{"id":1382,"date":"2017-03-01T21:17:07","date_gmt":"2017-03-01T19:17:07","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1382"},"modified":"2018-09-12T19:44:39","modified_gmt":"2018-09-12T17:44:39","slug":"on-the-road","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/on-the-road\/","title":{"rendered":"Hitchhiking"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_004.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1527\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_004-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Eigentlich unfair von Mama, dachte Frauke, als sie im Zug nach Calais sa\u00df. Ihre Eltern hatten sie zum Essener Hauptbahnhof gebracht, ihr noch 100 Mark in die Hand gedr\u00fcckt und \u00bbgute Reise\u00ab gew\u00fcnscht. Das Geld f\u00fcr das Zugticket und die F\u00e4hre von Calais nach Dover hatte sie sich in den\u00a0 Semesterferien verdient.\u00a0 Sechs Wochen lang hatte sie Post ausgetragen. War ja ok., die Eltern bezahlten die B\u00fccher, die sie f\u00fcr das Anglistikstudium brauchte. Wohnen konnte sie zu Hause. Dass aber\u00a0 Mutter ihr\u00a0 im letzten Moment &#8211; der Zug lief schon ein &#8211; ins Ohr gezischelt hatte: \u00bbDu versprichst mir in die Hand, nicht zu trampen\u00ab, war eine Gemeinheit, die auch Vater nicht mitbekommen sollte. <!--more--><br \/>\nMutter wusste genau, wie gewissenhaft Frauke sich an gegebene Versprechen hielt. Frauke hatte genickt, Mutter aber nicht die Hand gegeben. Also war sie auch nicht verpflichtet, ihr Versprechen einzuhalten. Oder doch? In K\u00f6ln stieg ihre Freundin Kitty zu, die hatte auch nicht viel Geld. Es war abgemacht, dass sie nach Schottland trampen wollten. Allerdings zerstritten sie sich auf der F\u00e4hre so heftig, dass &#8211; in Dover angekommen &#8211; Kitty die n\u00e4chste F\u00e4hre zur\u00fcck nach Calais nahm, Frauke sich aber entschloss, die Tour nach Schottland allein zu wagen.<br \/>\nEs waren noch die Zeiten, als Tramper &#8211; und vor allen Dingen Tramperinnen &#8211; an der Autobahn mitgenommen wurden, und so war es auch f\u00fcr Frauke kein Problem, noch am selben Tag bis York zu kommen.<br \/>\nNach einem ausgiebigen englischen Fr\u00fchst\u00fcck im \u00bbBed and Breakfast\u00ab besichtigte sie die imposante Kathedrale in York, g\u00f6nnte sich Fastfood beim Chinamann in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, lie\u00df sich mit dem Bus aus der Stadt herausbringen und hob den Daumen an der Auffahrt zur M1.<br \/>\nEin Lastwagenfahrer kurbelte die Scheibe hinunter: \u00bbWhere are you going, love?\u00ab fragte er, reckte sich \u00fcber den Beifahrersitz und \u00f6ffnete die T\u00fcr. \u00bbCome on in, love!\u00ab Frauke hatte ein komisches Gef\u00fchl, stieg aber ein. Der Mann sah manierlich aus, uralt, sicher schon f\u00fcnfzig, also jenseits von Gut und B\u00f6se. Sie musterte ihn von der Seite: dunkles, sch\u00fctteres Haar, scharfes Profil, gro\u00dfe Nase, h\u00e4ngende Lider \u00fcber hervorquellenden Augen.\u00a0 Wie hohl war es denn, einen Menschen nach seinem \u00c4u\u00dferen zu beurteilen, schalt sie sich. Wahrscheinlich ein kreuzbraver Familienvater mit pubertierenden Kindern und einer Frau mit Lockenwicklern.<br \/>\n\u00bbWhy are you grinning_\u00ab, fragte der Mann pl\u00f6tzlich. \u00bbAre you laughing about me?\u00ab<br \/>\n\u00bbNo, not at all\u00ab, beeilte sich Frauke zu sagen.\u00ab I\u00b4m so happy I`ve got a lift.\u00ab<br \/>\n\u00bbRight you are\u00ab, sagte der Mann. \u00bbRight you are!\u00ab Er griff in seine Jackentasche, holte eine Packung Marlborough hervor, hielt sie Frauke hin.<br \/>\n\u00bbLight one for me\u00ab, sagte er.<br \/>\n\u00bbIch rauche nicht\u00ab, sagte Frauke verunsichert. \u00bbI don`t smoke!\u00ab<br \/>\nDie Miene des Mannes verd\u00fcsterte sich. Er riss ihr die Packung aus der Hand, klopfte auf den unteren Rand, fingerte eine Zigarette heraus und steckte sie zwischen die Lippen. Ganz sch\u00f6n schlechte Z\u00e4hne, dachte Frauke , als sie die braunen Stumpen sah. Hatte aber sofort wieder ein schlechtes Gewissen. Als Lastwagenfahrer hatte er sicher nicht viel Geld. Konnte sich die Z\u00e4hne nicht vern\u00fcnftig reparieren lassen.<br \/>\nEr warf ihr das Feuerzeug zu. Offensichtlich sollte sie ihm Feuer geben. Er nahm ihre Hand, die das Feuerzeug umklammerte,\u00a0 f\u00fchrte sie nah an sein Gesicht.<br \/>\n\u00bbA lot to learn, my gal\u00ab, sagte er, knipste das Feuerzeug an und warf es mit der Zigarettenpackung zwischen ihre Oberschenkel.<br \/>\nIch glaube, ich steige aus, dachte Frauke. Der Kerl ist mir zuwider.