{"id":1186,"date":"2016-02-20T21:05:44","date_gmt":"2016-02-20T19:05:44","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1186"},"modified":"2017-01-27T18:18:49","modified_gmt":"2017-01-27T16:18:49","slug":"kehrwieder-eck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/kehrwieder-eck\/","title":{"rendered":"Kehrwieder Eck"},"content":{"rendered":"<p>Die Sonne ist durchgebrochen, hat sich aus den dunkel dahinjagenden Wolken hervorgek\u00e4mpft und malt helle Flecke auf die Holzplatte. Wir sitzen am runden Bistrotisch und r\u00fchren in unserem Latte Macchiato. Bitter und s\u00fc\u00df schmeckt der Espresso, den wir mit einem Strohhalm durch die aufgesch\u00e4umte Milch schl\u00fcrfen. Wir haben uns von den Landungsbr\u00fccken durch Wind und K\u00e4lte weitergek\u00e4mpft zu diesem kleinen Lokal am Kehrwieder Eck, zu der Spitze der Speicherstadt, die hinausragt in das Hafengebiet. Die Scheiben des Caf\u00e9s gehen hinunter bis zum Boden und die wenigen G\u00e4ste genie\u00dfen einen freien Blick auf die Wuling im Hamburger Hafen.<!--more--><br \/>\nDas Wasser l\u00e4uft ab, der Wind kommt aus Nordwest, so dass die Oberfl\u00e4che kabbelig ist, kurze steile Wellen, vor ein paar Minuten noch dunkelgrau wie der Himmel, nun bl\u00e4ulich schimmernd mit vereinzelt wei\u00dfen Hauben auf der D\u00fcnung. Vom anderen Elbufer aus hat die Sonne ein helles Dreieck auf das Wasser gelegt, wobei die\u00a0 schimmernde Spitze sich mit der ins Wasser ragenden Ecke der Kaimauer trifft. Zwei gleichschenkelige Dreiecke, die an den Spitzen aneinanderh\u00e4ngen und doch in ewiger Bewegung sind, abh\u00e4ngig vom Spiel des Windes, der die Wolken in rascher Folge \u00fcber den Himmel treibt.<br \/>\nAuf der linken Seite der Kaimauer hat ein Tankboot festgemacht mit wei\u00dfem Aufbau und grauen, kreuz und quer laufenden Rohren. Zwei M\u00e4nner, beide in blau-rotem \u00d6lzeug und schwarzen Pudelm\u00fctzen, kontrollieren die Ventile. Auf und ab tanzt das Boot im Wasser, die M\u00e4nner gehen routiniert breitbeinig \u00fcber das Deck, in den H\u00e4nden gro\u00dfe Schraubenzieher und Rohre, \u00fcber ihnen das Kr\u00e4chzen der M\u00f6wen, die nicht aufgeben, nach Essbarem Ausschau zu halten. Am andern Ufer ein Industriegel\u00e4nde, offensichtlich eine Raffinerie mit grauen, runden Tanks und einem Gewirr von R\u00f6hren und Leitungen. Beschienen von der Sonne haben sie einen Teil ihrer H\u00e4sslichkeit verloren.<\/p>\n<p>Etwas weiter nach Norden die beiden \u00bbMusic-Halls\u00ab &#8211; das gelb-braune Zeltdach f\u00fcr den \u00bbHerrn der L\u00f6wen\u00ab, daneben mit silbrig gl\u00e4nzender Haube die Arena f\u00fcr \u00bbDas Wunder von Bern\u00ab. Beides Publikumsmagneten. Die Kraft der Bilder, die Gef\u00fchligkeit der eing\u00e4ngigen Melodien locken Jahr f\u00fcr Jahr Tausende von Touristen nach Hamburg. Sei nicht so arrogant, schelte ich mich, \u00bbCats\u00ab hat auch dich beeindruckt und bei dem zu Herzen gehenden Hit \u00bbMemory\u00ab hattest du Tr\u00e4nen in den Augen, damals vor vierzig Jahren in Detroit.