{"id":1384,"date":"2017-03-01T21:19:06","date_gmt":"2017-03-01T19:19:06","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1384"},"modified":"2018-09-12T19:33:37","modified_gmt":"2018-09-12T17:33:37","slug":"flugangst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/flugangst\/","title":{"rendered":"Flugangst"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_007.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1530\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_007-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Seit ihrer Kindheit hasste Susanne Fahrst\u00fchle. Sie wusste noch genau, wie sie sich f\u00fchlte, wenn der schlecht gewartete Lift in dem Hochhaus, in dem sie damals wohnten, irgendwo zwischen der 12. und 13. Etage steckenblieb und das Licht ausging. Der kleine Bruder fing sofort an zu schreien, Mutter nahm ihn auf den Arm, versuchte die Stimme ruhig zu halten und sagte: \u00bbWir dr\u00fccken einfach den Notknopf. Keine Angst. Da kommt schon jemand.\u00ab In der Tat, es kam immer jemand. Nach einer Weile &#8211; manchmal erst nach einer Viertelstunde, nie sp\u00e4ter &#8211; ging das Licht wieder an und der Lift setzte sich in Bewegung. \u00bbSiehst du\u00ab, sagte die Mutter und strich der Tochter \u00fcbers Haar, \u00bbnicht so schlimm. Da kann nichts passieren.\u00ab<!--more--><br \/>\nSusanne glaubte ihr nicht. Je \u00e4lter sie wurde, desto mehr f\u00fcrchtete sie Tunnel, vollgerammelte Stadien, Massenaufl\u00e4ufe. Auch das Fliegen wurde mehr und mehr zum Problem. Eigentlich lachhaft, denn ausgerechnet der kleine Bruder war Pilot geworden und erkl\u00e4rte ihr immer wieder, wie gering die Gefahr eines Flugzeugabsturzes war, dass das Risiko eher in der Fahrt zum Flughafen lag. Das wusste sie. \u00dcber den Kopf.<br \/>\n\u00bbWir m\u00fcssen da therapeutisch eingreifen\u00ab, sagte die Psychologin, die sie um Rat fragte. \u00abVerhaltenstherapie gegen Platzangst. Nichts Psychoanalytisches. Einfache Verhaltenstherapie.\u00ab<br \/>\nZur \u00dcbung ging Susanne &#8211; inzwischen hatte sie ihren Freund Hendrik geheiratet und selbst zwei Kinder &#8211; in den Zirkus, sp\u00e4ter mit Mann und den S\u00f6hnen ins Fu\u00dfballstadium, obwohl sie Fu\u00dfball wirklich nicht interessierte.<br \/>\n\u00bbDas tut Ihnen gut\u00ab, sagte die Therapeutin. \u00abWeiter so.\u00ab<br \/>\nFliegen allerdings, das wollte sie immer noch nicht. Keine Diskussion. Lufthansa bot Trainingskurse gegen Flugangst an. Dabei hatte sie keine Angst abzust\u00fcrzen, bildete sich sogar ein, das sei eine schnelle und humane Todesart, auf jeden Fall besser als Krebs. Aber musste man \u00fcberhaupt fliegen? Fernfl\u00fcge? Umweltsch\u00e4dlich. Blo\u00df um ein paar Tempel zu sehen? Um unter Palmen am wei\u00dfen Strand zu baden? Europa bot so viel, da konnte man \u00fcberall mit dem Auto hinkommen.<\/p>\n<p>Ein kurzer Flug nach Mallorca, schlug Hendrik vor. Das halte sie durch, nur zweieinhalb Stunden. L\u00e4cherlich. Sie willigte ein und stand schon zwei Wochen sp\u00e4ter in der Abflughalle mit Hunderten von reiselustigen Touristen, die redeten und lachten und mit den F\u00fc\u00dfen ihr Gep\u00e4ck weiterschubsten. Ist ja gar nicht so schlimm, versuchte sie sich einzureden. Die Halle war gro\u00df und hell, die Leute gut gelaunt, niemand dr\u00e4ngelte, noch nicht einmal, als sie in der Schlange darauf warteten, dass das Boarding begann. Den kurzen Weg \u00fcbers Flugfeld zum Flieger \u00fcberwand sie mit leichten, schnellen Schritten, stieg energisch die Treppen zum Eingang hoch. Zwei nette Stewardessen gr\u00fc\u00dften freundlich, lie\u00dfen sich die Boardingcard zeigen und wiesen den Weg zu ihren Sitzen. Dann das Gef\u00fchl, Hilfe, ist es hier eng, eine geschlossene