{"id":1362,"date":"2017-02-12T13:35:46","date_gmt":"2017-02-12T11:35:46","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1362"},"modified":"2020-02-20T15:31:39","modified_gmt":"2020-02-20T14:31:39","slug":"obdachlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/obdachlos\/","title":{"rendered":"Abgerutscht"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_006.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1529\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_006-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Es war voll in der Altstadt. Auf dem Marktplatz blinkten die elektrischen Kerzen in der D\u00e4mmerung. An den mit Tannenzweigen geschm\u00fcckten Holzbuden dr\u00e4ngten sich die Menschen, a\u00dfen Wurst und Schaschlik mit Pommes rot und wei\u00df, schl\u00fcrften Gl\u00fchwein an runden Stehtischen. Kleine Kinder starrten sehns\u00fcchtig auf die tutende Eisenbahn und quengelten, bis Mutter oder Vater nachgab und dem Nachwuchs eine Fahrt spendierte. Zeit geschunden f\u00fcr einen zweiten Gl\u00fchwein. Aus Lautsprechern dudelte \u00bbO du fr\u00f6hliche\u00ab.<!--more--><br \/>\n\u00bbKomm, Udo, wir gehen\u00ab, sagte eine \u00e4ltere Frau zu ihrem Mann. \u00bbGanz sch\u00f6n hier, aber mir reicht es.\u00ab<br \/>\n\u00bbMir auch\u00ab, sagte der Mann, trank sein Glas leer, warf die Pommesschalen in den \u00fcberquellenden Abfallbeh\u00e4lter und nahm den Korb mit dem Wochenendeinkauf hoch.<br \/>\n\u00bbIn den Buchladen gehen wir n\u00e4chste Woche, dann ist es nicht so voll.\u00ab<br \/>\nSie bogen in den kleinen Fu\u00dfg\u00e4ngerweg zum Stadtgraben ein, wo ihr Auto geparkt war. Sofort lie\u00df der L\u00e4rm nach, es waren weniger Leute unterwegs und sie schlenderten an den Fachwerkh\u00e4usern vorbei, die so schief standen, dass man Angst hatte, die Balken w\u00fcrden nachgeben.<br \/>\nDen alten Mann mit dem gro\u00dfen Rucksack auf dem R\u00fccken nahmen sie erst wahr, als er taumelte und vor ihnen auf das Pflaster schlug. Es war niemand in der N\u00e4he, der h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen, also sahen sie sich an, gingen zu dem Mann und beugten sich \u00fcber ihn. Er blutete stark aus der Nase, war aufs Gesicht gefallen, ohne sich mit den H\u00e4nden abzust\u00fctzen.<br \/>\n\u00bbDer ist bewusstlos\u00ab, sagte die Frau und r\u00fcttelte an seiner Schulter. \u00bbHallo, hallo, k\u00f6nnen Sie mich h\u00f6ren?\u00ab<br \/>\nDer alte Mann hob den Kopf, wischte sich mit einer schmutzigen Hand \u00fcber die Nase, verteilte das Blut \u00fcbers Gesicht.<br \/>\n\u00bbNich so schlimm\u00ab, lallte er und versuchte hochzukommen. \u00bbNich so schlimm. Nur ein bisschen betrunken! Nur ein bisschen.\u00ab Er lie\u00df sich auf das Pflaster zur\u00fccksinken.<br \/>\n\u00bbSie k\u00f6nnen hier nicht liegenbleiben\u00ab, sagte die Frau. \u00bbEs ist zu kalt. Kommen Sie, wir helfen Ihnen hoch!