{"id":1409,"date":"2017-04-26T22:21:53","date_gmt":"2017-04-26T20:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1409"},"modified":"2020-02-16T17:31:42","modified_gmt":"2020-02-16T16:31:42","slug":"borderline","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/borderline\/","title":{"rendered":"Borderline"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbWas ist los, mein Kleiner?\u00ab, fragte Stefan und hob seinen schluchzenden J\u00fcngsten auf den Scho\u00df. \u00bbWer hat dir was getan?\u00ab<br \/>\n\u00bbMama\u00ab, sagte der Junge und kuschelte sich an seinen Vater. \u00bbMama. Sie hat geschrien und mich gehauen. Ganz fest.\u00ab Anklagend zeigte er auf seine feuerrote Wange.\u00abIns Gesicht! Das darf man nicht, hast du gesagt.\u00ab<br \/>\nStefan seufzte. Valeria war wohl wieder ausgerastet. Das passierte immer h\u00e4ufiger in letzter Zeit.<br \/>\n\u00bbSch\u00e4tzchen, Mama geht es im Moment nicht gut. Sie meint es nicht so.\u00ab<br \/>\n\u00bbDoch\u00ab, schluchzte Tommi.\u00abSie hat gesagt, sie will mich weggeben. In ein Heim, weil, weil ich b\u00f6se bin. Ich bin nicht b\u00f6se, Papa. Oder?\u00ab<!--more--><br \/>\nStefan richtete sich auf, dr\u00fcckte seinen J\u00fcngsten an sich, strich ihm \u00fcbers Haar. \u00bbNein, du bist nicht b\u00f6se. Und Mama hat dich lieb.\u00ab<br \/>\n\u00bbHat sie nicht\u00ab, beharrte der Kleine.\u00abSie hat nur Anna lieb. Mit Anna schimpft sie nie.\u00ab<br \/>\nKein Wunder, dachte Stefan. Die kleine Tochter war mittlerweile so verschreckt, dass sie pausenlos damit besch\u00e4ftigt war, die W\u00fcnsche ihrer Mutter zu erraten. Sie bockte nicht, sie trotzte nicht, sie warf sich nicht wie Tommi auf den Boden, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Seine muntere Anna war still geworden, versuchte, nicht aufzufallen. So konnte es nicht weitergehen.<br \/>\n\u00bbMama meint es nicht so\u00ab, sagte Stefan und k\u00fcsste seinen Sohn. \u00bbUnd jetzt geh spielen, bitte.\u00ab<br \/>\nMit h\u00e4ngendem Kopf zog der Kleine ab.<br \/>\nWas sollte er blo\u00df tun? Sabine dr\u00e4ngte. Er m\u00fcsse sich entscheiden. Sie oder Valeria,\u00a0 die Mutter seiner Kinder.<br \/>\nEs war nicht so, dass er Valeria noch liebte. Ganz im Gegenteil, er konnte ihre Stimmungsumschw\u00fcnge nicht mehr ertragen: Wutausbr\u00fcche, dann \u00fcberbordende Fr\u00f6hlichkeit, immer wieder depressive Zust\u00e4nde, die sie tagelang ans Bett fesselten. Ihn traf die Schuld, wenn es ihr schlecht ging, behauptete sie.<br \/>\n\u00bbSie ist halt sehr emotional\u00ab, hatte er seinem Vater erkl\u00e4rt, nachdem er ihm gesagt hatte, Valeria heiraten zu wollen.<br \/>\n\u00bbDas ist nicht dein Ernst\u00ab, hatte sein Vater gesagt. \u00bbDie Frau ist krank. Psychisch krank. Willst du Jesus spielen?\u00ab<br \/>\nValeria war sch\u00f6n. Und leidenschaftlich. So verliebt war er noch nie. Solch eine Intensit\u00e4t an Gef\u00fchlen hatte er noch von keiner Frau bekommen. Valeria \u00fcbersch\u00fcttete ihn mit Z\u00e4rtlichkeiten. Ihr Hunger nach Sex war unermesslich. Sie verbrachten Tage im Bett und er erlebte eine emotionale Verschmelzung, die ihm au\u00dferirdisch erschien.