Metallr\u00f6hre, ein blecherner Sarg. Sie lie\u00df sich in den Sitz fallen, Fensterplatz, und blickte angestrengt aufs Flugfeld. Ruhig atmen, befahl sie sich. Ganz ruhig atmen, das hatte sie trainiert. Ein und aus. Der Flieger rollte zur Startbahn, die Motoren wurden laut, lauter, das Flugzeug zog an, die Menschen wurden in ihre Sitze gepresst. Jedes Gespr\u00e4ch verstummte. Hendrik tastete nach ihrer Hand, sie versuchte zu l\u00e4cheln, krampfte sich an seinem Arm fest. Der Flieger beschleunigte, unter ihnen raste das graue Betonband vorbei. Sie hoben ab, gewannen langsam an H\u00f6he. Ein erleichtertes Aufatmen im Flieger. Sieh mal an, dachte sie, die anderen Menschen waren wohl auch angespannt. Nun redeten sie wieder, lachten, standen auf, \u00f6ffneten die Klappen \u00fcber den Sitzen, versorgten sich mit Zeitschriften und Getr\u00e4nken. Der Urlaub hatte begonnen. Auch Susanne nahm das eBook, das ihr Mann ihr f\u00fcrsorglich reichte, versuchte, sich in den Mallorca-Krimi zu vertiefen, was erstaunlicherweise gelang. Sie entspannte sich, schloss sogar zwischendurch die Augen, riskierte ein Nickerchen. Nein, danke, Kaffee brauchte sie nicht, auch kein Glas Wein. Sie schaffte es auch so. Warum hatte sie nur so ein Theater gemacht? Ihr Mann l\u00e4chelte sie an, strich ihr mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die Wange.<br \/>\n\u00bbAlles klar?\u00ab<br \/>\nJa, es war alles klar und sie war erstaunt, nach so kurzer Zeit die Stimme des Kapit\u00e4ns zu h\u00f6ren, der den Landeanflug \u00fcber Palma de Mallorca ank\u00fcndigte. Die Anschnall-Lichter blinkten auf, die Leute legten die Gurte an. Einige schoben noch schnell einen Kaugummi in den Mund. Druckausgleich. Sie lehnte sich zur\u00fcck, sp\u00e4hte aus dem Fenster, sah den Flughafen n\u00e4her und n\u00e4her kommen, die Landebahn.<br \/>\nDoch kurz vor dem Aufsetzen, sie wartete schon auf das erl\u00f6sende rumpelnde Ger\u00e4usch, heulten die Motoren auf und die Maschine wurde nach oben gezogen. Susanne erstarrte. Im Flugzeug wurde es gespenstisch still. Die Stimme des Copiloten kam \u00fcbers Mikrofon, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung, sie h\u00e4tten ein kleines Problem mit dem Fahrwerk. Es schien zu klemmen. Sie w\u00fcrden in ein paar Minuten den Landeanflug noch einmal probieren.<br \/>\nWarum gerade, wenn ich an Bord bin, dachte Susanne, warum bei meinem ersten Flug? Hinter ihnen fing eine Frau an, haltlos zu schluchzen. Eine M\u00e4nnerstimme sprach beruhigend auf sie ein. Hinten schrie ein Kind. Susanne merkte, wie ihre H\u00e4nde schwei\u00dfnass wurden. Nein, sie w\u00fcrde nicht schreien. Und wenn sie erstickte. Der n\u00e4chste Anflug w\u00fcrde gelingen. Das Flugzeug gewann an H\u00f6he, flog eine gro\u00dfe Schleife um den Flughafen, ging in den Sinkflug.<br \/>\n\u00bbGleich haben wir`s\u00ab, sagte Hendrik. \u00bbKein Problem. Das kann mal passieren.\u00ab<br \/>\nSusanne antwortete nicht, konzentrierte sich auf ihre Atmung. Und wenn wir abst\u00fcrzen, dachte sie. Und wenn wir jetzt abst\u00fcrzen? W\u00e4re es wirklich so schlimm? Ich hatte ein sch\u00f6nes Leben, einen f\u00fcrsorglichen Mann, wohlgeratene Kinder &#8230;<br \/>\n\u00bbEs wird gutgehen\u00ab, fl\u00fcsterte ihr Mann und sie merkte, dass er Angst hatte. Er war ganz bleich. Komischerweise f\u00fchlte sie sich stark in diesem Moment. Sie dr\u00fcckte seine Hand.<br \/>\n\u00bbWir hatten ein sch\u00f6nes Leben\u00ab, sagte sie.\u00abWir hatten uns!\u00ab<br \/>\nEr nickte und legte den Arm um sie. Und es geschah das Unfassbare, das Flugzeug startete zum zweiten Mal durch und zog mit einer steilen Kurve nach oben.