{"id":1242,"date":"2016-08-10T19:17:30","date_gmt":"2016-08-10T17:17:30","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1242"},"modified":"2020-12-04T18:09:26","modified_gmt":"2020-12-04T17:09:26","slug":"vermachtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/vermachtnis\/","title":{"rendered":"Vierer mit Steuermann"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/rowing-boat-247148_960_720.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1571\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/rowing-boat-247148_960_720-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Trotz der Hitze war die Klimaanlage nicht ausgefallen. Im ICE von Hamburg nach M\u00fcnchen war es angenehm k\u00fchl. Helmut hatte ein Ticket erster Klasse gebucht, setzte sich auf seinen Platz am Fenster, klappte das Tischchen hinunter, legte den Laptop ab, verband ihn mit der eingebauten Stromdose unter dem Sitz. Er lehnter sich zur\u00fcck, lie\u00df die Hamburger Vororte an sich vorbeiziehen und schaute in den wolkenlosen Himmel. Schade, der perfekte Tag zum Segeln, dachte er. Seine Hallberg Rassy schaukelte schon seit Wochen ungenutzt im Yachthafen vor sich hin. Immer wieder waren ihm, dem Wirtschaftspr\u00fcfer einer alteingesessenen Hamburger Consultingfirma, Gesch\u00e4ftstermine dazwischengekommen. F\u00fcr dieses Wochenende war die verbl\u00fcffende Einladung aus Starnberg gekommen. Ein Anwaltsb\u00fcro in M\u00fcnchen hatte ihn mit n\u00fcchternen Worten von Ulrich Wagners Tod in Kenntnis gesetzt und ihm den letzten Willen des Verstorbenen \u00fcbermittelt: Die alten Kameraden des siegreichen Vierers mit Steuermann m\u00f6gen sich vor der Beisetzung der Urne in Ulrich Wagners Haus in Starnberg treffen. Man bitte darum, den Willen des Toten zu respektieren.<!--more--><\/p>\n<p>elmut hatte ein paar Tage gez\u00f6gert, aber dann hatte die Neugierde gesiegt. Sie hatten sich seit \u00fcber 30 Jahren nicht mehr gesehen. Kurz nach der Olympiaqualifikation war die Mannschaft auseinandergebrochen, einfach so. Nein, korrigierte sich Helmut. Nicht einfach so. Der Grund war Irmi gewesen, die strahlende, attraktive Irmi mit dem wippenden blonden Pferdeschwanz und den gro\u00dfen blauen Augen.<br \/>\nHelmut seufzte und startete den Rechner, rief seine Mails auf. W\u00e4re alles anders gekommen, wenn er Irmi geheiratet h\u00e4tte? Aber irgendwie h\u00e4tte Irmi nicht gepasst. Nicht zu seinem gebildeten hanseatischen Elternhaus, nicht als Frau eines ehrgeizigen, aufstrebenden Juristen. Frauke passte besser. Als elegante und gebildete Senatorentochter hatte sie ihm viele T\u00fcren ge\u00f6ffnet. Dass sie sich mit der Zeit auseinandergelebt hatten, war wohl das Schicksal aller langj\u00e4hrigen Alt-Ehen. Frauke war gl\u00fccklich in ihrer Galerie und feierte Partys mit ihren K\u00fcnstlerfreunden. Er hatte Wichtigeres zu tun.<br \/>\nHelmut klickte die H\u00e4lfte der Nachrichten weg, beantwortete ein paar Gesch\u00e4ftsbriefe und stolperte dann \u00fcber eine Mail von seinem ehemaligen Teamkameraden Johannes, der anfragte, ob er, Helmut, auch nach Starnberg kommen w\u00fcrde. Schlagartig sah er Johannes vor sich, schlank, aber verbl\u00fcffend muskul\u00f6s, mit Rhythmusgef\u00fchl und Schlagkraft, ein talentierter Harmonisierer, dem es damals immer wieder gelungen war, alle aufkeimenden Differenzen unter den jungen M\u00e4nnern zu beschwichtigen. War Johannes eigentlich auch in Irmi verliebt gewesen? Oder war er gar nicht an Frauen interessiert? Gernot l\u00e4sterte manchmal \u00fcber Johannes und machte Andeutungen in dieser Richtung, aber niemand war wirklich darauf eingegangen. Das Training, die internationalen Siege hatten sie zusammengeschwei\u00dft. Sie steuerten auf den gro\u00dfen Sieg zu, der ihre Laufbahn kr\u00f6nen, ihre Namen unsterblich machen sollte: Olympisches Gold. Bis, ja, bis Irmi auftauchte.