\u00ab<br \/>\nDas Ehepaar versuchte, dem Alten aufzuhelfen. Erfolglos. Er war viel zu schwer und lie\u00df sich h\u00e4ngen.<br \/>\n\u00bbWenigstens aufrecht hinsetzen\u00ab, sagte Udo. \u00bbHilf mir, Annette!\u00ab Gemeinsam hievten sie ihn in eine sitzende Position. Er lehnte jetzt an die Unterschenkel seiner Helfer, drohte allerdings wieder umzukippen.<br \/>\n\u00bbNur betrunken\u00ab, sagte der Alte. \u00bbNich so schlimm. Bisschen betrunken.\u00ab<br \/>\n\u00bbGanz sch\u00f6n betrunken\u00ab, sagte die Frau. \u00bbIch werde einen Krankenwagen holen.\u00ab Sie z\u00fcckte ihr Smartphone.<br \/>\n\u00bbIch mach das schon\u00ab, rief ein Mann im Overall, der seinen Lieferwagen auf den Parkstreifen man\u00f6vriert hatte und ausgestiegen war.<br \/>\n\u00bbDie Klinik ist in der N\u00e4he.\u00ab Er tippte eine Nummer ein.<br \/>\n\u00bbSie sind ein guter Mensch, so ein guter Mensch\u00ab, sagte der Betrunkene zu der Frau. \u00bbSo ein guter Mensch!\u00ab<br \/>\n\u00bbNa ja\u00ab, sagte Annette.<br \/>\n\u00bbIch bin K\u00fcnstler\u00ab, sagte der Alte. \u00bbIch bin Maler.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie sch\u00f6n\u00ab, sagte die Frau. \u00bbMein Mann malt auch.\u00ab<br \/>\n\u00bbDann sind wir ja Kollegen\u00ab, sagte der alte Mann und versuchte, Udo die Hand zu reichen, wobei er wieder umkippte und auf das Pflaster schlug. Der Lieferwagenfahrer war zur Kreuzung vorgegangen, um den Krankenwagen einzuweisen. Noch h\u00f6rte man keine Sirene. Kalt war es, saukalt.<br \/>\n\u00bbSechzehn Jahre war ich trocken\u00ab, sagte der Alte. \u00bbSechzehn Jahre!\u00ab<br \/>\n\u00bbW\u00e4re besser gewesen, Sie h\u00e4tten durchgehalten\u00ab, sagte Annette.<br \/>\n\u00bbDa haben Sie Recht, verehrte Dame\u00ab, sagte er und nickte. \u00bbDa haben Sie Recht.\u00ab<br \/>\nUdo zerrte an der schmutzigen Jacke des verletzten Mannes und bekam ihn wieder in eine sitzende Position. Er dr\u00fcckte die Knie gegen den R\u00fccken des Betrunkenen, damit er nicht wieder umfiel. \u00bbWir warten, bis der Krankenwagen kommt.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch war ein guter Vater\u00ab, sagte der Mann. \u00bbHat man Sohn neulich noch gesagt. Ein guter Vater. Wenn er mal einen Sohn hat, hat er gesagt, hat mein Sohn gesagt, will er auch so ein guter Vater sein wie ich.\u00ab<br \/>\n\u00bbSch\u00f6n f\u00fcr Sie\u00ab, sagte Annette und schaute in die Richtung, aus der der Krankenwagen kommen sollte.<br \/>\nEin Mann kam aus dem Haus gegen\u00fcber, mit einem Stuhl unterm Arm.<br \/>\n\u00bbWollen wir ihn draufsetzen?\u00ab, fragte er.<br \/>\n\u00bbSchaffen wir nicht\u00ab, sagte Udo. \u00bbEr ist zu schwer!\u00ab<br \/>\n\u00bbIch hole eine Decke\u00ab, sagte der Nachbar, eilte ins Haus kam mit einer Kamelhaardecke wieder.<br \/>\n\u00bbDie wird blutig\u00ab, sagte Udo.<br \/>\nDer Mann zuckte die Achseln und deckte den Verletzten zu.<br \/>\n\u00bbDanke\u00ab, lallte der Betrunkene. \u00bbNette Menschen, alle!\u00ab<br \/>\nDer Krankenwagen kam und kam nicht.