{"id":1214,"date":"2016-05-23T17:56:16","date_gmt":"2016-05-23T15:56:16","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1214"},"modified":"2017-01-19T12:19:34","modified_gmt":"2017-01-19T10:19:34","slug":"gier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/gier\/","title":{"rendered":"Gier"},"content":{"rendered":"<p>Der gro\u00dfe Reisebus mit dem Zielort D\u00fcsseldorf\/Flughafen f\u00e4hrt in eine der Parkbuchten hinter dem Essener Hauptbahnhof. Drei Uhr nachmittags, grauer Himmel, windig, aber trocken, lebhaftes Treiben in Richtung Innenstadt und Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Rollkoffer rumpeln \u00fcber das Pflaster, scheinen ihre in Richtung Gleise hetzenden Besitzer \u00fcberholen zu wollen. Eine Gruppe Japaner trippelt ungeduldig vor dem Cityhotel auf und ab und wartet wohl auf den Stadtf\u00fchrer. Vor den Plakaten des Kino-Centers stehen Trauben von Jugendlichen und diskutieren lautstark. Heavy Metal Sounds. Autos hupen, Motoren drehen auf, dazwischen das Klingeln und quietschende Halten der Stra\u00dfenbahnen. Die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen sitzen auf den B\u00e4nken des vernachl\u00e4ssigten Gr\u00fcnstreifens, struppige Hunde zu ihren F\u00fc\u00dfen. Der Joint geht von Hand zu Hand, gierige Z\u00fcge, tiefes Inhalieren, bis der Stoff die Blutbahn \u00fcberschwemmt. Reisende machen einen Bogen um die herumliegenden Becksflaschen. Alles friedlich. Die beiden Polizistinnen im vorbeikriechenden Einsatzwagen sehen keinen Grund auszusteigen und setzen ihre Streife fort. <!--more--><\/p>\n<p>Aus dem Bahnhof st\u00fcrzt eine Gruppe grauhaariger Rentner, die in der Halle Schutz vor dem lebhaften Nordost gesucht und sich \u00fcber die Versp\u00e4tung des Zubringerbusses zum Flughafen ge\u00e4rgert haben. Sie dr\u00e4ngen in den Bus, an Brigitta vorbei, die mit ihrer Liste an der vorderen T\u00fcr steht und versucht, die Namen der Teilnehmer abzuhaken. Wie vor jeder Reise ist sie angespannt. Sie kennt niemanden der 35 Teilnehmer und Teilnehmerinnen von fr\u00fcheren Reisen und runzelt die Stirn, als sie das Durchschnittsalter der Gruppe \u00fcberschl\u00e4gt. Obwohl sie viel Erfahrung hat mit Rentnern und Pension\u00e4ren auf Reisen, ist sie immer froh, wenn zumindest der gr\u00f6\u00dfte Teil der Gruppe einen fitten Eindruck macht. Brigitta ist Ende 50, attraktiv, selbstbewusst und als Reiseleiterin hat sie die Erfahrung gemacht, dass diese \u00e4lteren Herrschaften schwieriger zu betreuen sind als eine pubertierende Schulklasse. Ok., sie w\u00fcrde kein Alkoholproblem bekommen, Koma-Saufen ist nicht mehr angesagt, aber daf\u00fcr sind ihre G\u00e4ste immer ungeduldig, h\u00f6ren nie zu, wenn man ihnen etwas erkl\u00e4rt, kommen zu sp\u00e4t zur F\u00fchrung oder gar nicht oder beschweren sich \u00fcbers Essen, \u00fcber die Betten, \u00fcber den Verkehrsl\u00e4rm vor den Hotelzimmern. An das Gejammere hat sie sich gew\u00f6hnt, sie bleibt freundlich und professionell. Wie immer hat sie gen\u00fcgend Zeit einkalkuliert, um den Flieger nach Malaga ohne Hektik zu erreichen, auch wenn es stauig werden sollte.