{"id":1430,"date":"2017-05-24T19:48:46","date_gmt":"2017-05-24T17:48:46","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1430"},"modified":"2019-08-07T21:28:58","modified_gmt":"2019-08-07T19:28:58","slug":"zweiundvierzig-kilometer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/zweiundvierzig-kilometer\/","title":{"rendered":"Zweiundvierzig Kilometer"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_010.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1533\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_010-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Doris schiebt ihr Mountainbike auf die Stra\u00dfe. Es ist trocken, nicht zu kalt, ein paar Wolken ziehen tr\u00e4ge \u00fcber den mattblauen Himmel, verdecken immer wieder die M\u00e4rzsonne.<br \/>\nEigentlich w\u00fcrde ich lieber joggen, denkt Doris, meinen Gedanken nachh\u00e4ngen, nach einer halben Stunde oder so in diesen Flow kommen, so dass die Beine automatisch ihren Rhythmus beibehalten, der K\u00f6rper schwitzt und der Kopf immer freier wird.<!--more--><br \/>\nAber joggen &#8211; das war einmal. Leider! Dem Rat des Orthop\u00e4den folgend hat sie schon vor einem Jahr Joggen gegen Walken eingetauscht, obwohl sie die St\u00f6cke immer albern fand. \u00bbDie Reha-Klinik macht einen Ausflug\u00ab, hatte Bertram gel\u00e4stert, wenn sie zu den <em>Gehhilfen<\/em> griff. Ja, Bertram &#8230; , dass es so schnell gehen w\u00fcrde, hatte sie sich auch nicht vorgestellt. Noch so viele Pl\u00e4ne, und dann lag er eines Morgens tot im Bett. Pl\u00f6tzlicher Herzstillstand.<br \/>\n\u00bbG\u00f6nnen Sie es ihrem Mann\u00ab, hatte der Notarzt gesagt.\u00abEr hat nicht gelitten.\u00ab<br \/>\nAber sie. Sie hat gelitten, tierisch gelitten. Doris setzt den Helm auf. Das Leben geht weiter, so sagt man doch, ein dummer Spruch. Mit Anstrengung hebt sie das rechte Bein, hievt es \u00fcber die schr\u00e4gstehende Stange. Was hatte der Typ neulich am Melkhus gesagt, der stocksteif stehengeblieben war und sie und ihr Rad angestarrt hatte. Dann hatte er gegrinst: \u00bbVerzeihung, ich wollte nur sehen, wie Sie es anstellen, auf das Rad zu steigen.\u00ab. Bl\u00f6der Kerl! Halt 20 Jahre j\u00fcnger als sie.<br \/>\nDoris f\u00e4hrt langsam durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, darauf bedacht, keinen der mit Taschen und K\u00f6rben bepackten Passanten zu erschrecken. Immer wieder stoppt sie ab, stellt ein Bein auf den Boden, wartet, muss sich aber trotzdem von einem brummigen Rentner anmachen lassen. \u00bbHe, Sie, hier ist Radfahren verboten. K\u00f6nnen Sie nicht lesen?\u00ab Er hat ja Recht, das wei\u00df sie, aber das Gehen macht ihr in der letzten Zeit wirklich Probleme. Sie muss wohl doch in den sauren Apfel bei\u00dfen und eine Knie-OP wagen.<br \/>\nDoris biegt in die Weserstra\u00dfe ab, rumpelt \u00fcber das Kopfsteinpflaster, macht einen Bogen um ein ausparkendes Auto. Sch\u00f6n sehen die alten Kapit\u00e4nsh\u00e4user aus, die Backsteinvillen aus der Gr\u00fcnderzeit, die pr\u00e4chtigen Bauten der reichen Handelsherren mit den kunstvoll verzierten Holzdecken und den Gem\u00e4ldegalerien in den hochherrschaftlichen Treppenh\u00e4usern. Symbole von Geld und Macht genau hier an der Weserkante mit dem Blick auf den grau-blauen Fluss und seiner heftigen Str\u00f6mung. Ablaufend Wasser, denkt Doris und blickt auf die Uhr. Einsetzende Ebbe.