<br \/>\n\u00bbDu bist der tollste Mann, der mir je in meinem Leben begegnet ist\u00ab, sagte sie. \u00bbOhne dich will ich nicht weiterleben. Ohne dich bringe ich mich um.\u00ab<br \/>\nEr war sich gro\u00df vorgekommen und wichtig und stark.<br \/>\n\u00bbSie ist emotional&#8220;,\u00a0 versuchte er auch die skeptische Stimmen seiner Freunde zu \u00fcbert\u00f6nen. \u00bbSo was habt ihr noch nicht erlebt. Im Bett &#8211;\u00a0 unvergleichlich!\u00ab<br \/>\n\u00bbBorderline\u00ab, hatte eine alte Freundin ganz fr\u00fch gesagt. \u00bbNimm dich in Acht.\u00ab<br \/>\nAber er wollte sich nicht in Acht nehmen. Diese Frau war ein Geschenk des Himmels. Gut, ihre depressiven Einbr\u00fcche machten ihm Angst. Aber das w\u00fcrde er schon hinkriegen, mit Liebe und Geduld. Und als sie ein Kind wollte und ihm in rosaroten Farben schilderte, dass dann alles gut werden w\u00fcrde, willigte er ein. Sie setzte die Pille ab, sie wurde schwanger. Anna, die kleine Tochter, wurde geherzt und gek\u00fcsst. Sie liebkoste\u00a0 und streichelte sie ununterbrochen.<br \/>\n\u00bbWas f\u00fcr ein h\u00fcbsches Baby\u00ab, sagte sie und stellt die Fotos bei Facebook ein. Er hatte ein komisches Gef\u00fchl, protestierte aber nicht. Solange Valeria gl\u00fccklich war, war er es auch. Valeria spielte mit dem Baby, als sei sie selbst noch ein Kind. \u00dcbergl\u00fccklich turtelte und schmuste sie mit ihm herum.<br \/>\nMan sollte nie auf seine Eltern h\u00f6ren, dachte Stefan. Er genoss die weiche, hingebungsvolle Seite seiner Frau, ihre Ausgeglichenheit, ihre Z\u00e4rtlichkeit im ersten Jahr mit dem Baby.<br \/>\nAnna wurde ein Jahr alt, entwickelte altersgem\u00e4\u00df einen Dickkopf und bekam Tobsuchtsanf\u00e4lle, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Valeria wollte ein zweites Kind.<br \/>\n\u00bbBorderline-Patienten wollen mit ihren Kindern nachholen, was sie selbst nicht bekommen haben\u00ab, warnte sein Vater.<br \/>\n\u00bbSie ist nicht Borderline\u00ab, sagte Stefan. \u00bbUnd wenn du weiter so negativ \u00fcber meine Frau redest, besuche ich dich nicht mehr.\u00ab Der Vater ruderte zur\u00fcck.<br \/>\nDas zweite Kind war ein Junge, kein einfaches Baby. Er hatte Koliken, schrie N\u00e4chte durch. Stundenlang trug er den kleinen Tommi durch die n\u00e4chtliche Wohnung,\u00a0 nachdem er eines Nachts gesehen hatte, dass Valeria ausrastete und voller Wut das Baby sch\u00fcttelte. Er riss es ihr aus den Armen.<br \/>\n\u00bbBist du verr\u00fcckt? Willst du den Kleinen umbringen?\u00ab<br \/>\nValeria weinte. Nat\u00fcrlich war sie mit zwei Kleinkindern \u00fcberfordert. Stefan verlegte seinen Arbeitsplatz nach Hause. Er traute sich nicht mehr, Valeria mit den Kindern allein zu lassen. Er bestand darauf, dass sie zum Arzt ging. Der verschrieb Beruhigungsmittel, die sie aber so matt und schl\u00e4frig machten, dass sie morgens nicht mehr aufstand. Er holte die Kinder aus den Bettchen, f\u00fctterte sie, spielte mit ihnen, brachte sie zur Tagesmutter, dann setzte er sich an den Computer und arbeitete. Sie versuchte, ihn ins Bett zu ziehen, fl\u00fcsterte Versprechungen und malte ihm die Zukunft in rosigen Farben aus. Alles w\u00fcrde gut werden. Aber er war skeptisch\u00a0 geworden. Ihre Wutausbr\u00fcche h\u00e4uften sich. Ihre Eifersuchtsanf\u00e4lle auch. Jede andere Frau war eine Bedrohung. F\u00fcr die Kinder war sie v\u00f6llig unberechenbar. Stefan versuchte, die Kinder zu sch\u00fctzen,\u00a0 drohte Konsequenzen an. Valeria weinte herzzerrei\u00dfend, flehte, biss sich in die Oberarme, bis sie bluteten.