<br \/>\nDer Verkehr auf der Elbe ist turbulent, tief im Wasser liegende Binnenschiffe tuckern den Fluss hinauf und hinunter, Hafenrundfahrt-Boote schie\u00dfen aus Seitenarmen, so dass der Betrachter den Atem anh\u00e4lt, weil er einen Zusammensto\u00df bef\u00fcrchtet. Unsinn, auch auf dem Wasser gibt es strenge Vorfahrtsregeln. Wie habe ich vor drei Jahren gezittert, als wir mit der alten \u00bbZeehond\u00ab die Elbe aufw\u00e4rts kreuzten, um den jetzt vor uns liegenden Yachthafen zu erreichen, in dem zur Zeit nur zwei einsame Boote vor sich hinschaukeln. Riesige Containerschiffe stampften in der Fahrrinne, Barkassen, Ausflugsboote, F\u00e4hren knatterten mit aufgedrehtem Diesel und drohendem Tr\u00f6ten von einem Ufer zum andern, dazwischen Hunderte von Seglern, die bei dem sommerlichen Wetter und steifer Brise ihren Sonntagt\u00f6rn auf der Elbe machten. Nassgeschwitzt vor Anstrengung waren wir, als wir endlich in einer freien Box im Hafen anlegen konnten und die rauen Festmacherleinen durch unsere H\u00e4nde glitten. Tagelang haben wir uns nicht mehr aus dem Hafen getraut, haben an Bord gesessen, begleitet von dem n\u00e4hmaschinenartigen Brummen des kleinen Wasserflugzeugs. Ein \u00e4lterer, freundlicher Pilot bot Rundfl\u00fcge \u00fcber den Hafen. Rauf, runter, rauf, runter, es schien alles so einfach und routiniert. Wie entsetzt waren wir, als wir zu Hause im <em>Weser Kurier<\/em> lasen, dass der Flieger abgest\u00fcrzt war, alle drei Insassen tot.<br \/>\nIch verdr\u00e4nge die d\u00fcsteren Gedanken, schaue mir den gefakten Mississippi-Dampfer gegen\u00fcber an, alles in Wei\u00df und Blau, riesige Schaufelr\u00e4der &#8211; alles wohl Attrappe, aber sehr beliebt f\u00fcr einen sommerlichen Ausflug auf der Elbe. Huckleberry Finn- Feeling.<br \/>\nWeiter hinten die Landungsbr\u00fccken, leer die Stege und weit entfernt von den Fotografien in den Hafenkneipen, die die gro\u00dfen Ozeanriesen zeigen und Hunderte von Auswanderern und Touristen, die die Gangways zu den Schiffen bev\u00f6lkerten. Fernweh ist noch zu sp\u00fcren auf den Bildern und Abschiedsschmerz und jubelnde Wiedersehensfreude. \u00bbJunge, komm bald wieder &#8230;\u00ab Nein, das war nicht Hans Albers, das war Freddy Quinn. Die Musical-Helden von damals.<br \/>\nAuf dem \u00f6stlichen Elbhang stehen neue mehrgeschossige Apartmenth\u00e4user in elegantem Grau, eine Spitzenlage f\u00fcr die Anwohner, exklusiv und teuer. Dar\u00fcber der graue, runde Turm von Sankt Michaelis, dem \u00bbMichel\u00ab, Wahrzeichen von Hamburg. Der Wind tr\u00e4gt den Klang der mitt\u00e4glichen Glocken bis in die Speicherstadt. Vor einer Stunde haben wir noch auf der h\u00f6lzernen Kirchenbank gesessen, haben \u00fcber die Helligkeit des Raums, das strahlende Wei\u00df der W\u00e4nde gestaunt, dezentes Blattgold an den R\u00e4ndern. Wir trinken den dritten Kaffee. Die Sonne hat sich wieder verkrochen. Der Wind pfeift durch die schmalen Kan\u00e4le der Speicherstadt. Ich ziehe den Rei\u00dfverschluss am Anorak hoch, binde den Schal fest, zerre die M\u00fctze \u00fcber den Kopf. Der Sturm hat zugenommen, der salzige Geruch l\u00e4sst die Nordsee ahnen. Vielleicht sollten wir doch in das Eisenbahnmuseum gehen. Dort ist es sch\u00f6n warm. Und leckere Currywurst gibt es dort auch.<\/p>\n<p>4 600 Z.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne ist durchgebrochen, hat sich aus den dunkel dahinjagenden Wolken hervorgek\u00e4mpft und malt helle Flecke auf die Holzplatte. Wir sitzen am runden Bistrotisch und r\u00fchren in unserem Latte Macchiato. Bitter und s\u00fc\u00df schmeckt der Espresso, den wir mit einem Strohhalm durch die aufgesch\u00e4umte Milch schl\u00fcrfen. 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