<br \/>\nHelmut versuchte sich zu konzentrieren, arbeitete bis M\u00fcnchen durch, klappte den Rechner zu, hievte seine Reisetasche aus dem Gep\u00e4cknetz und stand auf. St\u00f6hnend dr\u00fcckte er die Hand ins Kreuz. Der gro\u00dfe Sportler, dachte er. Wer mich so sieht, wie ich durch den Gang hinke, der w\u00fcrde nie vermuten, wie perfekt mein K\u00f6rper einmal funktioniert hat. Damals, ja damals, da machte ich echt Schnitte bei den M\u00e4dchen. Er grinste in sich hinein, nahm die Rolltreppe hinunter in die Bahnhofshalle und sah \u2013 Irmi. Das konnte nicht sein. Irmi war tot. Und doch: Es war Irmi. Zu den Kl\u00e4ngen des Ravelschen Bolero tanzte Irmi mitten in der gro\u00dfen Halle. Ihr schlanker K\u00f6rper bog und drehte sich anmutig zur Musik, die blonden Haare am Hinterkopf festgesteckt, die schlanken Arme grazi\u00f6s zur Decke gehoben. Ein junger sprang Mann an ihre Seite und noch einer und noch einer. Die Menschen waren stehengeblieben, machten einen Kreis um die Tanzenden. Die Musik wurde lauter, dr\u00e4ngender, zwei Polizisten schlossen sich den T\u00e4nzern an, ein Koch mit wei\u00dfer M\u00fctze tanzte in die Mitte, der Bettler am Rand stand auf und machte die ersten Schritte zum h\u00e4mmernden Rhythmus der Musik. Im Nu war die Halle gef\u00fcllt mit umherwirbelnden T\u00e4nzern. Die Touristen staunten, klatschten, waren hingerissen. Ein Flashmob, d\u00e4mmerte es Helmut. Er dr\u00e4ngte sich weiter nach vorn. Egal, auch wenn er die S-Bahn nach Starnberg verpasste. Er musste sich die junge Frau ansehen, die als Erste angefangen hatte zu tanzen. Irmi? Nat\u00fcrlich war es nicht Irmi. Konnte gar nicht Irmi sein. Aber die \u00c4hnlichkeit war verbl\u00fcffend. Dasselbe strahlende L\u00e4cheln, die gro\u00dfen blauen Augen, die lebhaften Bewegungen. Wie verliebt er war, Hals \u00fcber Kopf verliebt. Helmut schloss sich dem Schlussapplaus an. Aber mit Irmi in der Nacht nach der Olympiaqualifikation zu verschwinden, das war Rudi gegen\u00fcber nicht fair gewesen. Rudi und Irmi waren schlie\u00dflich verlobt. Frauen von Freunden sind tabu, sollten tabu sein, dachte Helmut. Ich war ein Schwein, Aber mit seinem Verrat hatte der Aufl\u00f6sungsprozess der Mannschaft begonnen. Das gemeinsame Training wurde lustlos, die Siege blieben aus, die Karriere des ber\u00fchmten deutschen Vierers mit Steuermann fand ein ruhmloses Ende.<\/p>\n<p>Hirnrissige Idee! Wieso war er \u00fcberhaupt gekommen?<br \/>\nHelmut stellte die Reisetasche vor dem schmiedeeisernen Portal ab. Zu beiden Seiten hohe, wei\u00dfe Mauern mit einbetonierten Glasscheiben. Er hielt das Gesicht vor die \u00dcberwachungskamera, dr\u00fcckte auf den bronzenen Klingelknopf. Eine Villa, direkt am Starnberger See. Typisch Ulrich Wagner! Hat Kapital geschlagen aus seiner fr\u00fchen Ber\u00fchmtheit. War immer der Cleverste von ihnen allen.