<br \/>\n\u00bbWhat do you think about Hitler?\u00ab, fragte er pl\u00f6tzlich. Der Verkehr war dichter geworden, sie kamen nur langsam voran.<br \/>\nOh Gott, dachte Frauke. Was soll das denn?<br \/>\n\u00bbWhat do you think about Hitler?\u00ab, wiederholte der Mann. Er starrte geradeaus auf die Stra\u00dfe. \u00bbAll Germans are Nazis!\u00ab<br \/>\nFrauke lief es kalt \u00fcber den R\u00fccken.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte sie. \u00bbNo, no, I`m not a Nazi!\u00ab<br \/>\nDer Mann schwieg. Ich muss hier raus, dachte Frauke. Aber wie?<br \/>\n\u00bbWhat do you think about Hitler?\u00ab, fragte der Mann wieder und wandte den Kopf.<br \/>\n\u00bbA very bad man\u00ab, sagte Frauke mit unsicherer Stimme. \u00bbNobody in Germany likes him.\u00ab<br \/>\nDer Mann lachte und haute aufs Lenkrad. \u00bbYou are lying. All Germans are Nazis!\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte Frauke. Ihre Stimme kippte. \u00bbCan I please get out?\u00ab<br \/>\nDer Verkehr war d\u00fcnner gesowden, der Laster hatte an Geschwindigkeit zugelegt.<br \/>\n\u00bbWhy, love? Are you afraid of me?\u00ab<br \/>\n\u00bbNo, I`m not\u00ab, log Frauke. Sie musste hier raus. Sofort. Mit oder ohne Gep\u00e4ck. Der Mann war durchgeknallt. In der n\u00e4chsten Rastst\u00e4tte w\u00fcrde sie rausspringen.<br \/>\nDer Fahrer schien ihre Gedanken zu raten. Sie h\u00f6rte, wie sich die Seitent\u00fcr mit einem Klick schloss. Sie war in einem Albtraum gelandet. Jetzt nur die Nerven behalten, das Spiel dieses Irren mitspielen.<br \/>\nFrauke versuchte, ihn anzul\u00e4cheln. \u00bbI have to go to the toilet!\u00ab<br \/>\nDer Mann schaute sie misstrauisch an. \u00bbRight now?\u00ab<br \/>\n\u00bbRight now, please!\u00ab, sagte Frauke und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdr\u00fccken.<br \/>\n\u00bbWhat do you think about Hitler?\u00ab Wieder diese Frage. Was sollte sie antworten? Was wollte er h\u00f6ren?<br \/>\n\u00bbI was born after the war\u00ab, sagte sie. Erst in der Schule habe sie von den gr\u00e4sslichen Verbrechen geh\u00f6rt.<br \/>\n\u00bbYour parents didn`t tell you?\u00ab<br \/>\nNein, ihre Eltern hatten ihr nichts erz\u00e4hlt, hatten angeblich nichts gewusst von Konzentrationslagern und Waffen-SS.<br \/>\n\u00bbYour parents were Nazis?\u00ab<br \/>\nOb ihre Eltern Nazis waren? Sie wusste es nicht. Die Mutter eher nicht, die war eine treue Kirchg\u00e4ngerin. Aber Vater? Wahrscheinlich.<br \/>\nSie zuckte die Schultern. \u00bbI don`t know. Really, I don` know.\u00ab Sie k\u00e4mpfte gegen aufsteigende Tr\u00e4nen an, schluckte.<br \/>\n\u00bbWir auch haben geweint\u00ab, sagte der Mann auf Deutsch. \u00bbWir Kinder. J\u00fcdische Kinder im Zug. Verschickt nach England. Schwester ganz klein. Zwei Jahre alt. Aufpassen auf sie, hat Mama gesagt. Aber nie mehr gefunden. War weg.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd Ihre Eltern?\u00ab, fragte Frauke gegen ihren Willen.<br \/>\n\u00bbTot. Beide. Concentration Camp. Mama Typhus, Papa erschossen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie schrecklich\u00ab, sagte Frauke. Aber was konnte sie daf\u00fcr? Sie war Jahrgang 50. F\u00fcnf Jahre nach Kriegsende geboren.<br \/>\n\u00bbDu musst schauen Bilder\u00ab, sagte der Mann. \u00bbZuhause ich zeigen dir Bilder von Concentration Camp. Du musst wissen, wie war.\u00ab<br \/>\nUnd dann bringt er mich um, dachte Frauke. Ich muss hier raus. Sie versuchte es noch einmal:<br \/>\n\u00bbI have to go to the toilet!\u00ab<br \/>\n\u00bbGleich zu Hause\u00ab, sagte der Mann.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, schrie Frauke, versuchte die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Vergebens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich unfair von Mama, dachte Frauke, als sie im Zug nach Calais sa\u00df. Ihre Eltern hatten sie zum Essener Hauptbahnhof gebracht, ihr noch 100 Mark in die Hand gedr\u00fcckt und \u00bbgute Reise\u00ab gew\u00fcnscht. Das Geld f\u00fcr das Zugticket und die F\u00e4hre von Calais nach Dover hatte sie sich in den\u00a0 Semesterferien verdient.\u00a0 Sechs Wochen lang [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1382","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1382","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1382"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1382\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1773,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1382\/revisions\/1773"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}