{"id":1193,"date":"2016-03-23T20:47:24","date_gmt":"2016-03-23T18:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1193"},"modified":"2016-12-09T12:45:15","modified_gmt":"2016-12-09T10:45:15","slug":"hotel-mama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/hotel-mama\/","title":{"rendered":"Hotel Mama"},"content":{"rendered":"<p>Die Korbians trauten ihren Augen nicht, als sie sich am fr\u00fchen Sonntagnachmittag ihrem Haus n\u00e4herten. Sprachlos blieben sie im Wagen sitzen und starrten. Die Einfahrt war zugestellt mit umgekippten Fahrr\u00e4dern, Bierflaschen. Im Vorgarten zankten sich Kr\u00e4hen um die Essensreste auf den Papptellern. Die wei\u00dfe Eule, von Herrn Korbian liebevoll aus wei\u00dfem Tuffstein gehauen, war mit dem Kopf zuerst in ein Blumenbeet gerammt worden. Eins der K\u00fcchenfenster stand sperrangelweit offen. Kaum hatte Frau Korbian ihre langen Beine mit den hochhackigen Schuhen aus dem Auto geschwungen, riss schon eine Nachbarin das Fenster auf.<!--more--><br \/>\n\u00bbSchauen Sie sich das an\u00ab, keifte sie. \u00bbSo eine Sauerei. Wir mussten die Polizei rufen, der L\u00e4rm war unertr\u00e4glich. Das h\u00e4tte ich von Ihrem Alexander nicht gedacht.\u00ab<br \/>\n\u00bbNun lassen Sie uns erst einmal aussteigen, Frau M\u00fcller-Ehrfeld\u00ab, sagte Herr Korbian, hievte sich aus dem\u00a0 niedrigen Sitz seines Mazda und streckte \u00e4chzend sein Kreuz durch. \u00bbWir waren \u00fcbers Wochenende in den Bergen.\u00ab<br \/>\nMit diesen Worten nahm er den Ellbogen seiner Frau und steuerte ihre Schritte Richtung Haust\u00fcr, wo sie mit einem spitzen Schrei stehen blieb und auf ihre teueren Schuhe schaute, die in eine Pf\u00fctze aus Bier und Erbrochenem standen.<br \/>\n\u00bbPfui Teufel! Alexander, wo bist du?\u00ab, schrie sie, w\u00e4hrend sie die T\u00fcr aufschloss.<br \/>\nDrinnen herrschte Totenstille. Nichts bewegte sich. Her Korbian versuchte, die T\u00fcr zum Wohnzimmer zu \u00f6ffnen, was nur halb gelang, weil mehrere Lulatsche auf dem Teppich lagen &#8211; mit Designerkissen unterm Kopf &#8211; und offensichtlich ihren Rausch ausschliefen. Die Musikanlage brummte noch.<br \/>\n\u00bbAlexander!\u00ab Nun br\u00fcllte auch Herr Korbian.<br \/>\nSeine Frau hatte die St\u00f6ckelschuhe angewidert von den F\u00fc\u00dfen geschleudert und rannte die Treppe zum ersten Stock empor. Die Schlafzimmert\u00fcr stand offen, und zwischen den Seidenbez\u00fcgen hatte es sich ein P\u00e4rchen bequem gemacht. Eng aneinander gekuschelt schliefen sie vor sich hin, ein leises Schnarchen kam aus dem Mund der jungen Frau. Oder war es nur ein M\u00e4dchen? Frau Korbian st\u00fcrzte in das Zimmer ihres Sohnes und hatte M\u00fche, zwischen den umgekippten Schnapsleichen ihren Sohn zu entdecken. Um Gottes willen, Alkoholvergiftung? Musste sie einen Arzt rufen? Versto\u00df gegen die Aufsichtspflicht? Waren die \u00bbKinder\u00ab \u00fcberhaupt alle vollj\u00e4hrig? Sie r\u00fcttelte an Alexanders Arm. \u00bbAufwachen! Aufwachen! Verdammt!