<br \/>\nDer \u00d6ffner summte, das Tor sprang auf. Helmut ging den hellen Kiesweg hinauf zum Haus. Die mit Bronzebeschl\u00e4gen verzierte Eingangst\u00fcr wurde aufgerissen. Ein bulliger Endsechziger stand in der \u00d6ffnung. Gernot, ja nat\u00fcrlich.\u00a0 Der war schon damals kr\u00e4ftig. Der ideale Schlagmann, wohl mit den Jahren aus der Form geraten. Kurzes Stutzen, br\u00fcllendes Hallo, Schulterklopfen.<br \/>\n\u00bbHelmut, alter Knabe. Auch nicht mehr der J\u00fcngste, was! Wo sind deine Locken geblieben? Du holder Knabe!\u00ab Gernot wieherte. \u00bbKomm rein! Johannes ist auch da!\u00ab<br \/>\nHelmut schulterte die Reisetasche, folgte dem Mann ins Wohnzimmer. Scheiben bis zum Fu\u00dfboden erlaubten einen grandiosen Blick auf den Starnberger See. Wei\u00dfe Segel jagten \u00fcber blaues Wasser. Die dunstigen Umrisse der Alpenkette als Hintergrundkulisse. Eine Szene wie auf einer Ansichtskarte. Surreal.<br \/>\nEin schlanker Mann federte aus dem Ledersessel, kam mit ausgestreckten H\u00e4nden auf Helmut zu. Johannes. Unverkennbar. \u00bbSch\u00f6n, dass du kommen konntest, Helmut. Ich habe nat\u00fcrlich bef\u00fcrchtet &#8230; \u00ab.<br \/>\nEr umarmte Helmut, dr\u00fcckte ihn kurz an sich, schob ihn wieder von sich, schaute ihn pr\u00fcfend an. \u00bbGernot hat gesagt, dass &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbBefehl vom Steuermann. Dem m\u00fcssen wir Folge leisten. Auch nach vierzig Jahren\u00ab, sagte Gernot und zwinkerte Helmut zu. Der zuckte die Schultern. Hatten sie Angst, er w\u00fcrde nicht kommen. Oder sogar gehofft, er w\u00fcrde kneifen? Nein, den Gefallen tat er ihnen nicht. Helmut schaute auf die satt-gr\u00fcne Rasenfl\u00e4che, die sich bis zum See zog. Die Sprinkler-Anlage arbeitete.<br \/>\n\u00bbDu hast Karriere gemacht, Johannes. Gl\u00fcckwunsch, alter Jazzer! Jede Menge Auftritte in den USA, sagt das Internet. Kommst du direkt aus den Staaten?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, wir starten in einer Woche eine Europa-Tournee\u00ab, sagte Johannes und wies auf den schwarzen Klarinetten-Kasten auf der Fensterbank. \u00abIch hoffe, du kommst zu meinem Konzert.\u00ab<br \/>\n\u00bbEhrensache! Ihr tretet in Hamburg auf. Beim Jazz Open. ich habe die Vorank\u00fcndigung gelesen. Wirst du auch hier f\u00fcr uns spielen, Johannes?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch wei\u00df nicht. Ich will mich nicht aufdr\u00e4ngen.\u00ab<br \/>\n\u00bbSpiel noch einmal <em>Petite Fleur<\/em> f\u00fcr uns, Johannes!\u00ab<br \/>\n\u00bbWei\u00dft du noch, wie Irmi mich immer angebettelt hat, Sidney Bechet zu spielen? Wie ausgelassen sie angefangen hat zu tanzen, wenn sie die ersten T\u00f6ne h\u00f6rte?\u00ab Johannes summte die ersten Takte.<br \/>\n\u00bbAch, die Herren schwelgen in Erinnerungen\u00ab, sagte Gernot. \u00bbPure Sentimentalit\u00e4t. Vorbei ist vorbei. Spiel was, aber was Fetziges.\u00ab<br \/>\nEr ging zur Bar an der Wand.\u00bbHelmut, Whisky mit oder ohne?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch trinke nicht, ehe es dunkel wird.\u00ab.<br \/>\n\u00bbL \u00b4heure bleue. Ich verstehe. Hartes Los im Sommer. Du warst doch fr\u00fcher nicht so ein Chorknabe.\u00ab<br \/>\nGernot lachte, schenkte ein Glas halbvoll, lie\u00df Eisw\u00fcrfel hineinfallen.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr dich, Johannes. Wir sollten uns volllaufen lassen. Alkohol l\u00f6st Probleme.