{"id":1365,"date":"2017-02-15T18:46:15","date_gmt":"2017-02-15T16:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1365"},"modified":"2018-02-18T19:51:41","modified_gmt":"2018-02-18T17:51:41","slug":"der-tote-im-treppenhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-tote-im-treppenhaus\/","title":{"rendered":"Du sollst kein falsch Zeugnis reden"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_013.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1536\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_013-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Zugegeben, der Stadtteil ist sozial belastet, wie es im Amtsdeutsch hei\u00dft.<br \/>\nFrau Kowalczyk hat in den letzten vierzig Jahren in einem Sechsfamilienhaus gewohnt, in dem mittlerweile die meisten Wohnungen vom Sozialamt bezahlt werden. Einige deutsche Mieter sind schnellstens ausgezogen, als sie sich eine andere Wohnung leisten konnten, aber Frau Kowalczyk gef\u00e4llt es in dem bunten Stadtteil mit den vielen Einkaufsm\u00f6glichkeiten, der guten \u00f6ffentlichen Anbindung an die Innenstadt, der N\u00e4he zum Fluss. Im \u00dcbrigen findet sie sich zu alt, um in einer fremden Umgebung einen Neuanfang zu wagen. Sie ist kommunikativ und freundlich, kommt gut mit den anderen Mietern aus, auch wenn sie sich manchmal w\u00fcnscht, das Treppenhaus w\u00fcrde gr\u00fcndlicher geputzt und die Haust\u00fcr nachts zuverl\u00e4ssig abgeschlossen werden.<!--more--><\/p>\n<p>Im unteren Geschoss wohnt Herr Markward, ein brummiger Fr\u00fchrentner, der meint, eine Art Hausmeisterfunktion erf\u00fcllen zu m\u00fcssen. Frau Kowalczyk findet es gar nicht so schlecht, dass sich einer ein bisschen um Ordnung k\u00fcmmert. Der Mann hat es ja nicht leicht, ist verwitwet und teilt sich mit seinem arbeitslosen erwachsenen Sohn die Wohnung. Ein bisschen viel Alkohol wird in letzter Zeit dort unten getrunken, vermutet Frau Kowalczyk, wenn abends die Stimmen laut werden und die Streitereien von Vater und Sohn durch die Decke nach oben dringen, egal wie laut sie den Fernseher stellt.<br \/>\nWas ihr noch weniger gef\u00e4llt, sind die dummen Spr\u00fcche, die die beiden Markwards immer h\u00e4ufiger in Bezug auf die anderen Mieter loslassen. Im Parterre wohnt noch ein junges Paar aus Anatolien mit seinen drei Kindern &#8211; passen Sie auf, das werden mehr, die hecken wie die Karnickel! &#8211; sagt Markward senior und Junior grinst, aber sie kontert, sollen wir in Deutschland denn total vergreisen und wer bezahlt dann die Renten? Markward grummelt Unverst\u00e4ndliches und verschwindet mit seinem Sohn in der Wohnung.<br \/>\nDie beiden M\u00e4nner in der Wohnung \u00fcber ihr, Abdullah und Jussuf, kommen aus Syrien.\u00a0 Sie sind nett und hilfsbereit, gr\u00fc\u00dfen h\u00f6flich, nehmen ihr auf der Treppe die schweren Einkaufsbeutel aus der Hand, bieten ihr an, im Auto mitzufahren, wenn sie an der Bushaltestelle steht. Nat\u00fcrlich macht Herr Markward bl\u00f6de Witze, aber die beiden jungen M\u00e4nner gr\u00fc\u00dfen und ignorieren ihn dann einfach, was ihn w\u00fctend macht, wie Frau Kowalczyk beobachtet. Tags\u00fcber sind sie selten da. Sie haben ihr erz\u00e4hlt, dass sie morgens einen Deutsch-Intensivkurs besuchen, nachmittags bei einem Cousin im Obst- und Gem\u00fcsegesch\u00e4ft arbeiten und nat\u00fcrlich von einem regul\u00e4ren Arbeitsplatz in Deutschland tr\u00e4umen. Verst\u00e4ndlich, findet Frau Kowalczyk, die ihnen in der Anfangszeit mit alten M\u00f6beln geholfen hat und mit K\u00fcchenutensilien, denn die Wohnung war total leer, als die beiden M\u00e4nner aus dem Containerdorf hierher zogen.<br \/>\nDie stille, junge Frau in der Wohnung nebenan f\u00e4hrt jedes Wochenende zu ihrem Freund nach Hamburg. Die bleibt sicher nicht lange hier wohnen, denkt Frau Kowalczyk.<br \/>\nDer letzte Neuzuzug ist ihr allerdings ein wenig unheimlich. Ein finster blickender, bulliger Mann in den Drei\u00dfigern mit schwarzem, zotteligen Bart und einem K\u00e4ppi auf dem Kopf, das er nie abzunehmen scheint. Der rennt jeden Tag in die Moschee, wei\u00df Herr Markward. Der soll aus dem Kosovo kommen, ein Kosovo-Albaner. Hat bestimmt schon im Knast gesessen, ist auf jeden Fall ein Krimineller: Nicht arbeiten, St\u00fctze kassieren, Tankstelle \u00fcberfallen. In dieser Reihenfolge, sagt Herr Markward. Sympathisch findet Frau Kowalczyk ihn auch nicht. Und dessen Freunde, die ihn abends besuchen und oft die ganze Nacht in ihrer unverst\u00e4ndlichen Sprache palavern, die sind ihr auch nicht geheuer. W\u00e4re sch\u00f6n, der z\u00f6ge aus, das sagt sie aber nicht laut.