<br \/>\nNur im Urlaub, wenn sie unterwegs waren und Neues erlebten, Aufregendes, das die innere Leere und Langeweile des Alltags f\u00fcr kurze Zeit \u00fcbert\u00fcnchen konnte, kam die alte Valeria wieder zum Vorschein, sie wurde fr\u00f6hlich und spontan. H\u00fcbsch war sie: die R\u00f6cke kurz, die T-Shirts ausgeschnitten. M\u00e4nner drehten sich nach ihr um. Sie flirtete. Ihr Selbstbewusstsein wuchs. Jeden Tag ein Foto von ihr bei Facebook und Twitter. 120 000 followers. Es war nie genug.<br \/>\n\u00bbIch bleibe bei dir\u00ab, fl\u00fcsterte sie nachts in sein Ohr. \u00bbDu bist der Mann meines Lebens. Ohne dich bin ich ein Nichts.\u00ab<br \/>\nIhre Panik, verlassen zu werden, wurde unertr\u00e4glich. Sie drohte mit Selbstmord. Nat\u00fcrlich tat sie ihm leid. Nat\u00fcrlich f\u00fchlte er sich schuldig, er versuchte, sich noch intensiver um sie zu k\u00fcmmern. Ihre Verlassens\u00e4ngste, seine Allmachtsgef\u00fchle banden ihn. Nie wieder w\u00fcrde er f\u00fcr eine Frau so wichtig, so \u00fcberlebenswichtig sein.<br \/>\nAuf dem Kinderspielplatz lernte er Sabine kennen.\u00a0 Sabine war alleinerziehend, hatte sich trotz der vierj\u00e4hrigen Tochter von ihrem Mann getrennt.<br \/>\n\u00bbNicht trotz, sondern wegen der Tochter\u00ab, sagte sie zu Stefan. \u00bbIch habe einen Fehler gemacht, aber den muss ich nicht bis an mein Lebensende ausbaden. Meine Tochter auch nicht.\u00ab<br \/>\nSie trafen sich h\u00e4ufiger, fassten Vertrauen, waren aber vorsichtig. Stefan konnte und durfte die Kinder nicht seiner Frau \u00fcberlassen, das war ihm klar. Das sah auch Sabine ein.Welcher Richter w\u00fcrde einem Vater die Kinder geben, blo\u00df weil der sich in eine andere Frau verliebt hatte? Valeria w\u00fcrde jedem Richter glaubhaft versichern, dass sie eine ausgezeichnete Mutter war, nur f\u00fcr ihre Kinder lebte und deshalb auch\u00a0 ihr Studium abgebrochen, auf ihre eigene Karriere verzichtet hatte. Die Kinder w\u00fcrden in den unappetitlichen Kampf der Eltern hineingezogen, Valerias unberechenbaren Reaktionen ausgesetzt werden. Konnte Stefan das verantworten? Er liebte seine Kinder. Sie waren auf ihn angewiesen. W\u00fcrde Valeria sie kaputt machen, so wie sie kaputt gemacht worden war?\u00a0 Aber Valeria brauchte ihn. Und die Kinder? Was wird aus den Kindern?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbWas ist los, mein Kleiner?\u00ab, fragte Stefan und hob seinen schluchzenden J\u00fcngsten auf den Scho\u00df. \u00bbWer hat dir was getan?\u00ab \u00bbMama\u00ab, sagte der Junge und kuschelte sich an seinen Vater. \u00bbMama. Sie hat geschrien und mich gehauen. Ganz fest.\u00ab Anklagend zeigte er auf seine feuerrote Wange.\u00abIns Gesicht! 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