<br \/>\nAn der gegen\u00fcberliegenden Seite hievt der Busfahrer die Koffer in die offenstehenden Klappen. Die meisten G\u00e4ste haben ihre Pl\u00e4tze eiligst besetzt, aber zwei \u00e4ltere Herren haben die mittlere T\u00fcr von innen ge\u00f6ffnet, sind mit ihren Frauen ausgestiegen, um noch ganz schnell eine Zigarette durchzuziehen. Der Fahrer hat jede Menge schwarzer und dunkelblauer Koffer unterzubringen und Brigitta geht die Liste noch einmal konzentriert durch, um zu sehen, ob vielleicht einer ihrer G\u00e4ste fehlt. Als sie aufblickt, stehen zwei junge M\u00e4nner im Kapuzenshirt im vorderen Aufgang und blicken in den Bus.<br \/>\n\u00bbWas wollt ihr hier?\u00ab, schreit Brigitta, ohne gro\u00df zu \u00fcberlegen. \u00bbRaus hier, aber dalli!\u00ab<br \/>\n\u00bbNu mal locker, Frau!\u00ab, sagt einer der Jugendlichen mit einem Akzent, den sie nicht einzuordnen vermag. \u00bbIss Fernbus Berlin?\u00ab<br \/>\n\u00bbNix Fernbus Berlin!\u00ab, sagt Brigitta \u00bbRaus hier!\u00ab<br \/>\nDie beiden Burschen zucken die Schulter, klettern aufreizend langsam die Stufen hinunter und verschwinden im Bahnhofsget\u00fcmmel.<br \/>\nEntgangen ist ihr, dass ein dritter Junge mit zur\u00fcckgeschlagener Kapuze durch die mittlere T\u00fcr in den Bus gestiegen ist. Freundlich hat er das auf der gegen\u00fcberliegenden Seite sitzende Ehepaar gegr\u00fc\u00dft. Die Frau starrt ihn an.<br \/>\n\u00bbDer ist aber jung, Helmut\u00ab, sagt sie und st\u00f6\u00dft ihren Mann mit dem Ellbogen an. \u00bbDer senkt unser Durchschnittsalter erheblich.\u00ab<br \/>\nDer Gatte wirft einen zerstreuten Blick auf die Nachbarbank, murmelt: \u00bbDas ist doch nur gut!\u00ab, und versenkt sich wieder in seine Zeitung.<br \/>\nAuch im hinteren Teil des Busses wird kurz ger\u00e4tselt \u00fcber das Interesse des jungen Mannes an den Sehensw\u00fcrdigkeiten Andalusiens, aber da der Gro\u00dfteil der Reisegruppe sich nicht untereinander kennt, ist man unsicher und traut sich nicht, den Jugendlichen anzusprechen. Der dunkle Teint, die schwarzen Augen lassen einen Migrationshintergrund vermuten und man will keinen rassistisch gef\u00e4rbten Vorurteilen aufsitzen, denn schlie\u00dflich sind sie alle gebildete Leute, kulturell interessiert und mit einer Vorliebe f\u00fcr Auslandreisen.<br \/>\nErst als ein pensionierter Lehrer beobachtet, dass der junge Mann sich aufrichtet und eine Jacke aus dem Netz \u00fcber dem Sitz nimmt, fragt er sich, wessen Jacke das wohl ist. Aber was geht ihn das an? Wenn die da drau\u00dfen unbedingt rauchen m\u00fcssen und nicht auf ihre Sachen aufpassen, sind sie\u00a0 selbst schuld. Er hat sich\u00a0 das Rauchen auch abgew\u00f6hnt. Reine Willensst\u00e4rke! Au\u00dferdem will er nicht als ausl\u00e4nderfeindlich abgestempelt werden. Hat der junge Mann einfach etwas in seiner Jackentasche vergessen? Das Smartphone vielleicht? Ohne Smartphone h\u00e4lt die heutige Jugend es doch sowieso nicht aus. So dauert es eine ganze Weile, bis eine Teilnehmerin Brigitta fragt, ob der junge Mann dort hinten auch mit nach Spanien f\u00e4hrt.<br \/>\n\u00bbWelcher junge Mann?\u00ab, fragt Brigitta und hechtet in den Bus, zw\u00e4ngt sich durch die im Mittelgang stehenden Teilnehmer ins hintere Ende und baut sich vor der von dem Jugendlichen besetzten Sitzbank auf.