\u00ab<br \/>\nAlexander \u00f6ffnete verwirrt die Augen und kam dann mit einem Ruck in die Senkrechte.<br \/>\n\u00bbGott, Mama. Seid Ihr schon da? Ich dachte, dachte &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbAlexander, zieh dir was \u00fcber und komm sofort in mein Arbeitszimmer!\u00ab Herr Korbian war an der T\u00fcrschwelle erschienen.<br \/>\n\u00bbMann, Papa, da schlafen doch auch welche.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas, in meinem Arbeitszimmer?\u00ab<br \/>\n\u00bbDie konnten doch gestern Nacht nicht nach Hause fahren. Weil, weil &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbWeil die besoffen waren? Los, spuck`s aus. Habt ihr meine Whisky-Vorr\u00e4te gepl\u00fcndert?\u00ab<br \/>\n\u00bbEs ist doch, war doch &#8230; meine Abschiedsf\u00eate!\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd das gibt euch das Recht, dieses Chaos hier anzurichten? Sich an fremdem Eigentum zu vergreifen?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch hab doch nicht, hab doch nicht &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbNun \u00fcbertreib mal nicht, Richard\u00ab, sagte Frau Korbian.<br \/>\n\u00bbNimm ihn jetzt blo\u00df noch in Schutz, deinen kleinen Liebling, dann dreh ich durch!\u00ab<br \/>\n\u00bbRichard!\u00ab<br \/>\n\u00bbRichard, Richard!\u00ab, \u00e4ffte er sie nach. \u00bbUnd du Alexander, dir gebe ich zehn Minuten, und dann sind alle deine, deine &#8230; Freunde und Freundinnen hier verschwunden. Spurlos! Und in einer Stunde ist das Haus wieder tipptopp.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber Papa, mein Flieger geht &#8230; Ich muss noch &#8230;!\u00ab<br \/>\n\u00bbMir egal! Dann bleibst du hier!\u00ab<br \/>\n\u00bbBleib ich nicht!\u00ab Auf einmal ist Alexander hellwach. \u00abMeine Gastfamilie erwartet mich am Flughafen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWenn du dich da so auff\u00fchrst, schicken die dich sowieso wieder nach Hause!\u00ab<br \/>\n\u00bbPapa, das war eine Ausnahme! Das wei\u00dft du!\u00ab Ich habe noch nie, nie &#8230;\u00ab<br \/>\nMittlerweile waren auch die anderen Jugendlichen wach geworden und r\u00e4umten schweigend ihren Kram zusammen.<br \/>\n\u00abMacht blo\u00df, dass ihr rauskommt. Dalli, dalli. Mit euren Eltern werde ich wohl noch ein ernstes Wort reden m\u00fcssen.\u00ab<br \/>\n\u00bbPapa, das sind meine G\u00e4ste!\u00ab<br \/>\n\u00bbSch\u00f6ne G\u00e4ste. Die das Eigentum anderer Leute zerst\u00f6ren.\u00ab<br \/>\n\u00bbPapa, ich r\u00e4um ja auf. \u00bb<br \/>\n\u00bbWill ich auch hoffen!\u00ab<br \/>\n\u00bbDicke Luft. Wir hauen besser ab\u00ab, sagte ein bleicher Lulatsch zu seiner Freundin und zog an ihrem \u00c4rmel.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte das M\u00e4dchen und wandte sich an Frau Korbian. \u00abWir helfen!\u00ab<br \/>\n\u00bbDanke, Sabine!\u00ab, sagte Frau Korbian, die die Nachbarstochter erkannte. \u00abDas ist nett von dir!\u00ab<br \/>\n\u00bbNett von ihr? Ich h\u00f6r wohl nicht recht. Nett von ihr?\u00ab Herr Korbian geriet immer mehr in Rage. \u00bbIch bestelle den Putzdienst. Und eure Eltern kriegen die Rechnung!