{"id":1367,"date":"2017-02-21T20:27:57","date_gmt":"2017-02-21T18:27:57","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1367"},"modified":"2023-11-22T19:06:21","modified_gmt":"2023-11-22T18:06:21","slug":"beim-bestatter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/beim-bestatter\/","title":{"rendered":"Beim Bestatter"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/burial-79479_960_720.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1569\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/burial-79479_960_720-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Herminchen ist 94, wohnt im Altenheim, ist etwas wacklig auf den Beinen, aber noch recht fit im Kopf. Meistens jedenfalls. Ihr ist sonnenklar, dass sie in absehbarer Zeit wohl mal von dieser Erde abtreten muss, auch wenn sie dazu noch keine rechte Lust versp\u00fcrt. Das Essen schmeckt gut, die Schwestern im Heim sind nett, und zwei, drei Freundinnen zum Kl\u00f6nen hat sie auch.<!--more--><br \/>\nTrotzdem, jedes Leben ist endlich, und da sie sich vor Jahren mit ihrer Tochter verzankt hat, den Grund wei\u00df sie nicht mehr richtig, will sie nicht, dass sich Elisabeth um ihre Beerdigung k\u00fcmmert und m\u00f6glichst noch daf\u00fcr zahlen muss. Daf\u00fcr ist sie zu stolz.<br \/>\nSie fragt das nette Fr\u00e4ulein Swantje, die ihr soziales Jahr im Heim ableistet, ob sie sie zum Beerdigungsinstitut fahren kann. Ausget\u00fcftelt, wer die billigsten Angebote macht, hat sie selbst. So reichlich ist ihre Rente nun auch nicht.<br \/>\nKein Sarg, Gott bewahre. Eine Krokodilstr\u00e4nen weinende Tochter will sie nicht am Grab stehen haben. Und wer sollte sie sonst besuchen? H\u00f6chstens unterirdisch, kommt ihr in den Sinn. Sie gluckst vor sich hin.<br \/>\nHerminchen hat sich schick gemacht: lila Hut, rosa Ballerinas, ein auf Nerz gemachter Webpelz, Goldkettchen, ein Ring an jedem Finger. Sie schwebt an Swantjes Arm auf den winzigen Panda zu, quetscht sich hinein, zugegeben, das Ein- und Aussteigen f\u00e4llt ihr etwas schwer, und es zieht auch ein bisschen, weil der Kofferraum klein ist und die Heckklappe \u00fcber dem Rollator nicht schlie\u00dft. Aber sie kommen p\u00fcnktlich zum vereinbarten Termin und Herminchen schiebt energisch ihr Gef\u00e4hrt auf die T\u00fcr des Bestattungsinstituts zu, die von einem jungen, dunkel gekleideten Mann ge\u00f6ffnet wird.<br \/>\n\u00bbNun gucken Sie mal nicht so traurig, ich bin ja noch nicht tot\u00ab, sagt sie und t\u00e4tschelt seine hingehaltene Hand.<br \/>\nDer Mann schaut verbl\u00fcfft, neigt h\u00f6flich den Kopf und bittet seine Besucherinnen, Platz zu nehmen.<br \/>\n\u00bbWomit kann ich den Damen behilflich sein?\u00ab, fragt er mit salbungsvoller Miene und gesenktem Blick.<br \/>\n\u00bbEine sch\u00f6ne Krawatte haben Sie, junger Mann\u00ab, sagt das Herminchen und streckt die Hand aus, um sie anzufassen. Der Bestatter zuckt vor der beringten Hand zur\u00fcck und l\u00e4chelt verlegen. Herminchen l\u00e4sst sich nicht beirren.<br \/>\n\u00bbUnd wer zieht sie morgens so sch\u00f6n an?