{"id":1341,"date":"2017-01-25T20:25:59","date_gmt":"2017-01-25T18:25:59","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1341"},"modified":"2017-11-27T18:47:23","modified_gmt":"2017-11-27T16:47:23","slug":"das-konzert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/das-konzert\/","title":{"rendered":"Tina T."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_002.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1525\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_002-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Tina Turner, die Frau mit den wilden Haaren und der erotischen Stimme kommt nach Bremen. Ins Weserstadion.<br \/>\n\u00bbRiver deep, Mountain high\u00ab, singt sie und der Song treibt nicht nur meinem Mann einen Schauer \u00fcber die Wirbels\u00e4ule und Tr\u00e4nen in die Augen.<br \/>\nDie Karten sind seit Wochen ausverkauft, die Preise auf dem Schwarzmarkt unerschwinglich.<!--more--><br \/>\nUnser Sohn hat Karten besorgt. Wie er das geschafft hat, bleibt sein Geheimnis. Ein Geschenk f\u00fcr seinen Vater zum 60. Geburtstag. Netterweise ist er davon ausgegangen, dass &#8211; trotz Tina &#8211; sein Vater mich an seiner Seite haben will.<br \/>\nTina geht auf die 70 zu, ihre Sex-Appeal sei nach wie vor ungebrochen, behauptet mein Mann. Der Sohn schmunzelt, ja, mag sein, f\u00fcr deine Generation, Papa. Du bist ja auch fast so alt wie sie. Mein Mann schweigt,\u00a0 ist beleidigt. Er hat alle Platten von Tia Turner gesammelt, sp\u00e4ter die CDs.<br \/>\nWagenkolonnen auf dem Weserdeich wie zu einem Werder-Spiel. Die Parkpl\u00e4tze proppenvoll. Hupen, schimpfen. Mein Mann dr\u00e4ngt brutal in eine L\u00fccke. Geschafft! Er hat die Karten in der Hand, wir zw\u00e4ngen uns in die Schlange zum Eingang. Vorne staut sich der Menschenstrom, von hinten wird nachgeschoben. Ich kralle mich an Rolfs G\u00fcrtel fest, bereue bereits, mitgekommen zu sein. Ich hasse Menschenaufl\u00e4ufe, bin ungern eingequetscht, bekomme schnell Platzangst. Mein Sohn hatte Unrecht, nicht nur \u00bb\u00e4ltere Herrschaften\u00ab, wie er ein wenig von oben herab kommentierte, scheinen an Tinas Konzert interessiert zu sein. Zumindest ist auch das \u00bbMittelalter\u00ab gut vertreten. Und der Typ, der mir von hinten sein Schale Pommes mit Ketchup in den R\u00fccken dr\u00fcckt, ist sogar relativ jung. Am liebsten w\u00fcrde ich ihm eine runterhauen.<br \/>\nEndlich sind wir drin im Stadion. Vorne stehen die Menschen schon Bauch an Bauch. Da will ich nicht hin, ich weigere mich weiterzugehen. H\u00e4tten wir doch blo\u00df Sitzpl\u00e4tze am Stadionrand.<br \/>\n\u00bbKommt keine Stimmung r\u00fcber\u00ab, hatte Rolf behauptet. Wir bleiben erst mal im Mittelfeld stehen, aber der Strom der Menschen l\u00e4sst nicht nach, wir werden nach vorne geschoben. Es wird immer enger. Ich versuche, einen Atemabstand zu meinen Vorderm\u00e4nnern zu lassen, aber da schieben sich von hinten junge Kerle dazwischen, nehmen mir die Luft und die Sicht.\u00a0 Rolf wird w\u00fctend.<br \/>\n\u00bbHe, ihr da, wir sehen nichts mehr!\u00ab, schreit er die Jungs an. Die lachen und zucken mit den Schultern. Mein Mann ballt die F\u00e4uste.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sage ich. \u00bbNicht.\u00ab Ich ziehe ihn zur\u00fcck. \u00bbWillst du dich mit dem Prollvolk schlagen?\u00ab<br \/>\nEr brummt. Guckt aggressiv, ballt die F\u00e4uste. Auch das noch. W\u00e4re ich blo\u00df zu Hause geblieben. Alles wegen einer fremden Frau, die er anhimmelt. Na ja, die kann gut singen. Ich nicht. So sexy wie sie kann ich mein eher d\u00fcnnes Haar auch nicht sch\u00fctteln. Und ihr H\u00fcftschwung ist unglaublich erotisch, dass muss ich zugeben. Trotzdem, viel Gl\u00fcck im Leben hat sie nicht gehabt. Ike Turner hat sie immer wieder geschlagen und gedem\u00fctigt.<br \/>\nDas Konzert beginnt. Riesige Scheinwerfer auf der B\u00fchne. Tinas Auftritt, ganz in schwarzem Leder mit Glitzerpailletten, schwindelerregend hohe Abs\u00e4tze. Die Masse klatscht, pfeift, br\u00fcllt. Die ersten Gitarrenkl\u00e4nge zu \u00bbRiver deep, Mountain high\u00ab. Die Menschen rasten aus, trampeln, schreien, sind au\u00dfer sich vor Begeisterung. Tina Turner hat eine tolle Stimme, das muss ich zugeben. Live ist sie noch beeindruckender als aus der Konserve.