\u00ab<br \/>\n\u00bbNun ist aber gut, Richard\u00ab, sagte Frau Korbian. \u00bbAlexander, h\u00f6r zu! Papa und ich machen jetzt einen Spaziergang. In zwei Stunden ist hier aufger\u00e4umt und geputzt. Ob mit oder ohne deine Freunde ist mir egal. Auf jeden Fall wollen wir dann keinen mehr hier sehen.\u00ab Sie schob ihren Mann aus dem Zimmer.<br \/>\n\u00bbMeine G\u00fcte, dein Alter ist ja krass drauf\u00ab, murmelte einer der jungen M\u00e4nner. \u00abAls ob der fr\u00fcher nicht auch mal einen gekippt hat. Aber das vergessen diese Spie\u00dfer ja!\u00ab<br \/>\n\u00bbHalt die Klappe\u00ab, sagte Alexander. \u00bbHol lieber den Staubsauger! Und den Putzeimer!\u00ab<\/p>\n<p>Am Abend sa\u00dfen sie auf der Couch. Herr Korbian schaute ein Fu\u00dfballspiel. Er hatte sich geweigert, Alexander zum Flughafen zu fahren. Seine Frau hielt ein Buch in den H\u00e4nden, versuchte zu lesen. Wenn sie die Augen zumachte, sah sie sich auf dem Parkplatz\u00a0 stehen. Mit brennenden Augen und zugeschn\u00fcrter Kehle, unf\u00e4hig, ein Wort zu sagen.<\/p>\n<p>\u00bbMama\u00ab, sagt er. Legt die Hand auf ihre Schulter.<br \/>\nSie zuckt zur\u00fcck, streift seinen Arm ab. Er l\u00e4sst die Schultern sinken.<br \/>\n\u00bbMama!\u00ab<br \/>\nSie macht sich los. \u00bbGeh\u00ab, sagt sie.<br \/>\n\u00bbKommst du nicht mit zum Gate??\u00ab<br \/>\n\u00bbNein!\u00ab<br \/>\nEr versucht noch einmal, sie zu umarmen.<br \/>\n\u00bbGeh\u00ab, wiederholt sie \u00bbHeute morgen, das hat mir gereicht. Geh!\u00ab<br \/>\nEr senkt er den Kopf wie ein kleiner Junge.<br \/>\n\u00bbWiedersehen\u00ab, sagt er.<br \/>\n\u00bbWiedersehen\u00ab, sagt sie.<br \/>\n\u00bbIch rufe an, wenn ich da bin\u00ab, sagt er.<br \/>\n\u00bbIst gut\u00ab, sagt sie.<br \/>\nSie schaut ihm nach, wie er &#8211; den Koffer hinter sich herziehend &#8211; in der Abflughalle verschwindet.<br \/>\nSie seufzt, entkorkt die Wei\u00dfweinflasche.\u00a0 Sie sch\u00fcttet ein Glas in sich hinein. Es ist still im Haus. Die Wanduhr tickt.\u00a0 Kein Streit mehr. Sie wird die Ruhe genie\u00dfen. Der K\u00fchlschrank wird nicht mehr leergefressen werden von seinen Kumpeln. Kein Lehrer wird mehr anrufen, weil der Sohn geschw\u00e4nzt hat. Keine Geldforderungen \u00bbMama, kannst du mir mal eben &#8230;\u00ab Sie wird keinen unbekannten, halbnackten M\u00e4dchen mehr begegnen, wenn sie nachts auf die Toilette muss. Sie wird das neue Sofa bestellen, in das alte hat er mit seinen Zigaretten L\u00f6cher gebrannt.<br \/>\nSie legt sich zur\u00fcck, steckt den rechten Zeigefinger in ein Brandloch, bohrt hinein. F\u00e4ngt an zu weinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Korbians trauten ihren Augen nicht, als sie sich am fr\u00fchen Sonntagnachmittag ihrem Haus n\u00e4herten. Sprachlos blieben sie im Wagen sitzen und starrten. Die Einfahrt war zugestellt mit umgekippten Fahrr\u00e4dern, Bierflaschen. Im Vorgarten zankten sich Kr\u00e4hen um die Essensreste auf den Papptellern. 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