{"id":1297,"date":"2016-12-06T11:58:57","date_gmt":"2016-12-06T09:58:57","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1297"},"modified":"2018-12-07T17:54:26","modified_gmt":"2018-12-07T16:54:26","slug":"nimm-mich-mit-kapitan-auf-die-reise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nimm-mich-mit-kapitan-auf-die-reise\/","title":{"rendered":"Nimm mich mit, Kapit\u00e4n!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_005.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1528\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/b_005-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Wie konnten diese beiden jungen Frauen nur in diesen Schlamassel geraten?, fragte sich der Leiter der Mordkommission in Cairns. Zwei deutsche Touristinnen lagen halb verdurstet und mit dramatischen Verbrennungen im Hospital. Ob sie vergewaltigt worden waren, war nicht sicher, aber es bestand der begr\u00fcndete Verdacht. Die \u00c4rzte wussten nicht, ob sie \u00fcberleben w\u00fcrden.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Ausflugsdampfer hatten die beiden Frauen &#8211; in einem Schlauchboot auf den Wellen treibend &#8211; in der N\u00e4he des Great Barrier Reef gefunden: bewusstlos, die Haut rot verbrannt unter der erbarmungslosen Sonne.<br \/>\nNach dem Besuch im Krankenzimmer, in dem der Kommissar schweigend und ersch\u00fcttert am Bett der jungen Frauen gestanden hatte, die immer noch im k\u00fcnstlichen Koma lagen, hasste er wieder seinen Job &#8211; wie schon so oft in den letzten Jahren. Er wollte dieses Elend nicht mehr sehen, er konnte es nicht mehr ertragen, Verbrecher zu jagen in einer Welt, in der die Brutalit\u00e4t immer mehr zunahm. Er starrte auf die bewusstlosen Frauen und dachte an seine beiden T\u00f6chter, wenig j\u00fcnger als die beiden Touristinnen.<\/p>\n<p>\u00bbWie schlecht denkst du immer \u00fcber M\u00e4nner\u00ab, lachten seine Teenagert\u00f6chter ihn aus, wenn er sie ermahnte, vorsichtig zu sein, keinen fremden M\u00e4nnern zu vertrauen. \u00bbWir sind doch keine Babies mehr, Daddy\u00ab, sagten sie und umarmten ihn. \u00bbUnd du bist doch auch ein Mann!\u00ab<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagte er.<br \/>\nWie kamen die zwei Frauen in das Schlauchboot? Wollten sie von einem Sightseeing-Boot aus n\u00e4her an die Korallenriffs hinausrudern? Waren sie ausgesetzt worden? Es lag keine Taucherausr\u00fcstung im Boot, keine Sauerstoffflaschen, noch nicht einmal Wetsuits.<br \/>\nSeine Kollegen hatten jeden maritimen Anbieter in Cairns und Umgebung\u00a0 \u00fcberpr\u00fcft, der Ausfl\u00fcge zu den Riffs anbot oder Tauchkurse verkaufte. Ein zeitaufwendiges Unterfangen, denn bei dem j\u00e4hrlich wachsenden Ansturm von Touristen war auch die Zahl der Anbieter mittlerweile un\u00fcbersichtlich.<br \/>\nDas australische Fernsehen gab eine Suchmeldung heraus mit dem Foto der beiden Touristinnen. Tagelang meldete sich niemand, bis schlie\u00dflich ein Weinbauer aus Barossa anrief. Ja, er kenne die Frauen, sie h\u00e4tten im M\u00e4rz auf seinem Gut bei der Weinlese geholfen, two nice girls from Germany, gute Arbeiterinnen, zuverl\u00e4ssig. Nach der Weinlese wollten sie in den Norden ziehen, nach Cairns in den tropischen Teil Australiens. Das Great Barrier Reef habe sie gereizt. Mit dem verdienten Geld wollten sie einen Tauchschein machen, die Unterwasserwelt im Korallenriff erleben. Sie hatten versprochen, auf der R\u00fcckreise wieder vorbeizukommen, sagte der Mann und seine Stimme wurde rau.