{"id":1407,"date":"2017-04-21T20:50:19","date_gmt":"2017-04-21T18:50:19","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1407"},"modified":"2020-07-10T17:38:15","modified_gmt":"2020-07-10T15:38:15","slug":"am-fahranleger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/am-fahranleger\/","title":{"rendered":"Am F\u00e4hranleger"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_011.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1534\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_011-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Was? Ich presse das Smartphone ans Ohr. Ich solle sofort zur Vegesacker F\u00e4hre kommen. Ein Mann halte Marina eine Revolver an den Kopf.<br \/>\n\u00bbSagen, gestohlen sie hat\u00ab, sagt Viktor in gebrochenem Deutsch. \u00bbL\u00fcge! Marina nicht stehlen.\u00ab<br \/>\nIch nehme die Autoschl\u00fcssel vom Haken, rase zum F\u00e4hranleger.<br \/>\nDu wichtigtuerischer Idiot, beschimpfe ich mich unterwegs. Was machst du da? <!--more--><br \/>\nHoffentlich hat jemand die Polizei benachrichtigt. Ich habe mich doch nur bereit erkl\u00e4rt, dieses bosnische Ehepaar bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen zu betreuen, mehr nicht. Ich kann aus linken Studentenzeiten ganz gut serbisch-kroatisch, als ein Praktikum im alten Jugoslawien zum guten Ton geh\u00f6rte.<br \/>\nMit quietschenden Reifen rase ich los, stoppe jedoch ab, als ich auf dem Parkplatz vor Netto einen Streifenwagen sehe, deren Besatzung sich einen Kaffee g\u00f6nnt. Ich klopfe an die Scheibe, schildere kurz die Situation.<br \/>\n&#8222;Wir kommen&#8220;, sagt die junge Frau am Steuer, greift auf den R\u00fccksitz, zerrt Westen nach vorn &#8222;Die legen wir noch an. Wir folgen ihnen sofort.&#8220;<br \/>\nKugelsichere Westen, denke ich. Deren Job m\u00f6chte ich auch nicht haben. Wenn sie Pech haben, geraten sie schon bei einer routinem\u00e4\u00dfigen Verkehrskontrolle in Lebensgefahr. Ich stelle den Wagen\u00a0 vor der Einfahrt zur Strandlust ab. Der Himmel ist grau verhangen, es weht ein kr\u00e4ftiger Wind aus Nordwest. Auf der Promenade vor der Walflosse ein Menschenauflauf. Ich k\u00e4mpfe mich durch den Ring der jungen, fremdl\u00e4ndisch aussehenden M\u00e4nner. Einige mit dieser Kim-Jong-Un-Frisur, die auch ein h\u00fcbsches Milchbubigesicht martialisch aussehen l\u00e4sst. Tats\u00e4chlich, da steht Marina mit angstvoll aufgerissenen Augen unter ihrem gebl\u00fcmten Kopftuch und jammert: \u00bbNicht ich, nicht Schmuck!\u00ab, w\u00e4hrend ihr ein junger Kerl eine Pistole vor die Stirn h\u00e4lt und schreit: \u00bbGib sie raus! Gib die Kette raus!\u00ab<br \/>\nAls alter Lehrer kenne ich die Regeln des Konfliktmanagements. Nicht einmischen, hei\u00dft es. Viel zu gef\u00e4hrlich. Sofort die Polizei rufen! Die Umstehenden aktivieren! Aber wie? Die Erinnerung an die Pr\u00fcgelei auf dem Bahnhofsvorplatz nach der gewonnen Fu\u00dfballweltmeisterschaft und die kopflose Flucht der Streifenwagenmannschaft\u00a0 ist in Bremen-Nord noch sehr pr\u00e4sent. Mein Herz klopft wie wild, mein Adrenalinspiegel tobt. Die F\u00e4hre nach Lemwerder legt ab, quietschend wird die Rampe hochgezogen.