{"id":1313,"date":"2017-01-03T18:39:20","date_gmt":"2017-01-03T16:39:20","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1313"},"modified":"2018-07-18T20:50:08","modified_gmt":"2018-07-18T18:50:08","slug":"im-stau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/im-stau\/","title":{"rendered":"Im Stau"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_017.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1540\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_017-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>\u00bbDeine Mutter hat sich wieder durchgesetzt. Wie jedes Jahr.\u00ab Theresa dreht sich um. Das Baby liegt im Maxi-Cosi und brabbelt vor sich hin. Der vierj\u00e4hrige Xaver ist \u00fcber seinem Bilderbuch eingeschlafen. Es wird langsam dunkel.<br \/>\nGunther zieht die Schultern hoch, blickt angespannt auf das Betonband der Autobahn vor ihm. Schweigt.<br \/>\n\u00bbUnd jetzt f\u00e4ngt es auch noch an zu schneien\u00ab, sagt Theresa. \u00bbDas kann ja heiter werden. Aber Hauptsache, deine Mutter kriegt ihren Willen.\u00ab<!--more--><br \/>\n\u00bbVersteh das doch bitte, Theresa. Mutter hat Heiligabend immer zu Hause gefeiert. Und jetzt, wo Vater tot ist, k\u00f6nnen wir doch nicht \u2026\u00ab<br \/>\n\u00bb750 km \u00fcber die Autobahn bei Schnee und Eis mit zwei kleinen Kindern, das k\u00f6nnen wir! Deine Mutter hat genug Zeit und Geld, um den Zug\u2026\u00ab<br \/>\n\u00bbTheresa, wir haben das schon hundert Mal diskutiert. Mutter ist nicht bereit \u2026\u00ab<br \/>\n\u00bbNicht bereit? Gunther, werd endlich erwachsen. Eigene Familie &#8211; eigener Baum!\u00a0 Unsere Wohnung ist wahrhaft gro\u00df genug.\u00ab<br \/>\n\u00bbF\u00fcr das Wetter kann Mutter doch auch nichts.\u00ab<br \/>\n&#8222;Unverantwortlich, was wir hier tun.\u00ab<br \/>\nGunther schweigt. Er wei\u00df, dass Theresa Recht hat. Aber wann hat sie nicht Recht? Der Schnee war erst f\u00fcr morgen angesagt.<br \/>\nGunther umklammert das Lenkrad seines VW-Busses so fest, dass die Kn\u00f6chel wei\u00df hervortreten.<br \/>\nDer Schnee ist dichter geworden, bleibt liegen. Schneeflocken kommen auf sie zu. Die Scheinwerfer bohren sich einen Weg durch den wei\u00dfen Tunnel. Die Blechlawine vor ihnen schiebt sich weiter, nimmt die n\u00e4chste Steigung. Nur nicht stehen bleiben! Langsam m\u00fcsste doch mal ein Streuwagen zu sehen sein, auch wenn Heiligabend ist. Wo wollen die vielen Leute \u00fcberhaupt noch hin? Auf einmal geht gar nichts mehr. Vollsperrung auf der Sauerlandlinie, sagt der WDR-Verkehrsfunk. Die Fahrer sollten Ruhe bewahren, Streuwagen seien unterwegs, die Mittelspur m\u00fcsse freigehalten werden f\u00fcr Abschleppfahrzeuge und Krankenwagen.<br \/>\n\u00bbIst ja nur gut, dass unser Bully Standheizung hat\u00ab, sagt Gunther.<br \/>\n\u00bbJa, ja, du Berufsoptimist, f\u00fcr dich ist das Glas immer halbvoll\u00ab, sagt Teresa.<br \/>\n\u00bbBesser als halbleer\u00ab, sagt Gunther und legt seine Hand auf Theresas Oberschenkel. Sie zieht das Bein weg.<br \/>\n\u00bbHalbleer ist das Glas doch nur f\u00fcr deine liebe Schw\u00e4gerin Anita. Der Weihnachtsabend mit ihrem Gejammer scheint uns zumindest erspart zu bleiben\u00ab, sagt Theresa. \u00bbDer Schnee hat also doch was Gutes!\u00ab,\u00a0 sagt Gunther.<br \/>\n\u00bbWie konnte dein Bruder nur solch eine Nervens\u00e4ge &#8230; \u00ab Weiter kommt sie nicht. Ein Kn\u00f6chel klopft energisch an die beschlagene Fensterscheibe. Theresa l\u00e4sst das Fenster hinunter. Ein Kopf mit wei\u00df verschneiter Pelzkappe bohrt sich ins Innere.<br \/>\n\u00bbAnita, wo kommst du denn her?