{"id":1273,"date":"2016-10-25T19:25:48","date_gmt":"2016-10-25T17:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1273"},"modified":"2020-02-16T17:24:23","modified_gmt":"2020-02-16T16:24:23","slug":"nora-postbotin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nora-postbotin\/","title":{"rendered":"Isabel, Postbotin"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/postal-delivery-2928784_960_720.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1570\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/postal-delivery-2928784_960_720-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Eine Bank im Park<\/em><\/p>\n<p>Entschuldigen Sie, darf ich mich zu Ihnen setzen?<br \/>\nGenug Platz auf der Bank?, sagen Sie. Danke. Aber ich wollte Sie nicht st\u00f6ren. Sie scheinen so in Gedanken versunken.<br \/>\nSie freuen sich? Danke. Ich will mich auch nur ein bisschen ausruhen. Es ist so still hier. Die hohen B\u00e4ume&#8230;<br \/>\nIch w\u00fcrde m\u00fcde aussehen, sagen Sie &#8230;<br \/>\nJa, ich bin seit halb sechs auf. Ich bin Zustellerin, wissen Sie. Postbotin, sagte man fr\u00fcher. Da muss man fr\u00fch raus. Um sechs beginnt die Schicht. Briefe in die F\u00e4cher sortieren und so &#8230;<br \/>\nOb ich das gerne bin &#8230; Postbotin, fragen Sie &#8230;<!--more--><br \/>\nWissen Sie, es gibt schlimmere Jobs. Putzen in der Schule, wie meine Freundin. Oder an der Kasse sitzen und immer das Zeugs \u00fcber den Scanner ziehen. Den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer im R\u00fccken &#8230; schneller &#8230; schneller.<br \/>\nKlar, das Briefeaustragen ist auch anstrengend &#8230; und das fr\u00fche Aufstehen &#8230; besonders, als die Kinder noch klein waren.<br \/>\nJa, zwei. Zwei Jungs. 13 und 18. Schwieriges Alter. Aber ich will Sie nicht mit meinen Problemen zu, zu &#8211;\u00a0 wie sagt man? &#8211;\u00a0 zusch\u00fctten.<br \/>\nSie f\u00fchlen sich nicht zugesch\u00fcttet, sagen Sie. Sie seien neugierig auf die Geschichten anderer Menschen. Ach so, Sie sind Schriftsteller. Aber aus meiner Geschichte k\u00f6nnen Sie kein Buch machen. Viel zu langweilig.<br \/>\nLangweilige Geschichten gibt es nicht? Das sehe ich aber anders. Aber wenn Sie wollen &#8230;<br \/>\nJa, eine Zigarette h\u00e4tte ich auch gern. Danke. Ist ja sch\u00e4dlich, liest man \u00fcberall. Aber ab und zu &#8230; entspannt so sch\u00f6n.<br \/>\nSeit wann ich in Bremen wohne? Interessiert Sie das wirklich? Meine Eltern waren Gastarbeiter, aus Portugal. Gastarbeiter, so nannte man das doch damals. Mein Vater bekam einen Job beim Vulkan. Einen guten Job. Ich war sechs, als meine Eltern nach Bremen kamen.<br \/>\nIch w\u00fcrde gut Deutschsprechen, sagen Sie. Danke. Mein Mann, \u00e4h, mein Exmann ist Deutscher. Ich musste immer viel Deutsch sprechen: in der Schule, auf der Stra\u00dfe &#8230; Ich glaube, mittlerweile spreche ich besser Deutsch als Portugiesisch &#8230;<br \/>\nJa, jedes Jahr fahren wir nach Portugal. Meine Eltern sind auch l\u00e4ngst zur\u00fcck. An der Algarve &#8230;<br \/>\nKennen Sie, sagen Sie &#8230; Wundersch\u00f6n, ja ich wei\u00df &#8230; Una casa portuguesa en Albufeira &#8230;<br \/>\nJa, Sie d\u00fcrfen mich fragen. Warum ich mich habe scheiden lassen? Traurige Geschichte: Der Vulkan ging pleite, mein Mann verlor seinen Arbeitsplatz. Sa\u00df zu Hause rum, fing an zu saufen, schlug die Jungs bei der kleinsten Gelegenheit. Da bin ich mit ihnen weg. Nach Portugal<br \/>\nWarum ich nicht dageblieben bin?