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein! Tut er nicht\u00ab, sagte Johannes, nahm aber das Glas und ging hin\u00fcber zum vergilbten Schwarz-Wei\u00df-Foto \u00fcber dem Sideboard.<br \/>\n\u00bbSeht euch das an. Das Foto muss Minuten nach unserem Olympiasieg aufgenommen worden sein. Wie jung wir aussehen.\u00ab<br \/>\nHelmut stellte sich neben ihn.<br \/>\n\u00bbWir sind alle f\u00fcnf drauf. Irmi sitzt auf Rudis Schultern.\u00ab<br \/>\nHelmut legte das Jackett ab, lie\u00df sich auf das wei\u00dfe Ledersofa fallen, kontrollierte den Sitz seiner Armani-Hose, hob den Stoff an den Knien leicht an.<br \/>\n\u00bbDer ICE hatte mal wieder Versp\u00e4tung. Aber zum Gl\u00fcck ist diesmal die Klimaanlage nicht ausgefallen. Alle reden vom Wetter, nur die Bahn hat das nicht n\u00f6tig.\u00ab<br \/>\n\u00bbMeint ihr, Rudi kommt?\u00ab, fragte Johannes. \u00bbIch habe seit Jahrzehnten nichts mehr von ihm geh\u00f6rt. Konnte ihn auch nicht googeln.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch hab`s auch versucht\u00ab, sagte Helmut. \u00bbUnauffindbar. Vielleicht hat Rudi unserem Gernot immer noch nicht verziehen und kommt deshalb nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbAlte Kamellen\u00ab, sagte Gernot. \u00bbDie arme Irmi ist lange tot.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd wenn Rudi immer noch denkt, dass du sie ihm weggenommen hast?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch? Dass ich nicht lache. Ein harmloser Flirt.\u00ab<br \/>\nEr schenkte sich Whisky nach.<br \/>\n\u00bbSo harmlos doch wohl auch nicht. Irmi hat wegen dir mit Rudi Schluss gemacht\u00ab, sagte Helmut. \u00bbSie waren so gut wie verlobt.\u00ab<br \/>\n\u00bbSo what? Festhalten und weitersuchen, genannt Verlobung. \u00dcbrigens, Helmut, tu nicht so unschuldig. Du warst doch auch hei\u00df auf Irmi. Nach der Siegesfeier warst du es doch, der mit ihr verschwunden ist. Sag blo\u00df, da war nichts.\u00ab<br \/>\nWieder Gernots dr\u00f6hnende Lache.<br \/>\nIch hasse ihn, dachte Helmut. Ich habe ihn immer gehasst. Ich k\u00f6nnte ihm das Whiskey-Glas ins Gesicht dr\u00fccken.<br \/>\n\u00bbWie viele Ehen hast du eigentlich hinter dir, Gernot? Hast du wirklich eine 17-j\u00e4hrige Ruderin geschw\u00e4ngert? In deiner Zeit als Nationaltrainer? Haben sie dich deswegen rausgeschmissen?\u00ab<br \/>\nJohannes hob beschwichtigend die H\u00e4nde. \u00bbLasst uns doch nicht &#8230; \u00ab<br \/>\nEr wurde unterbrochen. Der Gong nudelte seine Melodie ab. Johannes sprang auf, bugsierte einen blassen Mann mit brennenden, dunklen Augen in den Raum.<br \/>\n\u00bbWenn der Steuermann ruft\u00ab, sagte Gernot. \u00bbWillkommen, Rudi!\u00ab<br \/>\nRudi gab keinem die Hand, setzte sich auf einen Hocker nahe der T\u00fcr. \u00bbWie ihr seht. Ich bin gekommen. Wann ist die Testamentser\u00f6ffnung?\u00ab<br \/>\n\u00bbIn einer halben Stunde\u00ab, sagte Gernot. \u00bbDer Anwalt kommt ins Haus.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas soll \u00fcberhaupt das ganze Theater? Sind wir auf einmal alle erbberechtigt?\u00ab, fragte Helmut.<br \/>\n\u00bbUlrich hatte keine Kinder\u00ab, sagt Rudi. \u00bbWusstet ihr, dass er kurze Zeit mit Irmi verheiratet war?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, das wusste ich nicht. Aber seien wir ehrlich, jeder von uns wollte Irmi\u00ab, sagte Helmut.