\u00ab<br \/>\n\u00bbWir fahren schon die ganze Zeit hinter euch her. Aber Gunther schaut wohl nie in den R\u00fcckspiegel. Tom hat ununterbrochen Lichthupe gemacht.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, stimmt\u00ab, sagt Gunther.\u00abIch habe mich schon gewundert, welcher Idiot &#8230; Soll er doch \u00fcberholen bei dem Schneetreiben, habe ich gedacht.\u00ab<br \/>\n\u00bbNicht denken. Mal nach hinten schauen\u00ab, sagt Anita und schiebt ihren Kopf noch weiter in das Auto, ihre kalten Lippen ber\u00fchren Theresa Wange. Ein Schwall Schnee treibt ins F\u00fchrerhaus.<br \/>\n\u00abSaukalt hier drau\u00dfen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIhr habt in eurem Super-SUV doch sicher Heizung.\u00ab Theresas Stimme klingt schrill. Gunther wendet den Kopf, runzelt die Stirn.<br \/>\n\u00bbJa, schon. Aber die BMWs heute sind auch nicht mehr das, was sie waren. Ich habe zu Tommi gesagt, Tommi, habe ich gesagt, das kann dauern. Komm wir gehen vor zu Theresa und Gunther. Da haben wir wenigstens Unterhaltung.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas, alle in dem kleinen Bus? Das wird zu eng.\u00ab Theresa schreit fast.<br \/>\n\u00bbWieso das denn?\u00ab Anitas linkes Augenlid zuckt, sie presst die Lippen zu einem Strich zusammen.<br \/>\n\u00bbIst gut. Ihr wollt uns nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbQuatsch\u00ab, sagt Gunther. Nat\u00fcrlich wollen wir euch. Steigt ein!\u00ab<br \/>\n\u00bbWeichei\u00ab, zischt Theresa. Laut sagt sie: \u00bbDie Kinder sind gerade eingeschlafen.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, und\u00ab, sagt Anita. \u00bbWir wecken sie doch nicht. Wir reden ganz leise. Ich sage Tommi Bescheid, ich sage, Tommi, sage ich, rede leise, die Kinder schlafen.\u00ab<br \/>\nIhr Kopf verschwindet, Theresa l\u00e4sst die Scheibe hochfahren. Trommelt mit den F\u00e4usten auf die Ablage.<br \/>\nSchweigend sitzt das Ehepaar im Wagen. Sie starren in das Schneetreiben.<br \/>\n\u00bbWas sollte ich denn machen?\u00ab, fragt Gunther.<br \/>\n\u00bbWeihnachten zu Hause bleiben\u00ab, sagt Theresa.<br \/>\n\u00bbDaf\u00fcr ist es zu sp\u00e4t\u00ab, sagt Gunther.<br \/>\n\u00bbEben!\u00ab, sagt Theresa.<br \/>\nMit kreischendem Schwung wird die Schiebt\u00fcr ge\u00f6ffnet. Der Bus wackelt, das Baby schreckt auf, f\u00e4ngt an zu jammern.<br \/>\n\u00bbDa haben wir`s\u00ab, sagt Theresa.<br \/>\n\u00bbDas macht nichts\u00ab, sagt Anita. \u00bbKinder schlafen gleich wieder ein. Nicht wahr, Liebes!\u00ab Sie beugt sich vor und streichelt mit einem kalten Handr\u00fccken \u00fcber die weichen Wangen des Kleinkindes. Nun br\u00fcllt es wie am Spie\u00df.<br \/>\n\u00bbMeine G\u00fcte, ist die Kleine empfindlich. Ihr packt sie wohl in Watte.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu musst es ja wissen\u00ab, sagt Theresa, steht auf, geht zwischen den Vordersitzen durch, nimmt das Baby aus dem Maxi-Cosi, setzt es sich auf den Scho\u00df, hebt ihren Pullover hoch und schiebt den BH hinunter. \u00bbFeli hat sich erschreckt.\u00ab<br \/>\n\u00bbWieso das? Die Kinder heutzutage. Viel zu verz\u00e4rtelt. Wir damals &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbNun lass mal, Anita\u00ab, l\u00e4sst sich endlich Tom vernehmen. Er steht hinter Anita an der offenen T\u00fcr und stampft mit den F\u00fc\u00dfen, um den Schnee von seinen Lederschuhen zu entfernen. \u00bbEs tut uns leid, dass das Baby wach geworden ist. Wir gehen gleich wieder. Wir wollten euch nur guten Abend sagen.\u00ab<br \/>\n\u00abDas habt ihr ja nun\u00ab, sagt Gunther.