<br \/>\n\u00bbHier spricht der Kapit\u00e4n. Bleiben Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Panik. Das Fahrwerk klemmt noch immer, aber am Boden stehen L\u00f6schfahrzeuge bereit, die einen Schaumteppich auf die Landebahn legen, so dass der Flieger auch ohne Fahrwerk landen kann. Sie brauchen keine Angst zu haben.\u00ab<br \/>\nSo ein Quatsch, dachte Susanne. Alle haben hier Angst. Nat\u00fcrlich haben alle Angst. Bilder von abgest\u00fcrzten und ausgebrannten Flugzeugen dr\u00e4ngten sich ihr auf. Herumliegende Wrackteile von der Germanwings-Maschine, die vor zweieinhalb Jahren dieser Psychopath von Co-Pilot in den franz\u00f6sischen Alpen gegen einen Berg gesteuert hatte, w\u00e4hrend der Kapit\u00e4n verzweifelt an der verschlossenen Cockpit-T\u00fcr getrommelt hatte. Ein Flugzeug voller Kinder und Jugendlicher. Nein, versuchte sie sich einzureden, ich kann mich nicht beklagen, mein Leben war sch\u00f6n. Privilegiert. Im richtigen Land zur richtigen Zeit in der richtigen Familie geboren. Ohne Krankheiten, ohne materielle Sorgen. Das Schluchzen der Frau hinter ihnen hatte sich zum Schreien gesteigert. Hier und da Weinen, Fl\u00fcche, Gebete. Tats\u00e4chlich, vor ihnen betete eine Frau das Vaterunser. Nie in die Kirche gehen, aber jetzt beten, dachte Susanne. Sie f\u00fchlte sich stark und ruhig, ruhig genug, um zu ihrem Mann zu sagen:<br \/>\n\u00bbKeine Angst, das klappt schon. Die Piloten haben solche Landungen trainiert.\u00ab<br \/>\n\u00bbAm Simulator\u00ab, sagte er. \u00bbDas ist was anderes.\u00ab Er entspannte sich aber.<br \/>\nVon oben sah man, wie sich gro\u00dfe, graue Fahrzeuge auf die Landebahn zubewegten.<br \/>\n\u00bbDie spr\u00fchen gleich Schaum\u00ab, sagte Susanne und schaute interessiert aus dem Fenster. \u00bbGuck mal, Hendrik!\u00ab<br \/>\nEr beugte sich \u00fcber sie. Und dann ein Rumpeln und Kreischen.<br \/>\n\u00bbDas Fahrwerk ist raus\u00ab, sagte er und fing an zu lachen. Hysterisch zu lachen.<br \/>\n\u00bbDas Fahrwerk ist raus\u00ab, schrie eine M\u00e4nnerstimme von hinten.<br \/>\n\u00bbGott sei Dank\u00ab, sagte die Frau vor ihnen und h\u00f6rte auf zu beten.<br \/>\n\u00bbDas Fahrwerk ist raus\u00ab, sagte auch der Co-Pilot. Seine Stimme klang erleichtert.<br \/>\nDer Junge hat auch Angst gehabt, dachte Susanne. Trotz Training im Simulator.<\/p>\n<p>Als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte, gab es frenetischen Beifall. Beim Rausgehen sagte ein \u00e4lterer Mann hinter ihnen:<br \/>\n\u00bbSo was muss ja passieren, wenn die Fluggesellschaften sich totsparen und die Flieger nicht anst\u00e4ndig gewartet werden.\u00ab<br \/>\n\u00bbAch, halten Sie doch den Mund!\u00ab, sagte Susanne.<br \/>\nSie verlebten einen wundersch\u00f6nen Urlaub auf Mallorca. Allerdings bestand Hendrik am letzten Urlaubstag darauf, den R\u00fcckflug verfallen zu lassen und lieber die F\u00e4hre nach Barcelona zu nehmen.<br \/>\n\u00bbWir fahren mit dem Zug zur\u00fcck\u00ab, sagte er. \u00bbDas macht viel mehr Spa\u00df.\u00ab<br \/>\nSusanne l\u00e4chelte in sich hinein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ihrer Kindheit hasste Susanne Fahrst\u00fchle. Sie wusste noch genau, wie sie sich f\u00fchlte, wenn der schlecht gewartete Lift in dem Hochhaus, in dem sie damals wohnten, irgendwo zwischen der 12. und 13. Etage steckenblieb und das Licht ausging. Der kleine Bruder fing sofort an zu schreien, Mutter nahm ihn auf den Arm, versuchte die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1384","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1384","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1384"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1384\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1770,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1384\/revisions\/1770"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}