<br \/>\n\u00abIch wollte Kristina \u00fcberreden zu bleiben\u00ab, sagte er. \u00bbSie hatte sich aber gerade von ihrem Freund getrennt, wollte keine neue Bindung, erst einmal ihr Leben genie\u00dfen. Konnte ich ja verstehen.\u00ab<br \/>\nKonntest du nicht, dachte der Kommissar.<br \/>\n\u00bbBis zum Schluss habe ich gehofft, Kristina umstimmen zu k\u00f6nnen\u00ab, sagte der Anrufer und seine Stimme wurde leise. \u00bbSchulterlanges, braunes Haar, einen wundersch\u00f6nen Mund, und ihr L\u00e4cheln &#8230; \u00ab Er brach ab.<br \/>\n\u00bbDann hat sie wohl zu viel oder zu wenig gel\u00e4chelt\u00ab, sagte der Kommissar trocken, \u00bbzumindest dann, als sie auf ihre Vergewaltiger stie\u00df.\u00ab Er riss sich zusammen. Zynismus war hier fehl am Platze. Der Mann schien wirklich betroffen.<br \/>\n\u00bbEntschuldigung, aber wir tappen hier v\u00f6llig im Dunklen. Und Sie wissen auch nichts \u00fcber weitere Pl\u00e4ne, au\u00dfer dass die beiden einen Tauchkurs machen wollten?\u00ab<br \/>\n\u00bbDie Freundin, die kleine Blonde, Svenja hie\u00df sie, hei\u00dft sie, die \u00a0war ganz verr\u00fcckt aufs Bootfahren. Die wollte unbedingt auf einen Prawn Trawler, so einen, der wochenlang auf dem Pazifik herumschippert, um Krabben zu fangen. Das habe ich den beiden aber ausgeredet. Zwei junge Frauen, ausgeliefert an eine Horde M\u00e4nner. V\u00f6llig verr\u00fcckt!\u00ab<br \/>\nDer Kommissar seufzte. Das h\u00e4tten exakt seine Worte sein k\u00f6nnen. Und seine T\u00f6chter h\u00e4tten gesagt: \u00bbAber, Daddy!\u00ab<br \/>\n\u00bbEntschuldigung, ich wollte keine Vorurteile gegen Seeleute sch\u00fcren\u00ab, sagte der Mann.<br \/>\n\u00bbIst schon gut\u00ab, sagte der Kommissar. \u00bbUnd wenn sie sich doch haben mitnehmen lassen?\u00ab<br \/>\nEr nahm das Telefon ab, tippte eine Nummer ein und bat seinen Assistenten, alle in den letzten Wochen ausgelaufenen Fischerboote aufzulisten.<br \/>\n\u00bbWahrscheinlich suchen wir die Nadel im Heuhafen\u00ab, sagte er zu dem Weinbauern, \u00bbaber wir d\u00fcrfen nichts unversucht lassen. Es kann sein, dass wir Sie zur Identifizierung brauchen. Wir melden uns.\u00ab<\/p>\n<p>Ein alter Fischer, der morgens am Pier gesessen und geangelt hatte, lieferte den Tipp.<br \/>\nJa, er habe das Ablegen der <em>Rose Amelia<\/em> beobachtet und gesehen, dass zwei M\u00e4dchen mit an Bord gegangen seien. Wie alt die waren? Das k\u00f6nne er nicht sagen. Um die zwanzig oder so. Je \u00e4lter er w\u00fcrde, desto j\u00fcnger erschienen ihm die Girlies, sagte er, grinste und schob den Priem in die andere Backentasche. Er habe sich noch gewundert, was die auf dem ollen Trawler wollten unter all den verr\u00fcckten Fischern.<br \/>\n\u00bbUnd das Schiff hie\u00df <em>Rose Amelia<\/em>?\u00ab, fragte der Kommissar.<br \/>\n\u00bbJa, und die ist gestern wieder eingelaufen.\u00ab<br \/>\nNoch am Abend wurde die gesamte Mannschaft festgenommen. Zerm\u00fcrbende Verh\u00f6re begannen. Die M\u00e4nner stritten ab, die Frauen zu irgendetwas gezwungen zu haben. Die seien freiwillig mitgekommen. Sie sollten kochen, so hie\u00df die Vereinbarung. Kochen und putzen als Austausch f\u00fcr eine spektakul\u00e4re Fishing Tour am Great Barrier Reef. Die Frauen h\u00e4tten gewusst, auf was sie sich einlie\u00dfen.<br \/>\n\u00bbHei\u00dfe Fotzen seien das gewesen\u00ab, sagte einer der Fischer und der Kommissar schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.