<br \/>\n\u00bbHallo, Onkel Tommi\u00ab, sagt Xaver pl\u00f6tzlich und richtet sich in seinem Sitz auf.<br \/>\n\u00abHast du mir was mitgebracht?\u00ab<br \/>\n\u00bbBetteln tut man nicht, dann bringt das Christkind keine Geschenke\u00ab, sagt Anita.<br \/>\n\u00bbWann kommt das Christkind denn endlich. Es ist doch schon ganz dunkel.\u00ab<br \/>\n\u00bbEs kommt nur, wenn du brav bist und schl\u00e4fst\u00ab, sagt Anita.<br \/>\n\u00bbAber ihr redet laut. Ich kann nicht schlafen.\u00ab Xaver verzieht das Gesicht zum Weinen.<br \/>\n\u00bbPssst\u00ab, sagt Anita und legt den Finger auf seinen Mund. \u00bbSch\u00f6n leise sein.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, schreit Xaver. \u00bbIch will Geschenke. Sofort. Das Christkind soll kommen.\u00ab<br \/>\n\u00bbXaverle\u00ab, sagt Theresa. \u00bbBald sind wir bei Oma, du wei\u00dft, dort hat das Christkind die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Und schau mal, die B\u00e4ume haben wei\u00dfe M\u00fctzen. Wir m\u00fcssen nur noch auf den Schneepflug warten,\u00ab<br \/>\n\u00bbAu ja, Schneepflug\u00ab, br\u00fcllt Xaver, klettert zu seinem Vater nach vorn und dreht begeistert am Steuerrad.<br \/>\n\u00bbWas den Kindern heutzutage alles erlaubt wird &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbAnita, bitte!\u00ab, sagt Tom.<br \/>\n\u00bbAnita, bitte, Anita, bitte! Alles dreht sich um die Kinder, niemand fragt, wie es mir geht.\u00ab<br \/>\nTheresa boxt Gunther in die Seite und fl\u00f6tet: \u00bbDu Arme. Das hab ich ganz vergessen. Wie geht es dir?\u00ab<br \/>\n\u00bbSchlecht! Schlecht wie immer. Glaubt mir ja keiner. Ich kann meine Arme kaum bewegen, die Schultern &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbAber Anita, der Arzt hat doch gesagt &#8230;\u00ab, sagt Tom.<br \/>\n\u00bbTypisch Tommi, der glaubt an \u00c4rzte. Ich kenne doch wohl meinen K\u00f6per besser als diese Pfuscher, und wenn ich sage &#8230;\u00ab<br \/>\nIhre Stimme ist schrill geworden. Tom versucht, einen Arm um sie zu legen. Macht einen Kussmund.<br \/>\n\u00bbEs ist Weihnachten, Liebes.\u00ab<br \/>\n\u00bbGenau\u00ab, sagt Theresa. \u00bbUnd deswegen m\u00f6chte ich Ruhe und Frieden.\u00ab<br \/>\n\u00bbMan darf doch wohl mal &#8230;\u00ab, sagt Anita.<br \/>\n\u00bbNein, darf man nicht. Bitte, geht zur\u00fcck zu eurem Wagen. Ich will, dass die Kinder wieder einschlafen.\u00ab<br \/>\n\u00bbKinder, Kinder\u00ab, sagt Anita. \u00bbGibt es f\u00fcr euch auch ein anderes Thema als Kinder?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein!\u00ab, sagt Theresa. \u00bbBitte, schieb die T\u00fcr zu. Die Kinder erk\u00e4lten sich.\u00ab<br \/>\n\u00bbDie Schlange vor uns bewegt sich\u00ab, sagt Gunther. \u00bbEs scheint weiterzugehen.\u00ab<br \/>\n\u00bbJetzt habe ich Halsschmerzen\u00ab, sagt Anita. \u00bbEure Schuld. Immer muss ich an Weihnachten zu eurer Mutter.\u00ab<br \/>\n\u00bbWo sie Recht hat, hat sie Recht\u00ab, sagt Theresa, als die T\u00fcr zurauscht. Sie tr\u00e4gt die Kinder zur\u00fcck in ihre Sitze, schnallt sie an, gibt dem Baby einen Schnuller, dem Kleinen seine Saftflasche.<br \/>\n\u00bbSoll Mama Schneefl\u00f6ckchen, Wei\u00dfr\u00f6ckchen singen?\u00ab<br \/>\n\u00abAu ja\u00ab, sagt Xaver.<br \/>\nLangsam setzt sich der Bus in Bewegung.<br \/>\n\u00bbIch verspreche dir, n\u00e4chstes Jahr &#8230;\u00ab, sagt Gunther.<br \/>\nTheresa winkt ab. \u00bbDas glaube ich erst, wenn es so weit ist.\u00ab Sie f\u00e4ngt an zu singen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDeine Mutter hat sich wieder durchgesetzt. 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