<br \/>\nSollte sie sich vielleicht doch nach einer neuen Wohnung umsehen oder gleich in Betreutes Wohnen ziehen? Aber daf\u00fcr ist es eigentlich noch zu fr\u00fch, findet sie. Was sie aber eines Abends im Hausflur erleben muss, l\u00e4sst dann doch den Entschluss in ihr reifen, \u00fcber eine neue Bleibe nachzudenken.<\/p>\n<p>Es d\u00e4mmert bereits und Frau Kowalczyk kommt von dem w\u00f6chentlichen Gespr\u00e4chskreis im Gemeindezentrum nach Hause, m\u00fcde, aber wohlgemut. Die Gespr\u00e4che haben ihr gutgetan, der Kaffe war stark und reichlich, und jede der Frauen hatte etwas zum Kuchenbuffet beigetragen. Vor der Haust\u00fcr trifft sie Abdullah und Jussuf, die ihr einen guten Abend w\u00fcnschen und die T\u00fcr aufhalten. Gleichzeitig fliegt bei Markwards die T\u00fcr auf. Markward Junior torkelt auf den Hausflur, gefolgt von seinem Vater, der einen Holzscheit in der Hand h\u00e4lt und schreit, ich habe genug von dir, es reicht, verschwinde, du Versager, von mir kriegst du keinen Pfennig mehr!<br \/>\nDer junge Mann f\u00e4llt direkt in die Syrer hinein, und dann eskaliert die Situation in einem Ma\u00dfe, die Frau Kowalczyk fassungslos macht. Abdullah packt den jungen Mann am Arm und versucht, ihn wieder aufzurichten. Lass deine dreckigen Pfoten von meinem Sohn, du schwule Sau, schreit der alte Markward und st\u00fcrzt sich auf Abdullah, der von diesem Angriff \u00fcberrascht zu Boden geht. Haut dahin ab, wo ihr herkommt. Wir brauchen euch nicht! Eine Messerklinge blitzt auf. Markward Senior schreit, ein Schwall Blut spritzt auf den Boden. Markward fasst sich an die Kehle, r\u00f6chelt und sackt zusammen.<br \/>\nDer Kosovo-Albaner ruft den Notarzt. Keiner hat ihn kommen h\u00f6ren. Er ist es auch, der das Messer aufnimmt, abwischt und sorgf\u00e4ltig auf die Treppe legt. Ehe die Polizei kommt, ist er verschwunden.<br \/>\nFrau Kowalczyk gibt zu Protokoll, dass sie den ganzen Zwischenfall beobachtet hat. Herr Markward habe den Streit angefangen. Wem das Springmesser geh\u00f6re, wisse sie nicht. Abdullah, Jussuf, dem Albaner, dem jungen Markward?<\/p>\n<p>Der Vernehmungsrichter verzweifelt an der Zeugenaussage der alten Dame. Es sei weder hell noch dunkel im Treppenhaus gewesen. Der junge Markward sei gestolpert. Wer angefangen habe? Vielleicht der alte Markward. Der h\u00e4tte seinen Sohn schlagen wollen. Ja, und der eine Syrer habe &#8230; nee, doch nicht, der andere sei auch gefallen. Welcher denn nun? Herrje, beide, glaube sie. Und das Messer? Das wisse sie nicht. Es sei abgewischt worden, keine Fingerabdr\u00fccke. Na so was, von wem denn? Das frage ich Sie, verehrte Frau Kowalzczyk. Der Richter versucht, ruhig zu bleiben. Aber einer habe doch den Notarzt gerufen. Ja, ja, der Kosovo-Albaner sei das gewesen. Welcher Kosovo-Albaner? Na, der Mieter von oben. Den haben Sie nie erw\u00e4hnt, gn\u00e4dige Frau. Den habe sie auch nicht richtig wahrgenommen. Vielleicht war er auch nicht richtig da. Wie, nicht richtig da? War er da oder nicht? Das wisse sie nicht genau. Der habe nichts gesagt. Aber telefoniert hat er, sagt der Richter. Ach, hat er?, fragt Frau Kowlczyk. Ja, er hat doch den Notarzt gerufen. Das war doch gut, Herr Richter, oder? Wo jener Kosovo-Albaner denn pl\u00f6tzlich hergekommen sei? Das wisse sie auch nicht. Der Richter blickt sie an und senkt die Stimme. Haben Sie Angst, Frau Kowalczyk? Werden Sie bedroht? Frau Kowalczyk sch\u00fcttelt den Kopf. Wen wollen Sie decken? Sie haben doch alles gesehen.<br \/>\nHat sie das wirklich? Alles gesehen? Frau Kowalczyk hat einen Verdacht. Einen begr\u00fcndeten Verdacht. Mehr nicht. Und dass sie schweigt, belastete ihr Gewissen in keinster Weise. Schlie\u00dflich ist sie eine fromme Frau. Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten, so steht es schon in der Bibel. Und ihre Bibel, die kennt sie gut, die Frau Kowalczyk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben, der Stadtteil ist sozial belastet, wie es im Amtsdeutsch hei\u00dft. Frau Kowalczyk hat in den letzten vierzig Jahren in einem Sechsfamilienhaus gewohnt, in dem mittlerweile die meisten Wohnungen vom Sozialamt bezahlt werden. 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