<br \/>\n\u00bbWas ist hier los?\u00ab, frage ich und wende mich an den Jungen mit der Pistole.<br \/>\n\u00bbDie Frau hat in unserem Juweliergesch\u00e4ft gestohlen\u00ab, sagt der Junge in fl\u00fcssigem Deutsch, schaut mich an und senkt die Pistole. \u00abSie soll nur den Schmuck herausgeben, mehr nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbWoher wei\u00dft du, dass sie es war?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch habe sie gesehen, morgens, als sie kam und geklaut hat und heute Nachmittag, als sie wieder vor dem Fenster stand. Mit ihrem Mann. Ich bin ihnen gefolgt. Habe Freunde gerufen.\u00ab<br \/>\n\u00bbL\u00fcge. Marina nicht Laden!\u00ab, schreit Viktor. \u00bbImmer zu Hause.\u00ab<br \/>\nIch lege meine Hand auf seinen Arm und wende mich wieder an den Jungen.<br \/>\n\u00bbArbeitest du in dem Laden?\u00ab, frage ich.<br \/>\n\u00bbJa, in den Schulferien. Ich sollte eine Stunde aufpassen, mein Onkel musste kurz weg. Ihm geh\u00f6rt der Laden. Jetzt ist er sauer auf mich.\u00ab<br \/>\nUnd nun will das Kerlchen das Recht in eigene H\u00e4nde nehmen und seinem Onkel zeigen, dass er doch was taugt. Fast habe ich Mitleid mit ihm.<br \/>\n\u00bbMach dich nicht ungl\u00fccklich\u00ab, sage ich und schaue in die feindseligen Gesichter um mich herum. \u00bbIn Deutschland findet die Polizei heraus, was passiert ist.\u00ab Einer lacht.<br \/>\nIch h\u00f6re Polizeisirenen. Gottseidank, der Streifenwagen scheint mir wirklich gefolgt zu sein. Hat ja lange gedauert! Haben sie erst Verst\u00e4rkung angefordert?\u00a0 Oder ein Passant hat den Notruf gew\u00e4hlt. Vielleicht sogar der Kapit\u00e4n auf der F\u00e4hre. Mehrere Streifenwagen mit rotierendem Blaulicht fahren auf die Promenade, kreisen die Gruppe ein. Die Polizisten springen aus den Autos. Mit entsichertem Maschinengewehr gibt ein Beamter den Kollegen Feuerschutz. Diesmal werden sie sich nicht in die Flucht schlagen lassen. Ich schaue auf den Jungen. Die Pistole ist verschwunden.<br \/>\n\u00bbWelche Pistole?\u00ab, fragt er und versucht zu grinsen. \u00bbBlo\u00df Spielzeug. Wollte ihr\u00a0 Angst machen.\u00ab<br \/>\n\u00bbNun kommen Sie mal mit zur Wache. Sie und Sie und Sie!\u00ab, sagt ein \u00e4lterer Polizeibeamter.<br \/>\nMan macht\u00a0 uns eine Gasse frei. Wie sich herausstellte, lag eine Verwechslung vor. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass Marina eben nicht Serbin ist, sondern eine Roma aus Albanien. Sie ist nicht zum ersten Mal auf der Wache, weil sie zu Unrecht beschuldigt wurde, gestohlen zu haben. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was? Ich presse das Smartphone ans Ohr. Ich solle sofort zur Vegesacker F\u00e4hre kommen. Ein Mann halte Marina eine Revolver an den Kopf. \u00bbSagen, gestohlen sie hat\u00ab, sagt Viktor in gebrochenem Deutsch. \u00bbL\u00fcge! Marina nicht stehlen.\u00ab Ich nehme die Autoschl\u00fcssel vom Haken, rase zum F\u00e4hranleger. Du wichtigtuerischer Idiot, beschimpfe ich mich unterwegs. 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