<br \/>\nEine Schande war es, das alte Ortsamt zu verkaufen mit seinen Vorbauten und T\u00fcrmchen und der gro\u00dfen Terrasse zur Weser hin, auf der die Brautleute ihre G\u00e4ste zum Sekt einluden. Wie Bertram und sie vor fast vierzig Jahren. War das ein lustiges Fest! Jetzt blo\u00df nicht wieder wehm\u00fctig werden, sagt sie sich und zieht das Tempo an, muss aber dem entgegenkommenden BMW ausweichen, der viel zu schnell die Stra\u00dfe hinaufr\u00f6hrt. Idiot, aber der kann wohl nicht anders. Potenzprobleme, h\u00e4tte Bertram gesagt und den Stinkefinger gezeigt.<br \/>\nDoris f\u00e4hrt hinunter zur Weser-Promenade, entlang an den Kugelahornb\u00e4umchen, die in Reih und Glied wie trainierte Soldaten den Radweg s\u00e4umen. Die Weserf\u00e4hre legt ab, quietschend und schabend wird die Rampe hochgezogen. Das Schiff tanzt ein kurzes Ballett auf den Wellen, muss das Containerschiff vorbeiziehen lassen, das sich mit der Str\u00f6mung Richtung Nordsee bewegt. Wasser, Schiffe, Wolken. Die tr\u00fcben Gedanken verfliegen, sie zieht die frische Luft tief in die Lungen, f\u00fchlt den Hauch von Salz auf den Lippen, leckt mit der Zunge dar\u00fcber. Wer wohnt schon so sch\u00f6n wie sie? Im Radfahrerland, so nah am Wasser. Ein kurzer Blick auf die wei\u00dfe Yacht vor der L\u00fcrssen-Werft. Welcher \u00d6lscheich l\u00e4sst hier bauen, ein Schiff gr\u00f6\u00dfer als das seiner Konkurrenten? Oder geh\u00f6rt die Yacht einem der erfolgreichen IT-Jungs, die auch zeigen m\u00fcssen, wie reich sie sind? Doris zuckt die Achseln und guckt ein bisschen neidisch auf die kleine Segelyacht, die die Str\u00f6mung nutzend aus der Lesum tuckert und die Segel setzt. Nur Mann und Frau an Bord. Werden ganz sch\u00f6n kreuzen m\u00fcssen, denkt sie und beobachtet das Auf und Ab des Schiffsrumpfes auf den Wellen. Bertram hat sie immer an die Pinne gelassen, wenn ihr von dem Geschaukel \u00fcbel wurde. Bertram, wie f\u00fcrsorglich du warst!<br \/>\nSie f\u00e4hrt \u00fcber die st\u00e4hlerne Hebebr\u00fccke in der Einfahrt zum Vegesacker Hafen, vorsichtig, um auf dem glatten Metall nicht zu rutschen. Wie vor ein paar Jahren die Freundin, die sich beide Handfl\u00e4chen \u00fcbel aufgeratscht hat. <em>Radfahrer absteigen<\/em>, steht ja auch auf dem Schild. Wer nicht h\u00f6ren will, muss f\u00fchlen. Wieder so ein Kommentar eines schlechtgelaunten Besserwissers.<br \/>\nAn dem immer mehr zur leerstehenden Ruine verkommenden Einkaufszentrum &#8211; auch so ein Schildb\u00fcrgerstreich der Bremer Landesregierung &#8211; tritt Doris heftiger in die Pedalen, radelt am Segelschulschiff <em>\u00bbDeutschland\u00ab<\/em> und den <em>\u00bbVier Deichgrafen\u00ab<\/em> vorbei, nimmt keuchend die Steigung zwischen Schule und L\u00fcrssens G\u00e4stehaus, klingelt einen Mann mit zwei Riesenhunden beiseite, als sie zum Grohner Hafen hinunterrollt. B\u00f6se Blicke folgen ihr. Dabei ist hier Leinenzwang! Nur h\u00e4lt sich keiner mehr daran. \u00dcbers Wehr und auf der gut asphaltierten Stra\u00dfe nach Nordwest zur \u00bb<em>Moorlosen Kirche<\/em>\u00ab. Der Wind kommt seitw\u00e4rts, der Belag ist gut, das Rad rollt und rollt, sie schaltet in den h\u00f6heren Gang.