. Filmsequenzen jagten durch ihre Tr\u00e4ume: Easy Rider, Route 66. Beide Arme um Gabriels Bauch geschlungen, ihr Kopf an seinem R\u00fccken, Wind in den Haaren, bis \u00fcber beide Ohren verliebt. Gabriel, der Sportsmann, der Typ mit den wilden Haaren und den starken Muskeln, der nicht war wie die anderen, der sich nach dem Examen eine Auszeit nahm, ehe er seine Stelle als Ingenieur antreten wollte. Komm mit, hatte er gesagt und sie gek\u00fcsst, komm mit mir ins Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten. Von Montreal bis Vancouver. Quer durch die Rockies. Komm einfach mit. Und sie war mit ihm \u00fcber die Highways gerast, mit ihm durch die Kurven geflogen, jauchzend vor Gl\u00fcck und Lebenslust.<br \/>\nIn einer Spitzkehre im Banff National Park kam ihnen ein gr\u00fcner Chevy entgegen, schlingernd und mit \u00fcberh\u00f6hter Geschwindigkeit, der Fahrer v\u00f6llig zugedr\u00f6hnt. Auch Gabriel war schnell, hatte in wilder Fahrt die enge Kurve untersch\u00e4tzt. Krachend knallten sie gegen die st\u00e4hlerne Abgrenzung, rutschten weiter, die Maschine verkeilte sich unter der Leitplanke. Nicht den Steilhang hinunter, war sein letzter Gedanke gewesen, ehe er das Bewusstsein verlor.<br \/>\nZwei Wochen sp\u00e4ter wachte er im Krankenhaus auf, an Schl\u00e4uchen h\u00e4ngend.<br \/>\n\u00bbWhere is Ines? Where is my girlfriend?\u00ab, waren seine ersten Worte.<br \/>\n\u00bbShe has broken both her legs\u00ab, sagte die Schwester. \u00bbHer parents have come from Germany.\u00ab<br \/>\nErst da wurde ihm bewusst, dass er seine Beine nicht f\u00fchlen konnte. Der Unterk\u00f6rper umwickelt wie eine Mumie. Aber Beine? Beine? In Panik riss er die Decke weg. Br\u00fcllte, h\u00f6rte nicht auf zu br\u00fcllen. Die Schwester gab ihm eine Spritze.<br \/>\nDie Beine seien nicht zu retten gewesen, sagte der Arzt. Sie seien unter der Leitplanke zerquetscht worden. Man h\u00e4tte alles versucht, aber schlie\u00dflich h\u00e4tte man amputieren m\u00fcssen.<br \/>\n\u00bbTo save your life.\u00ab<br \/>\n\u00bbWhat life?\u00ab, hatte er geschrien. \u00bb Why didn`t you leave me alone? Why didn`t you let me die?\u00ab<br \/>\nDer Arzt zuckte die Schultern.<br \/>\n\u00bbTrenn dich von Gabriel\u00ab, sagten ihre Eltern. \u00bbWillst du dich mit einem behinderten Mann belasten?\u00ab<br \/>\n\u00bbEr ist nicht behindert\u00ab, sagte Ines. \u00bbEr hat nur keine Beine.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sehe, wie der wei\u00dfe Eriba Feeling auf die Wiese rumpelt, gezogen von einem wei\u00dfen Ford Transit. Ich sehe , wie sich die Fahrert\u00fcr \u00f6ffnet, muskul\u00f6se Arme einen Rollstuhl auf den Boden stellen, auf den sich ein Mann vom Fahrersitz hinunterfallen l\u00e4sst. 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