\u00ab<br \/>\nDie Gesichtshaut des Mannes verf\u00e4rbt sich r\u00f6tlich.<br \/>\n\u00bbMeine, eh, meine Lebensgef\u00e4hrtin\u00ab, stottert er verwirrt.<br \/>\n\u00bbMuss Ihnen doch nicht peinlich sein\u00ab, beruhigt ihn Herminchen. \u00bbAuch ich habe im Alter nicht noch mal geheiratet. Eine Ehe hat mir gereicht. Man ist dann so festgelegt.\u00ab<br \/>\nSie kichert und er wird noch r\u00f6ter.<br \/>\n\u00bbAber dieses Schwarz steht Ihnen wirklich nicht, das macht Sie zu alt. Haben Sie mehr Mut zu Farbe. Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an der jungen Frau hier. Die hat sogar ihre Haare gr\u00fcn gef\u00e4rbt. W\u00fcrde ich auch machen, wenn ich j\u00fcnger w\u00e4re.\u00ab Sie kichert.<br \/>\n\u00bbAber, gn\u00e4dige Frau, in meinem, eh, meinem Beruf, da muss man doch vermitteln, dass man &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbPapperlapapp\u00ab, sagt das Herminchen. \u00bbTraurig sind die Leute sowieso. Aber wenn sie so tr\u00fcbsinnig blicken, da werden die ja ganz depressiv.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, eh, ja, k\u00f6nnen wir &#8230; ?\u00ab, fragt der Bestatter.<br \/>\n\u00bbJa, nat\u00fcrlich\u00ab, sagt das Herminchen. \u00bbSo viel Zeit haben Sie ja auch nicht, nicht wahr? Zeit ist Geld! Noch nicht mal der Tod ist umsonst.\u00ab<br \/>\nSwantje lehnt sich zur\u00fcck.<br \/>\n\u00bbAlso, liebe Frau&#8230;\u00ab, sagt der Bestatter.<br \/>\n\u00bbSchmidt\u00ab, sagt Herminchen.<br \/>\n\u00bbWas? Wie? Ach so, richtig, liebe Frau Schmidt &#8230;\u00ab<br \/>\nEr wei\u00df nicht so richtig weiter. \u00bbIhre Betreuerin sagte am Telefon &#8230;\u00ab Er sieht Swantje hilfesuchend an.<br \/>\n\u00bbQuatsch, Betreuerin. Sie ist meine ZIVI!\u00ab<br \/>\n\u00bbIhre was?&#8220;<br \/>\n\u00bbMeine ZIVI. Noch nie was von Zivildienst geh\u00f6rt?\u00ab<br \/>\n\u00bbAber der ist doch abgeschafft\u00ab, stottert der Mann.<br \/>\n\u00bbKommen wir zum Wesentlichen\u00ab, sagt Herminchen energisch und schaut sich im Raum um. \u00bbBisschen dunkel hier\u00ab, sagt sie. \u00bbUnd Staub m\u00fcsste auch mal wieder gewischt werden.\u00ab Sie f\u00e4hrt mit dem Zeigefinger \u00fcber die Stuhllehne und hebt ihn pr\u00fcfend vor die Augen.<br \/>\n\u00bbDie maritime Ecke da hinten macht sich ja ganz gut. Wohl Seebestattungen, nicht wahr? Aber dahinten die Engelchen &#8211; die gefallen mir noch besser.\u00ab<br \/>\n\u00bbGn\u00e4dige Frau &#8230;\u00ab, sagt der Bestatter, doch Herminchen unterbricht ihn.<br \/>\n\u00bbBei Ihnen sind die Kosten am niedrigsten. Ist doch Unsinn, alles den Bestattern in den Hals zu werfen, wenn man tot ist, oder? Da merkt man doch sowieso nichts mehr. Ich meine, wo man liegt und so.\u00ab<br \/>\nSie blickt den Mann vor ihr triumphierend an: \u00bbVerbrennen, Asche, Urne, weg damit!\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, wenn Sie meinen. Ein Urnengrab vielleicht? Darf ich Ihnen den Katalog &#8230;?\u00ab<br \/>\n\u00bbUnsinn, Katalog. Anonym. Friedwald oder so. Das w\u00e4r was. Was f\u00fcr B\u00e4ume stehen im Friedwald? Tannen?