<br \/>\n\u00bbIch allein habe sie geliebt\u00ab, sagte Rudi.<br \/>\nGernot lacht wieder sein dr\u00f6hnendes Lachen. \u00bbIch nicht. Ich fand sie nur unglaublich sexy.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu kannst gar nicht lieben. Du liebst nur dich\u00ab, sagte Johannes.<br \/>\n\u00bbUnd das sagst ausgerechnet du. Du selbstgerechte,<br \/>\nschwule &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbSprich das Wort nur aus, Gernot. Sprich es nur aus! Ich bin das gew\u00f6hnt. Aber zu deiner Information. Auch ich habe Irmi geliebt.\u00ab<br \/>\n\u00bbIrmi hat sich umgebracht\u00ab, sagte Rudi. \u00bbEs war Ulrich, der sie in den Tod getrieben hat.\u00ab<br \/>\n\u00bbWoher willst du das wissen, Rudi? Dass es kein Unfall war damals auf der Bergtour\u00ab, sagte Gernot. \u00bbIrmi ist unangeseilt \u00fcber das Eisfeld gelaufen und abgerutscht, das hat auch die polizeiliche Untersuchung ergeben. Ulrich hatte sie gesichert, aber auf dem flachen Schneefeld hat sie den Karabinerhaken ausgehakt. Und dann hat sie einen Trittfehler gemacht und ist hinter ihm ins Rutschen gekommen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWoher wei\u00dft du das so genau, Gernot?\u00ab<br \/>\n\u00bbHat Ulrich mir selbst erz\u00e4hlt. Damals. Kurz nach dem Unfall. Er war am Boden zerst\u00f6rt.\u00ab<br \/>\nRudi winkte ab. \u00bbAlles gelogen. Irmi hat zu viel gewusst \u00fcber Ulrich. Sie wurde f\u00fcr ihn gef\u00e4hrlich.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas f\u00fcr R\u00e4uberpistolen erz\u00e4hlst du denn da, Rudi?\u00ab<br \/>\nJohannes hatte sein Glas abgestellt. \u00bbWas sind das denn f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien?\u00ab<br \/>\n\u00bbIhr habt ja keine Ahnung, wer Ulrich war\u00ab, sagte Rudi und seine Augen glitzerten gef\u00e4hrlich.<br \/>\nEr ist verr\u00fcckt, dachte Helmut. Ein Psychopath.<br \/>\n\u00bbAls Berufsoffizier hat Ulrich f\u00fcr den Bundesnachrichtendienst gearbeitet. Undercover. War an weltweiten Schweinereien beteiligt: Entf\u00fchrung, Mord, L\u00f6segeldzahlungen, Korruption &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbEin deutscher James Bond? Dass ich nicht lache.\u00ab Gernot nahm einen Schluck. \u00bbWann soll das denn gewesen sein?\u00ab<br \/>\n\u00bbSchaut euch doch die Immobilie hier an: die Villa, ein Grundst\u00fcck direkt am See, die Yacht am Steg. Das alles vom Gehalt eines Bundeswehroffiziers? Ulrich hat unendlich viel Geld kassiert. Und verschoben. Als die Steuerbeh\u00f6rde ihn endlich wegen Betrugs am Haken hatte, ist er von h\u00f6chster Stelle gedeckt worden. Die Seilschaft aus Pullach h\u00e4lt zusammen\u00ab, sagte Rudi.<br \/>\n\u00bbDie haben selbst zu viel am Stecken. Das stimmt. Die decken sich gegenseitig.\u00ab Wieder leerte Gernot sein Glas in einem Zug. \u00bbDonnerwetter. Der Ulrich. Wer h\u00e4tte das gedacht. Aber schlau war der immer.\u00ab<br \/>\n\u00bbSag blo\u00df, dir imponiert das auch noch?\u00ab Helmut f\u00fcllte ein Glas mit Mineralwasser.<br \/>\n\u00bbWas willst du damit sagen, Helmut? Du verw\u00f6hntes Richters\u00f6hnchen. Hast dich ja schon immer f\u00fcr was Besseres gehalten. Und die Irmi war dir doch auch nicht gut genug. Hast lieber die Senatorentochter geheiratet. G\u00fcnstiger f\u00fcr die Karriere.\u00ab<br \/>\nMit geballten F\u00e4usten ging Helmut auf Gernot zu.