{"id":1230,"date":"2016-06-24T18:35:29","date_gmt":"2016-06-24T16:35:29","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1230"},"modified":"2018-09-12T19:55:41","modified_gmt":"2018-09-12T17:55:41","slug":"auge-um-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/auge-um-auge\/","title":{"rendered":"Auge um Auge"},"content":{"rendered":"<p>Sie kannten sich vom Volkshochschulkurs, die fitte 16-k\u00f6pfige Rentnergruppe aus Berlin, alle zwischen 60 und 75 Jahre alt. Seit Jahren versuchten sie, ihr Franz\u00f6sisch nicht einrosten zu lassen. Die Kursleiterin &#8211; Marie-Claire, eine Pariserin im reiferen Alter &#8211; traktierte ihre Sch\u00fctzlinge nicht mit komplizierten grammatischen Finessen, sondern schaffte eine Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re, in der die Teilnehmer ermutigt wurden, \u00bbzu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen war\u00ab. Zwei einw\u00f6chige Parisaufenthalte schwei\u00dften die Gruppe zusammen, sodass im Laufe der Zeit durchaus auch pers\u00f6nliche Probleme, sogar Konfliktsituationen in der Gruppe,\u00a0 von den Teilnehmern angesprochen und diskutiert wurden, nat\u00fcrlich alles auf Franz\u00f6sisch.<!--more--><br \/>\nAls Marie-Claire im vierten Jahr vorschlug, statt nach Paris nach Istanbul zu fahren, waren alle Feuer und Flamme. Istanbul &#8211; die Sch\u00f6ne am Bosporus, das t\u00fcrkische Manhattan. Madame hatte Berichte, Meldungen und Kommentare aus \u00bbLe Monde\u00ab, \u00bbParis Match\u00ab, \u00bbLe Figaro\u00ab und dem \u00bbNouvel Observateur\u00ab zusammengestellt, die der Gruppe Geschichte und Kultur des osmanischen Reiches genauso n\u00e4her brachten wie die aktuelle politische Lage, den Kurdenkonflikt und die Diskussion \u00fcber die angebliche Unterst\u00fctzung des IS durch die t\u00fcrkische Regierung.<br \/>\nFasziniert klebten viele Flugg\u00e4ste an den\u00a0 Fenstern, als der Pilot in den Sinkflug ging und\u00a0 die Maschine in einer langen Kurve \u00fcber das blau schimmernde Wasser des Bosporus zog. Sonne glitzerte auf den D\u00e4chern der H\u00e4user, der Kuppeln und Minarette: Hagia Sophia, blaue Moschee, Topkapi-Palast, die Galaterbr\u00fccke, alle Geb\u00e4ude winzig klein wie im Hamburger Eisenbahnmuseum. Menschen waren nicht zu erkennen aus dieser Entfernung, oder es gab um diese Jahreszeit nur wenige Touristen auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen. Januar war absolute Nebensaison. Gott sei Dank sind wir als Rentner nicht an die Ferien gebunden, dachte Anna-Kathrin und tastete nach der Hand ihres Mannes. Das Flugzeug der Turkish Airlines setzte rumpelnd auf der Piste auf. \u00bbAutomatische Landung\u00ab, sagte ein Wichtigtuer am Gang.\u00a0 Als die Herren noch selbst flogen, setzten die Maschinen sanfter auf.\u00ab Niemand reagierte. Ein paar Leute klatschten. Vor Erleichterung, wahrscheinlich.<\/p>\n<p>Das Hotel Alaadin lag an der Promenade, im Touristenviertel Sultanahmet mit freiem Blick auf die schimmernden Wasser des Bosporus. Marie-Claire hatte um einen gro\u00dfen, gemeinsamen Tisch im Speisesaal gebeten, und so trafen sich alle beim Abendessen, m\u00fcde, aber aufgekratzt und voller Neugierde auf die n\u00e4chsten Tage. Am sp\u00e4teren Abend stellte sich die von der deutschen Reiseagentur verpflichtete t\u00fcrkische Reisef\u00fchrerin Frau Cifci vor, eine attraktive Frau in den Drei\u00dfigern, die ihr