{"id":1270,"date":"2016-10-25T19:05:01","date_gmt":"2016-10-25T17:05:01","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1270"},"modified":"2020-02-16T17:29:08","modified_gmt":"2020-02-16T16:29:08","slug":"frauenleiche-gefunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/frauenleiche-gefunden\/","title":{"rendered":"Frauenleiche gefunden"},"content":{"rendered":"<p>Die Streitereien ihrer Eltern waren in den letzten Wochen immer heftiger geworden. Jana konnte abends oft nicht einschlafen. Eines Abends war es besonders schlimm. Durch die d\u00fcnnen W\u00e4nde h\u00f6rte sie die keifende Stimme ihrer Mutter und die raue, bollernde ihres Vaters. Irgendwann polterte ein Stuhl, Mama heulte auf, Papa schrie: \u00bbSei ruhig, sei endlich ruhig!\u00ab Dann das Schluchzen von Mama und ihre tr\u00e4nenerstickte Stimme: \u00bbEs geht immer nur um sie. Ich bin dir egal!\u00ab<!--more--><br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen blieb Mama im Bett, Papa war schon im Stall, und Jana machte, dass sie aus dem Haus kam. Bevor sie zum Schulbus rannte, ging sie noch r\u00fcber zu Oma. \u00bbWir haben ihr ein sch\u00f6nes Altenteil gebaut\u00ab, sagte Mama immer.\u00abAber die Frau ist nie zufrieden.\u00ab<br \/>\nOma war die Mutter von Papa, ihr geh\u00f6rte der Hof, so viel hatte Jana mit ihren neun Jahren verstanden. Und dass ihre Mutter das Landleben hasste und weg wollte in die Stadt. \u00bbVerkauf den Hof doch\u00ab, hatte sie Mama sagen h\u00f6ren. \u00bbWir kriegen eine Menge Geld. Der Investor aus M\u00fcnchen will das Gel\u00e4nde kaufen f\u00fcr seinen Windpark.\u00ab<br \/>\nAber Papa war stur geblieben. \u00bbNicht, solange meine Mutter lebt\u00ab, hatte er gesagt.<br \/>\n\u00bbAber sie ist doch v\u00f6llig gaga\u00ab, hatte Mama gesagt. \u00bbLass sie entm\u00fcndigen!\u00ab<br \/>\nPapa war wortlos in den Stall gegangen und Mama hatte die F\u00e4uste in der Kittelsch\u00fcrze geballt, das hatte Jana genau gesehen.<br \/>\nOma\u00a0 war nicht da heute Morgen: nicht in der Stube, nicht in ihrer Schlafkammer. Jana rief und rief, bekam keine Antwort. Also keinen hei\u00dfen Kakao vor der Schule, kein geschmiertes Marmeladenbrot, keinen Kuss und keinen liebevollen Klaps auf den Po, wenn sie aus dem Haus rannte.<br \/>\nJana zockelte zum Bus. Wo war Oma nur? Das sah ihr so gar nicht \u00e4hnlich. In der Schule knurrte Janas Magen so laut, dass ihre Freundin lachen musste. Frau Penzold musste sie ein paar Mal ermahnen, besser aufzupassen. \u00bbWo bist du nur heute mit deinen Gedanken?\u00ab, sagte sie. \u00bbIst was passiert?\u00ab Jana sch\u00fcttelte den Kopf und Frau Penzold lie\u00df das M\u00e4dchen in Ruhe. Erst am Nachmittag, als sie von dem Tod der alten Frau h\u00f6rte, erinnerte sich die Lehrerin sich an das untypische Verhalten der kleinen Sch\u00fclerin.<br \/>\n\u00bbOma ist tot\u00ab, sagte Papa. Er holte Jana vom Bus ab und nahm sie in den Arm. Er hatte Tr\u00e4nen in den Augen. \u00bbOma ist ertrunken\u00ab, sagte er. \u00bbIm See. Sie wollte wohl schwimmen gehen gestern Abend.\u00ab<br \/>\nJana starrte ihn an. \u00bbOma konnte ja gar nicht schwimmen, Papa.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch wei\u00df, mein Kleines\u00ab, sagte ihr Vater und strich ihr \u00fcber den Kopf. \u00bbAber sie war in letzter Zeit so durcheinander. Vielleicht hat sie gedacht, sie k\u00f6nne schwimmen.\u00ab<br \/>\nUngl\u00e4ubig schaute Jana zu ihrem Vater hoch. \u00bbEs n\u00fctzt nichts. Ich muss weitermachen. Die Schweine m\u00fcssen gef\u00fcttert werden.\u00ab<br \/>\nEin paar Monate sp\u00e4ter wurde der Hof verkauft. Jana zog mit ihren Eltern in eine schicke Eigentumswohnung in der Stadt. Janas Vater hatte nichts mehr zu tun, langweilte sich, fing an zu trinken. Janas Mutter aber genoss das Stadtleben, traf sich mit ihren neuen Freundinnen und war immer \u00f6fter fort, manchmal auch \u00fcber Nacht. Zu Hause lag Jana schlaflos in ihrem h\u00fcbschen M\u00e4dchenzimmer und h\u00f6rte ihre Eltern streiten. Es ging um Omas Tod. Jana hielt sich die Ohren zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Streitereien ihrer Eltern waren in den letzten Wochen immer heftiger geworden. Jana konnte abends oft nicht einschlafen. Eines Abends war es besonders schlimm. 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