<br \/>\n\u00bbHe, he\u00ab, sagte Johannes. \u00bbSeid ihr alle verr\u00fcckt geworden? Wir treffen uns hier zu Ulrichs Trauerfeier, und ihr geht euch an die Kehle.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch bin nur gekommen, um auf alles zu spucken, was mir Ulrich vermacht hat. Nichts nehme ich an von diesem Schwein. Gar nichts.\u00ab Wieder das irre Funkeln in Rudis Augen.<br \/>\nWenn das so weitergeht, gibt es Mord und Totschlag, dachte Helmut. Rudi ist nicht ganz dicht. Sp\u00e4te Rache, weil man ihm die Verlobte ausgespannt hat? Verr\u00fcckt!<br \/>\nWieder die aufdringliche Melodie des Gongs. Gernot \u00f6ffnete. Der Anwalt betrat den Raum, gr\u00fc\u00dfte, legte seine Ledermappe auf den Glastisch.<br \/>\n\u00bbSch\u00f6n, dass Sie gekommen sind, meine Herren. Es hat einige M\u00fche gekostet, Ihre Adressen ausfindig zu machen. Ich trage die Verantwortung, dass das schriftlich festgehaltene Verm\u00e4chtnis des Verstorbenen erf\u00fcllt wird. Ein Moment, ich zitiere:\u00ab<br \/>\nDer Anwalt nahm die Lesebrille aus dem Etui.<br \/>\n<em>Ich, Ulrich Wagner, verf\u00fcge im Vollbesitz meiner geistigen Kr\u00e4fte, dass die \u00fcberlebenden Mannschaftskameraden des siegreichen Olympiavierers mit Steuermann &#8211; <\/em>hier machte der Anwalt eine Pause und schaute jeden der Anwesenden \u00fcber die Brillengl\u00e4ser an<em> &#8211; sich nach meinem Ableben in meiner Villa am Starnberger See treffen und die Hausbar leertrinken. Erst dann soll mein Erbe verteilt, mein Leichnam verbrannt und in den Starnberger See gestreut werden.<br \/>\n<\/em>Die M\u00e4nner starrten den Anwalt an. Johannes atmete h\u00f6rbar aus, Gernot verschluckte sich an seinem Whisky, Rudi sprang auf, \u00f6ffnete den Mund, entschied sich anders und lie\u00df sich wieder auf den Hocker sinken.<br \/>\n\u00bbWisst ihr was, das ist mir alles zu albern\u00ab, sagte Helmut. \u00bbIch gehe.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas tust du nicht\u00ab, sagte Gernot. \u00bbVielleicht bist du der Einzige, der auf das Geld pfeifen kann. Ich nicht. Mir steht das Wasser bis zum Hals.\u00ab<br \/>\n\u00bbDie ganze Geschichte ist irre\u00ab, sagte Johannes. \u00bbIch komme mir vor wie bei Agatha Christie. Zehn kleine Negerlein, blo\u00df dass wir nur zu viert sind.\u00ab<br \/>\n\u00bbAm liebsten w\u00fcrde ich euch alle \u00fcber den Haufen schie\u00dfen\u00ab, sagte Rudi.<br \/>\n\u00bbIch ahnte es\u00ab, sagte Helmut. \u00bbTag der Abrechnung. Wirklich zum Lachen, wenn es nicht so ernst w\u00e4re. Ich hoffe, du hast nicht wirklich eine Waffe dabei, Rudi?\u00ab<br \/>\nRudi zuckte die Schultern. \u00bbJetzt habt ihr die Hosen voll, oder?\u00ab<br \/>\n\u00bbDu kannst uns doch hier nicht abknallen\u00ab, sagte Gernot. \u00bbDas macht keinen Sinn nach so vielen Jahren.\u00ab Er legte den Kopf auf den Couchtisch.<br \/>\nIn die Stille hinein der T\u00fcrgong. Alle sprangen auf. Mit einer Handbewegung n\u00f6tigte sie der Anwalt sitzenzubleiben, verlie\u00df den Raum, kam wieder mit einer jungen Frau.<br \/>\n\u00bbIrmi\u00ab, schrie Rudi und lief auf sie zu.<br \/>\nUnm\u00f6glich, dachte Helmut und schaute auf die Frau. Die \u00c4hnlichkeit war verbl\u00fcffend, die Figur, die blonden Haare, die gr\u00fcnen Augen. Aber das war nicht Irmi. Konnte nicht Irmi sein. Das schien auch Rudi erkannt zu haben. Er blieb abrupt stehen.