<br \/>\n\u00bbDie wissen, was sie erwartet. Die haben dringendere F\u00e4lle\u00ab, sagte Udo. \u00bbAber hier auf dem Boden wird er erfrieren.\u00ab<br \/>\n\u00bbMir is nich kalt\u00ab, sagte der Betrunkene und versuchte, sich wieder hinzulegen.<br \/>\n\u00bbBleiben Sie blo\u00df sitzen\u00ab, sagte der Mann mit der Decke. \u00bbNicht wieder umfallen.\u00ab<br \/>\nEine junge Frau kam mit zwei Retrievern aus dem Haus vor ihnen. Sie stellte sich vor den Alten, der die Hunde begeistert anschaute.<br \/>\n\u00bbSie kenne ich doch\u00ab, sagte die junge Frau.\u00ab Sie sitzen doch immer in der Kneipe <em>Zur goldenen Ente<\/em>.&#8220;<br \/>\n\u00bbGenau\u00ab, sagte der Alte. \u00bbDa komm ich gerade her! Und nu bin ich umgefallen.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd Sie machen da Musik\u00ab, sagte die junge Frau.<br \/>\n\u00bbIch bin K\u00fcnstler\u00ab, sagte der Mann. \u00bbIch spiele Schifferklavier.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd ganz gut\u00ab, sagte die junge Frau.<br \/>\nDer alte Mann strahlte sie an.<br \/>\n\u00bbIch danke Ihnen\u00ab, sagte er und schnalzte mit der Zunge. \u00bbWie hei\u00dfen die Hunde!\u00ab<br \/>\n\u00bbMax und Moritz\u00ab, sagte die Frau.<br \/>\n\u00bbSch\u00f6ne Namen\u00ab, sagte der Mann. \u00bbKommen Sie mit ins Krankenhaus?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte die Frau. \u00bbIch hab ja die Hunde.\u00ab<br \/>\n\u00bbBitte, bitte\u00ab, sagte der Mann.<br \/>\nNein\u00ab, sagte die Frau und l\u00e4chelte. \u00bbDie Hunde. Ich muss auf die Hunde aufpassen. Aber ich bleibe, bis der Krankenwagen kommt.\u00ab<br \/>\n\u00bbSchade\u00ab, sagte der Alte und versuchte, sich wieder hinzulegen.<br \/>\nAus der Ferne ein Martinshorn.<br \/>\n\u00bbGott sei Dank\u00ab, sagte Udo, dessen Knie von der Anstrengung, den Verletzten im Gleichgewicht zu halten, zitterten. \u00bbWurde ja auch Zeit.\u00ab<br \/>\nLangsam n\u00e4herte sich der wei\u00dfe Wagen. Zwei Sanit\u00e4ter stiegen aus, zogen Handschuhe an.<br \/>\nDer \u00e4ltere Sanit\u00e4ter kniete sich zu dem Betrunkenen.<br \/>\n\u00bbNa, mein Lieber, was ist los?\u00ab, fragte er.<br \/>\n\u00bbBetrunken\u00ab, sagte der Alte. \u00bbNich so schlimm.\u00ab<br \/>\n\u00bbWir nehmen Sie erst mal mit ins Krankenhaus\u00ab, sagte der Sanit\u00e4ter und winkte seinen Kollegen heran.<br \/>\n\u00bbWas werden Sie mit ihm machen? Hat er eine Wohnung?\u00ab, fragte Annette.<br \/>\nDer junge Sanit\u00e4ter zuckte die Schultern. \u00bbNicht unser Bier! \u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war voll in der Altstadt. Auf dem Marktplatz blinkten die elektrischen Kerzen in der D\u00e4mmerung. An den mit Tannenzweigen geschm\u00fcckten Holzbuden dr\u00e4ngten sich die Menschen, a\u00dfen Wurst und Schaschlik mit Pommes rot und wei\u00df, schl\u00fcrften Gl\u00fchwein an runden Stehtischen. 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