<br \/>\n\u00bbIhr habt sie vergewaltigt und in das Schlauchboot gelegt. Ohne Ruder. Ohne Sonnenschutz. Ohne Wasser. Und ihr habt gehofft, dass die Str\u00f6mung das Boot aufs offene Meer hinaustreibt und sie dort verdursten und verhungern.\u00ab<br \/>\n\u00bbNonsense\u00ab, sagten die Fischer. Die Frauen seien von Bord gesprungen, als das Verpflegungsboot anlegte. Die Mannschaft h\u00e4tte sogar die Rucks\u00e4cke hinterhergeworfen.<br \/>\n\u00bbDas ist ja eine ganz neue Variante\u00ab, sagte der Kommissar. \u00bbUnd was f\u00fcr ein Versorgungsboot?\u00ab<br \/>\nDas w\u00fcssten sie nicht. Sie h\u00e4tten per Funk Benzin und ein paar Ersatzteile angefordert, wie das hier so \u00fcblich sei. Keine Ahnung, von welcher Firma. Irgendein Schiff in der N\u00e4he. Und im \u00dcbrigen wollten sie einen Anwalt. Ohne Anwalt w\u00fcrden sie nichts mehr sagen.<br \/>\n\u00bbEs gibt ein Logbuch\u00ab, sagte der Kommissar trocken. \u00bbLangsam habe ich von der ganzen L\u00fcgerei die Schnauze voll. I`m really fed up!\u00ab<\/p>\n<p>Ein Anruf aus dem Krankenhaus. Eine der jungen Frauen sei zu sich gekommen, die kleine Blonde. Svenja best\u00e4tigte die Aussagen der Fischer.<br \/>\n\u00bbNa klar, haben wir uns bedroht gef\u00fchlt von den Kerlen. Nachts haben die immer Pornos geguckt. Wir haben uns in der Kaj\u00fcte eingeschlossen vor Angst. Mit einem K\u00fcchenmesser in der Koje.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd weiter?\u00ab, fragte der Kommissar.<br \/>\nDann sei dieses Schnellboot gekommen mit den Versorgungsg\u00fctern, sagte Svenja, und sie h\u00e4tten die beiden jungen M\u00e4nner an Bord angefleht, sie mitzunehmen. Die Jungs seien sehr nett zu ihnen gewesen. Sehr h\u00f6flich, sehr zur\u00fcckhaltend.<br \/>\n\u00bbSchade eigentlich\u00ab, sagte sie. \u00bbBesonders der mit den schwarzen Locken, der sah toll aus!\u00ab<br \/>\nIch flippe gleich aus, dachte der Kommissar. Wenn das meine Tochter w\u00e4re, ich w\u00fcrde sie verpr\u00fcgeln.<br \/>\n\u00bbWas passierte dann?\u00ab, fragte er und zwang sich, ganz ruhig zu bleiben. Diese dummen, naiven G\u00e4nse &#8230;<br \/>\n\u00bbWir haben an einer kleinen Insel angelegt. Palmen, blaues Wasser, wir sind geschwommen. Haben Party gemacht am Strand. Die hatten auch Wein an Bord. Und so kleine blaue Pillen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDrogen ?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch wei\u00df nicht. Wir waren alle gut drauf. Aber ich muss dann wohl eingeschlafen sein. Und vorhin, als ich aufwachte, war ich pl\u00f6tzlich im Krankenhaus. An diesen Schl\u00e4uchen. Und alles tut mir weh.\u00ab<br \/>\nSie fing an zu weinen, richtete sich auf, blickte sich im Zimmer um.<br \/>\n\u00abWo ist Kristina? Oh Gott, Kristina! Wo ist Kristina? Ist sie tot? Ist meine Freundin tot?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch hoffe nicht\u00ab, sagte der Kommissar.<br \/>\nEs klopfte, ein Arzt betrat leise das Zimmer.<br \/>\n\u00bbEs tut mir leid &#8230;\u00ab, sagte er.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie konnten diese beiden jungen Frauen nur in diesen Schlamassel geraten?, fragte sich der Leiter der Mordkommission in Cairns. Zwei deutsche Touristinnen lagen halb verdurstet und mit dramatischen Verbrennungen im Hospital. Ob sie vergewaltigt worden waren, war nicht sicher, aber es bestand der begr\u00fcndete Verdacht. 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