<br \/>\nEin Laufsteg ist &#8211; von der B\u00fchne ausgehend &#8211;\u00a0 \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen\u00a0 ins Stadion hinein gebaut.<br \/>\n\u00bbWhat`s love got to do with it?\u00ab Erstaunt stelle ich fest, dass ich mitbr\u00fclle. \u00bbWhat`s love got to do with it? What`s love but a second hand emotion.\u00ab<br \/>\nWas singe ich da eigentlich? \u00bbIt`s only physical\u00ab, r\u00f6hrt Tina.<br \/>\n\u00bbIt`s only physical\u00ab, kreischt die Menge, kreische ich.<br \/>\nLiebe &#8211; nur k\u00f6rperlich? Egal, die Musik rei\u00dft uns mit, die G\u00f6ttin schwebt im flackernden Scheinwerferlicht \u00fcber die in den Nacken gelegten K\u00f6pfe, geschmeidig wie ein schwarzer Panther. Die Musik \u00fcberw\u00e4ltigt auch mich, schaltet rationale Gedanken aus. Ich bin nur noch K\u00f6rper, bewege mich im Rhythmus des Beat.<br \/>\nSo manipuliert man Menschenmassen, durchzuckt es mich. Hypnose. Man knipst seinen Verstand aus. \u00bbIt`s only physical.\u00ab<br \/>\nDann pl\u00f6tzlich ein Knall. Was war das? Eine Bombe? Ein Gewehrschuss? Oder nur ein Verst\u00e4rker, der explodiert ist? Schlagartig steigt der Ger\u00e4uschpegel. Br\u00fcllende M\u00e4nnerstimmen. Kreischende Frauen. Tina auf dem Steg singt unbeirrt weiter. Ist sie schwerh\u00f6rig? Nach und nach lassen die Musiker ihre Instrumente sinken, sp\u00e4hen angestrengt in die Dunkelheit. Menschen schieben von hinten, dr\u00e4ngen Richtung Ausgang. Hoffentlich machen die sofort alle Notausg\u00e4nge auf, denke ich.<br \/>\n\u00bbKeine Panik\u00ab, eine blecherne Lautsprecherstimme. \u00bbBleiben Sie ruhig. Es besteht keine Gefahr, wir haben alles unter Kontrolle.\u00ab<br \/>\nDas sagen sie immer, denke ich und fasse nach Rolfs Hand. Mit Ellbogeneinsatz k\u00e4mpfen sich Menschen an uns vorbei: hirnlos br\u00fcllend wie eine in Panik geratene B\u00fcffelherde.<br \/>\n\u00bbLos\u00ab, sagt Rolf. \u00bbNicht stehen bleiben.\u00ab Er packt mich an den Schultern und schiebt mich vorw\u00e4rts. Hoffentlich f\u00e4llt niemand hin. Die Meute wird \u00fcber alles hinwegtrampeln, was sich ihr in den Weg stellt. Mitschwimmen im Strom, die einzige Chance. Auf der B\u00fchne haben die Musiker unterdessen ihre Instrumente wieder hochgenommen.<br \/>\nTina nimmt das Mikrofon: \u00bbNo danger\u00ab, schreit sie. \u00bbKeep calm!\u00ab Dann auf Deutsch: \u00bbKeine Gefahr. Ruhig bleiben.\u00ab<br \/>\nRuhig bleiben, papperlapapp. Nun zeigt es sich, dass es gut war, nicht so weit nach vorn zu r\u00fccken, in der N\u00e4he des Ausgangs zu bleiben. Wir werden hinausgeschoben. Drinnen f\u00e4ngt die Musik wieder an zu spielen.<br \/>\n\u00bbYou`re simply the best\u00ab, singt Tina. Wie passend, denke ich. Nur raus hier!<br \/>\nUnd jetzt drehen die Leute wirklich durch, drehen um, wollen wieder hinein.<br \/>\nMein Mann z\u00f6gert, schaut zur\u00fcck.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sage ich und stemme meine Beine in den Boden. \u00bbNicht zur\u00fcck. Nein. Ich hab genug. Ich setze mich ins Auto. Ich geh da nicht wieder rein.\u00ab<br \/>\n\u00bbDa war nichts. Blinder Alarm\u00ab, sagt er.<br \/>\n\u00bbGeh du zur\u00fcck ins Stadion, deine Tina singt wieder\u00ab, sage ich. \u00bbIch warte im Wagen. Du kannst weiter zuh\u00f6ren.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas will ich auch\u00ab, sagt er. \u00abZuh\u00f6ren. Im Auto, zusammen mit dir.\u00ab Er streichelt meinen Arm.<br \/>\nUnd das machen wir. Bei offenem Fenster genie\u00dfen wir das Konzert. Bis zum Schlussakkord. Im Auto. Aneinandergekuschelt.<br \/>\n\u00bbWoman in a Man`s World\u00ab, singt Tina.<br \/>\n\u00bbDu hast ja Recht gehabt\u00ab, sagt mein Mann. \u00bbWie immer!\u00ab<br \/>\n\u00bbWoman in a Man`s World\u00ab, sage ich. Er k\u00fcsst mich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tina Turner, die Frau mit den wilden Haaren und der erotischen Stimme kommt nach Bremen. Ins Weserstadion. \u00bbRiver deep, Mountain high\u00ab, singt sie und der Song treibt nicht nur meinem Mann einen Schauer \u00fcber die Wirbels\u00e4ule und Tr\u00e4nen in die Augen. 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