\u00ab<br \/>\n\u00bbEh, wei\u00df nicht, eher Buchen und so &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbGef\u00e4llt mir auch besser, ist nicht so dunkel unter einer Buche. Also, wie teuer? Ich zahle gleich. Dann haben wir das hinter uns.\u00ab<br \/>\nDer Bestatter schluckt: \u00ab1550 Euros. Mit Urnentr\u00e4ger. Das macht der F\u00f6rster.\u00ab<br \/>\nHerminchen klatscht in die H\u00e4nde. \u00bbDer F\u00f6rster? So ganz in Gr\u00fcn? Mit Gewehr? Aber die Eichh\u00f6rnchen darf er nicht schie\u00dfen, die sollen an meinem Baum hochklettern.\u00ab<br \/>\n\u00bbSoll der F\u00f6rster ein paar Worte sagen, ehe die Urne bestattet wird?\u00ab<br \/>\n\u00bbLieber nicht\u00ab, kichert Herminchen. \u00abH\u00f6r ich ja eh nicht mehr. Aus die Maus. Aber ein Vogelh\u00e4uschen am Stamm h\u00e4tte ich gerne.\u00ab<br \/>\n\u00bb800 Euro kostet ein Einzelgrab unter einem Gemeinschaftsbaum\u00ab, sagt der Bestatter und schaut zu Swantje. \u00bbSoll eine Tafel angebracht werden?\u00ab<br \/>\nSwantje zuckt die Schultern.<br \/>\n\u00bbWozu soll das gut sein?\u00ab, sagt Herminchen. \u00bbKomm, Swantje, wir gehen zur Sparkasse. Der Herr will das Geld sicher in bar!\u00ab<br \/>\nSie dreht sich zum Bestatter um und blickt ihn streng an.<br \/>\n\u00bbAber nicht an der Steuer vorbei, mein Lieber. Das ist ungesetzlich!\u00ab<br \/>\nMit diesen Worten schiebt Herminchen ihren Rollator durch die T\u00fcr, die von einer<br \/>\nfeixenden Swantje offen gehalten wird.<br \/>\nDer junge Mann sagt pl\u00f6tzlich: \u00bbEin Moment, bitte!\u00ab, eilt in den hinteren Teil des Raums und kommt zur\u00fcck mit einem wei\u00dfen Engelchen.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr Sie, liebe Frau Schmidt. Sie sind so eine feine Dame.\u00ab<br \/>\nHermichen strahlt. \u00bbNa, na, nicht flirten!\u00ab Sie droht ihm neckisch mit dem Finger. &#8222;Schlie\u00dflich k\u00f6nnten Sie mein Sohn sein.\u00ab Sie nimmt ihm das Engelchen aus der Hand. \u00bbSie Charmeur, Sie!\u00ab Herminchen legt den Kopf schief und deutet einen Knicks an.<br \/>\nDer junge Mann murmelt leise: \u00bbEnkel, ich bin eher Ihr Enkel!\u00ab<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter kommt Swantje ins Heim, um mit Herminchen den letzten Papierkram zu erledigen. Es fehlt noch eine Unterschrift unter die Vollmacht f\u00fcr die Bank.<br \/>\n\u00bbWer sind Sie denn?\u00ab, fragt Herminchen. \u00bbSie habe ich ja noch nie gesehen. Ich warte auf meine Betreuerin.\u00ab<br \/>\nSwantje ist verwirrt. \u00bbAber Herminchen\u00ab, sagt sie und streichelt der alten Dame \u00fcber den Arm. \u00bbIch bin`s doch, Swantje.\u00ab<br \/>\n\u00bbPapperlapapp\u00ab, sagt Herminchen. \u00bbSwantje kenne ich. Sie habe ich noch nie gesehen.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herminchen ist 94, wohnt im Altenheim, ist etwas wacklig auf den Beinen, aber noch recht fit im Kopf. Meistens jedenfalls. Ihr ist sonnenklar, dass sie in absehbarer Zeit wohl mal von dieser Erde abtreten muss, auch wenn sie dazu noch keine rechte Lust versp\u00fcrt. 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