<br \/>\nF\u00fcr die Kinder war das nichts. Die Schulen sind schlecht &#8230; die meisten jungen Leute kriegen keine Stelle, meine Jungs sollen es einmal besser haben. Das Schulsystem in Deutschland ist gut, es gibt Berufsschulen &#8230;<br \/>\nOb ich eine Unterst\u00fctzung bekommen habe? Ja, ein bisschen Sozialhilfe. Wissen Sie, es ist so ungerecht, dieser Hennemann, der Kerl, der die Werft auf dem Gewissen hat, der hat eine riesige Abfindung gekriegt, will noch mehr, ist vor Gericht gegangen. Aber die kleinen Leute &#8230;<br \/>\nAber was soll man machen. Ich war dann froh, dass ich die Stelle bei der Post bekam &#8230;<br \/>\nJa, ja, heute Telekom. H\u00e4rtere Arbeitsbedingungen, weniger Sozialleistungen &#8230;<br \/>\nIch hinke ein bisschen. Nein, nein, macht mir nichts aus, dass Sie mich darauf ansprechen. Ich bin mit dem Rad gest\u00fcrzt, diesem schweren Rad mit den Taschen vorne und hinten. Gut, war meine Schuld, ich hatte das Rad nicht richtig abgestellt, es ist umgekippt und auf mich drauf gefallen. Knie kaputt &#8230;<br \/>\nArbeitsunfall? Das w\u00e4re sch\u00f6n.<br \/>\nNein, das erkennen die nicht an. Und ein Anwalt ist teuer.<br \/>\nGewerkschaft? Ja, das war mein Fehler. Bin ich nicht drin, das Geld war immer so knapp, die Jungs &#8230; Aber ist ja auch ganz gut geheilt, das Bein. Nur bei schlechtem Wetter &#8230;<br \/>\nWas sagen Sie, Sie kennen einen Anwalt, der &#8230; einen Freund? Nein, nein. Wirklich nicht. Vielen Dank, Sie sind sehr freundlich. Aber ich m\u00f6chte nicht, dass &#8230;<\/p>\n<p><em>Blick auf die Uhr<\/em><br \/>\nUm Gottes willen. Es ist schon sp\u00e4t. Ich muss zum Bahnhof &#8230;<br \/>\nVerreisen, nee, meinen J\u00fcngsten abholen. Der war auf Klassenfahrt. Gestern Abend hat die Lehrerin angerufen, er hat Alkohol in die Jugendherberge geschmuggelt, hat sich betrunken. Mit ein paar anderen Jungs.<\/p>\n<p>Die falschen Freunde? Ja,ja!Sicher!<\/p>\n<p>Nun werden sie nach Hause geschickt. Der Kleine macht mir schlaflose N\u00e4chte. Ist schlecht in der Schule, schw\u00e4nzt, wenn ich\u00a0 nicht aufpasse. Ein leichtes Leben, nein, das habe ich nicht. Nein, ich bin nicht unzufrieden. Ich komme da durch. Auch meine Jungs. Wird schon werden, auch mit dem Kleinen. Ich m\u00fcsste nur mehr Zeit haben &#8230; aber wie soll ich &#8230;<br \/>\nSo, jetzt muss ich aber los. Danke, dass Sie mir so geduldig zugeh\u00f6rt haben.<br \/>\nStoff f\u00fcr einen Roman, sagen Sie. Na, ich wei\u00df nicht. So spannend ist das ja auch nicht.<br \/>\nKlar, d\u00fcrfen Sie verwenden f\u00fcr eine Geschichte. Nicht mit meinem Namen, nat\u00fcrlich.<br \/>\nOb ich morgen hier wieder vorbeikomme? Vielleicht, mal sehen &#8230;<br \/>\nAuf Wiedersehen und vielen Dank f\u00fcr die Zigarette.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Bank im Park Entschuldigen Sie, darf ich mich zu Ihnen setzen? Genug Platz auf der Bank?, sagen Sie. Danke. Aber ich wollte Sie nicht st\u00f6ren. Sie scheinen so in Gedanken versunken. Sie freuen sich? Danke. Ich will mich auch nur ein bisschen ausruhen. Es ist so still hier. 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