<br \/>\n\u00bbWas machst du hier? Wer bist du?\u00ab<br \/>\nDer Junge sieht sie mit einem leeren Blick an, zieht die Schultern hoch, sagt:<br \/>\n\u00bbFernbus? Nix Fernbus Berlin?\u00ab, springt auf, st\u00f6\u00dft Brigitta zur Seite. Er st\u00fcrmt zur mittleren, immer noch offenstehenden T\u00fcr, an der &#8211; wie Brigitte jetzt erst sieht &#8211; sein Kumpel wartet. Mit hochgezogenen Kapuzen rennen die jungen M\u00e4nner in den Fu\u00dfg\u00e4ngertunnel zur Innenstadt.<br \/>\n\u00bbHe, halt!\u00ab, schreit Brigitta, aber da sind die Jungen schon weg. Keiner der anwesenden M\u00e4nner hat die Geistesgegenwart, die Halbw\u00fcchsigen festzuhalten. Auch die Raucher drau\u00dfen stutzen, schauen den beiden Gestalten nach und dr\u00fccken langsam ihre Zigaretten aus. Im Bus das Geschrei: \u00bbMein Portemonnaie ist weg!\u00ab<br \/>\nNat\u00fcrlich fehlt nicht nur e i n Portemonnaie. Es fehlen mehrere Geldb\u00f6rsen und &#8211; was versch\u00e4rfend hinzukommt &#8211; es fehlen P\u00e4sse, Personalausweise, F\u00fchrerscheine und leider auch einige Flugtickets. Wie haben die Jugendlichen das in so kurzer Zeit geschafft, fragt sich Brigitta. Sind die Teilnehmer dieser Reisegruppe denn v\u00f6llig blind und verbl\u00f6det?<br \/>\nBrigitta greift zum Smartphone und ruft die Polizei an. In den zwanzig Minuten, die sie auf den Streifenwagen warten m\u00fcssen, versucht sie, den D\u00fcsseldorfer Flughafen zu erreichen. Wie soll ihre Reisegruppe ohne P\u00e4sse und Flugtickets nach Spanien kommen?<br \/>\nDie Flughafenangestellten zumindest sind hilfsbereit und machen sich daran,\u00a0 Ersatzpapiere anzufertigen. Die Polizisten dagegen zucken resigniert die Achseln. Trotz minuti\u00f6ser T\u00e4terbeschreibung &#8211; die \u00e4lteren Herrschaften haben eine verbl\u00fcffende Beobachtungsgabe &#8211; machen die Beamten den Opfern wenig Hoffnung, der Diebe habhaft werden zu k\u00f6nnen. Und minderj\u00e4hrig sind die wahrscheinlich auch, zumindest werden sie das behaupten, also wird der Richter sie wieder laufen lassen.<\/p>\n<p>Es wurde trotzdem eine sch\u00f6ne Reise. Zumindest f\u00fcr die Teilnehmer. Brigitta wunderte sich, als sie ein paar Tage nach der R\u00fcckkehr zu ihrem Chef gerufen wurde. Ein Teilnehmer hatte\u00a0 seinen Anwalt eingeschaltet, der Brigitta eine Verletzung der Aufsichtspflicht vorwarf und das Touristikunternehmen regresspflichtig machen wollte, da der Zwischenfall im Bus ihm die Urlaubsfreude geschm\u00e4lert habe. Er verlangte Schmerzensgeld. Dabei wusste Brigitta genau, er geh\u00f6rte er zu den wenigen, denen man nichts gestohlen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gro\u00dfe Reisebus mit dem Zielort D\u00fcsseldorf\/Flughafen f\u00e4hrt in eine der Parkbuchten hinter dem Essener Hauptbahnhof. Drei Uhr nachmittags, grauer Himmel, windig, aber trocken, lebhaftes Treiben in Richtung Innenstadt und Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Rollkoffer rumpeln \u00fcber das Pflaster, scheinen ihre in Richtung Gleise hetzenden Besitzer \u00fcberholen zu wollen. 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