<br \/>\nDie junge Frau war an der Wohnzimmert\u00fcr stehengeblieben, die Arme vor der Brust gekreuzt. Sie nagte an der Unterlippe.<br \/>\n\u00bbIch bin Antonia. Irmgards Tochter\u00ab, sagte sie leise. \u00bbIch m\u00f6chte wissen, wer von Ihnen mein Vater ist.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd daf\u00fcr das ganze Theater hier?\u00ab, sagte Helmut. \u00bbDas h\u00e4tten Sie leichter haben k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie denn?\u00ab, fragte Antonia. \u00abSagen Sie es mir! Wie denn?\u00ab<br \/>\n\u00bbDann war Irmi auch nicht sicher, wer der Erzeuger war?\u00ab Gernot hob den Kopf vom Tisch. \u00bbKleine Nutte, die sie war.\u00ab<br \/>\nDrohend hob Rudi die F\u00e4uste.<br \/>\n\u00bbUlrich hat mich adoptiert. Auch nach dem Unfalltod meiner Mutter hat er sich um mich gek\u00fcmmert. Als Einziger.\u00ab<br \/>\n\u00bbVielleicht war er Ihr Vater?\u00ab Die Stimme von Johannes.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte Antonia. \u00abUlrich war steril, konnte keine Kinder zeugen. Solange er lebte, wollte er f\u00fcr meinen leiblichen Vater gehalten werden. Aber kurz vor seinem Tod hat er mir versprochen, mir zu helfen, meinen biologischen Vater zu finden. Deswegen das Testament. Deswegen sind Sie hier.\u00ab<br \/>\n\u00bbWenn ich das gewusst h\u00e4tte\u00ab, sagte Helmut.<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagte Antonia.<br \/>\n\u00bbAlso DNA-Test\u00ab, sagt Johannes. \u00bbDass ich auf meine alten Tage vielleicht noch einmal Vater werde &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbDu hast auch mit ihr geschlafen?\u00ab Rudis Stimme war schrill. \u00bbDer Einzige, der als Vater in Frage kommt, bin ich &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbNun mal langsam\u00ab, sagte Gernot, der pl\u00f6tzlich n\u00fcchtern klang. \u00bbWas wollen Sie? Blut? Mein letztes Kaugummi? Bis zum Ergebnis saufen wir die Vorr\u00e4te leer.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch nicht\u00ab, sagte Helmut. \u00bbDas hier ist mir zu bl\u00f6d. Auf Wiedersehen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas geht nicht\u00ab, schrie Gernot. \u00bbDas Erbe! Ulrich war reich! Wir m\u00fcssen &#8230;\u00ab<br \/>\nHelmut drehte sich zum Anwalt. \u00bbSie werden Freiheitsberaubung nicht unterst\u00fctzen, sonst werde ich daf\u00fcr sorgen, dass Sie Ihre Zulassung verlieren.\u00ab<br \/>\n\u00bbNat\u00fcrlich k\u00f6nnen Sie gehen, mein Herr. Niemand h\u00e4lt Sie auf.\u00ab<br \/>\nHelmut stand auf, nahm seine Tasche. Antonia verstellte ihm den Weg.<br \/>\n\u00bbSie sind es\u00ab, sagte sie. \u00bbUnd Sie haben gewusst, dass meine Mutter schwanger war. Sie hat gesagt, mein Vater sei ein armseliger Wicht, der nur f\u00fcr seine Karriere lebte. Ich br\u00e4uchte Sie nicht kennenzulernen. Sie hatte Recht.\u00ab<br \/>\nAntonia \u00f6ffnete die T\u00fcr. \u00bbGehen Sie\u00ab, sagt sie. \u00bbGehen Sie einfach weg! Und kommen Sie nie wieder!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 &nbsp; Trotz der Hitze war die Klimaanlage nicht ausgefallen. Im ICE von Hamburg nach M\u00fcnchen war es angenehm k\u00fchl. Helmut hatte ein Ticket erster Klasse gebucht, setzte sich auf seinen Platz am Fenster, klappte das Tischchen hinunter, legte den Laptop ab, verband ihn mit der eingebauten Stromdose unter dem Sitz. 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