Deutsch als sogenanntes Gastarbeiterkind in Duisburg gelernt und ihr Studium der Arch\u00e4ologie und Kunstgeschichte in Bochum abgeschlossen hatte. Sie gab einen kurzen, kompetenten \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte des ehemaligen Konstantinopel und vereinbarte einen Treffpunkt am n\u00e4chsten Morgen um 10.30 auf dem Sultan Ahmet &#8211; Platz, direkt vor der Hagia Sophia. \u00d6ffentliche Verkehrsmittel w\u00fcrde man in den ersten zwei Tagen nicht benutzen m\u00fcssen, sagte die Reiseleiterin, viele der touristischen Attraktionen seien vom Hotel aus zu Fu\u00df zu erreichen. Dezente Kleidung sei zu dieser Jahreszeit bestimmt kein Problem, es sei trotz der Sonne zurzeit angenehm k\u00fchl in Istanbul. \u00bbWas, nicht in Badehose?\u00ab, fragte der unverbesserliche Witzbold der Gruppe.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen waren bis auf ein Ehepaar alle beim Fr\u00fchst\u00fcck. Die Frau habe Kreislaufprobleme und wolle sich ausruhen. Die beiden w\u00fcrden sich sp\u00e4ter der Gruppe anschlie\u00dfen, lie\u00df der Ehemann mitteilen. Punkt halbelf waren fast alle vor der Hagia Sophia versammelt. Ein paar Teilnehmer konnten sich allerdings nicht von dem Angebot in den Andenkenl\u00e4den losrei\u00dfen. Ein Rentner diskutierte mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen am s\u00fcdlichen Rand des Platzes mit einem Rikscha-Fahrer. Die \u00e4lteste Teilnehmerin kam atemlos angehetzt, ein paar Minuten versp\u00e4tet &#8211; wie immer. Frau Cifci begr\u00fc\u00dfte die Gruppe mit \u00bbG\u00fcnaydin &#8211; guten Morgen\u00ab und hatte mit ihrem Einf\u00fchrungsvortrag gerade begonnen, da fiel ihr Blick auf einen jungen, dunkelh\u00e4utigen Mann, der sich zu der Reisegruppe gesellt hatte. Der geh\u00f6rt doch gar nicht &#8230; , dachte sie, sah den schwarzen G\u00fcrtel, den er sich um den Bauch gebunden hatte, h\u00f6rte das omin\u00f6se \u00bbKlick\u00ab, auf das zu achten man die t\u00fcrkischen Touristenf\u00fchrer in den Fortbildungsstunden trainiert hatte, rief nur noch \u00bbWeglaufen! Laufen Sie weg!\u00ab, fasste die H\u00e4nde von zwei neben ihr stehenden Personen und fing an,\u00a0 in Richtung Hagia Sophia zu rennen. Es war zu sp\u00e4t. Die Bombe explodierte und zerfetzte die Menschen, die in der N\u00e4he des Attent\u00e4ters standen. Sirenen fingen an zu heulen, den Polizisten und zivilen Sicherheitsbeamten bot sich ein unertr\u00e4gliches Bild. Die \u00dcberlebenden standen unter Schock. Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht. Auch Frau Cifci war unter ihnen.<\/p>\n<p>Die Antwort auf den Anschlag erfolgte prompt. T\u00fcrkische Kampfbomber flogen Angriffe auf Stellungen der IS-Terroristen. Zweihundert Terroristen seien get\u00f6tet worden, das war die offizielle Verlautbarung. Wie viele zivile Opfer es gab, wurde nicht bekannt. Casualties &#8211; Kollateralsch\u00e4den. Unvermeidbar. \u00bbAuge um Auge, Zahn um Zahn\u00ab. Das steht nicht im Koran, sondern im Alten Testament.\u00a0 Die Anzahl deutscher Touristen in Istanbul ist seit dem Attentat dramatisch gesunken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie kannten sich vom Volkshochschulkurs, die fitte 16-k\u00f6pfige Rentnergruppe aus Berlin, alle zwischen 60 und 75 Jahre alt. Seit Jahren versuchten sie, ihr Franz\u00f6sisch nicht einrosten zu lassen. 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