<br \/>\nEin Kaffee in der Kneipe an der alten Backsteinkirche. Mit dem Becher in der Hand geht sie hinunter auf die Wiese, die zur Weser f\u00fchrt. B\u00e4nke sind dort aufgestellt, sie l\u00e4sst sich nieder, h\u00e4lt das Gesicht in die Sonne. Es riecht nach Fr\u00fchling. Endlich. Wie oft haben sie und Bertram &#8230; Lass es! Lass es einfach! Versuche den Tag so zu genie\u00dfen, wie er ist.<br \/>\nDann durch den engen, matschigen Waldweg quer durchs Naturschutzgebiet. Nun freut sie sich, dass sie nicht der Versuchung nachgegeben hat, das Rennrad zu nehmen. Gestern noch hat es heftig geregnet, der Boden ist feucht und weich, mit den schmalen Rennradreifen w\u00fcrde sie schliddern. Die breiteren Stollen des Mountainbikes bohren sich tief ein, brechen nicht aus der Spur, gnatschend und schmatzend f\u00e4hrt sie durch den Schlamm. Vereinzelte Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken, malen Kringel auf dem braun-gr\u00fcnen Boden. Modrige Pilze vom Vorjahr im Unterholz.<br \/>\nEigentlich bin ich doch noch gut in Form, denkt Doris. Oma auf dem Mountainbike, zusammen mit den Enkeljungs. Wer kann das noch? Wer nicht alt werden will, muss fr\u00fch sterben, das pflegte doch schon ihre Gro\u00dfmutter zu sagen, die dicke, lebenslustige Frau mit ihren Spr\u00fcchen \u00bb<em>aus der kalten Heimat<\/em>.\u00ab Recht hatte sie.<br \/>\nDoris kommt wieder ins Freie. Der Blick geht \u00fcber die nassen Wiesen, ein stabiler Holzsteg f\u00fchrt an einem modrigen Wasserarm entlang. Ein Fischreiher erhebt sich mit elegantem Fl\u00fcgelschlag in die Luft, einen silbrigen Fisch im Schnabel. Quakende Enten auf dem kleinen Teich, unappetitliche Entengr\u00fctze, hektisch hin- und herschwirrende Insekten. Eine vereinzelte blau-gr\u00fcne Libelle hovert \u00fcber dem Blatt einer Seerose. Ende des Naturschutzgebietes. Die Wege sind wieder gut befestigt. Doris tritt in die Pedalen, f\u00e4hrt am Golfplatz vorbei zur Deichstra\u00dfe und dann im Stehen die steile Auffahrt hoch auf den Lesumdeich. Reetgras bewegt sich im Wind. Braun und morastig wird das Wasser der Lesum Richtung Weser und offene See gezogen. Ein Achter mit Steuermann nutzt das ablaufende Wasser, macht schnelle Fahrt Richtung Bootshaus. Das rhythmische Rufen des Steuermanns, das akkurate Eintauchen der Paddel. Eine Yacht mit gelegtem Mast gleitet mit tuckerndem Diesel in Richtung Wehr. Die Br\u00fccke muss nicht gehoben werden, das Boot gleitet zwischen den Pfeilern hindurch.<br \/>\nEigentlich reicht es f\u00fcr heute, denkt Doris. Sie schaut auf den Tacho. Erst 30 Kilometer. 42 Kilometer hat sie sich vorgenommen, Marathonstrecke. Das anhaltende Winterwetter der letzten Monate hat sie aus dem Training gebracht. Zu wenig Kondition. Sie f\u00e4hrt weiter, k\u00e4mpft gegen den inneren Schweinehund. Inzwischen ist es trocken und warm, die Sonne scheint &#8211; und zu Hause wartet niemand auf sie. Sie besiegt auch den letzten Anflug von Selbstmitleid. F\u00e4hrt und f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Im Kunstcaf\u00e9 Kr\u00e4nholm wird sie sich einen Milchkaffee g\u00f6nnen und ein St\u00fcck von dem ausgezeichneten K\u00e4sekuchen. Sie wird drau\u00dfen im Garten sitzen und dem Fl\u00f6ten der Amseln im Park lauschen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass &#8211; verf\u00fchrt von dem fr\u00fchlingshaften Wetter &#8211; auch eine ihrer Freundinnen im Caf\u00e9 auftaucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doris schiebt ihr Mountainbike auf die Stra\u00dfe. 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