{"id":1179,"date":"2016-02-09T17:36:12","date_gmt":"2016-02-09T15:36:12","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1179"},"modified":"2018-09-12T19:47:27","modified_gmt":"2018-09-12T17:47:27","slug":"on-schedule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/on-schedule\/","title":{"rendered":"On schedule"},"content":{"rendered":"<p>Das elegante Paar Anfang 50 ist offensichtlich sp\u00e4t dran. Der Mann st\u00fcrmt im Eilschritt durch die sich automatisch \u00f6ffnende Glast\u00fcr in die lichtdurchflutete Abflugshalle des Lissaboner Flughafens, einen dunkelblauen Rolli hinter sich herzerrend.<br \/>\n\u00bbBeeil dich! Die haben uns bestimmt schon ausgerufen.\u00ab Er dreht kurz den Kopf zu seiner Frau, die im elegant geschnittenen lachsroten Sommerkleid auf ihren hohen Abs\u00e4tzen hinter ihm herstolpert. \u00abDass du auch nie rechtzeitig fertig wirst!\u00ab<!--more--><br \/>\nDie Frau sagt kein Wort, blickt angestrengt nach vorn und schiebt mit der linken Hand den abgerutschten Gurt ihres Kosmetikkoffers \u00fcber die Schulter. Erst als sie sich der grauen Edelstahlwand der sich \u00f6ffnenden und schlie\u00dfenden Fahrstuhlt\u00fcren n\u00e4hern, bleibt sie abrupt stehen wie ein bockendes Pferd und zischt: \u00bbIch geh da nicht rein. Das wei\u00dft du!\u00ab<br \/>\n\u00bbNun mach nicht wieder so ein Theater!\u00ab Der Mann kommt zur\u00fcck, packt die Frau am Arm und versucht, sie durch die T\u00fcr zu dr\u00e4ngen. \u00bbF\u00fcr deine M\u00e4tzchen ist es zu sp\u00e4t!\u00ab<br \/>\nDie Frau wehrt sich, das Gesicht panisch verzerrt, doch er ist st\u00e4rker. Sie wird zusammen mit dem Rollkoffer in den Lift gezogen. Mit dem rechten Arm nagelt er sie f\u00f6rmlich an der Seitenwand fest. Mit der freien Hand tastet er nach den Kn\u00f6pfen und dr\u00fcckt auf die schwarze Drei: dritte Ebene.<br \/>\nEhe sich die automatische T\u00fcr schlie\u00dft, springt ein braungebrannter, junger Mann in Kapuzenshirt, Surfershorts und Plastikschlappen durch die L\u00fccke und japst: \u00bbGeschafft!\u00ab Er sieht den Mann an, der seine Frau an den Schultern h\u00e4lt, und sagt: \u00bbSind Sie auch so sp\u00e4t dran? Flieger nach D\u00fcsseldorf?\u00ab Der Mann nickt abweisend, seine Frau ist wei\u00df wie die Wand.<br \/>\n\u00bbGeht es Ihrer Frau nicht gut?\u00ab<br \/>\n\u00bbMeine Frau hat Platzangst. Fahrst\u00fchle sind ihr ein Horror\u00ab, brummt der Mann. \u00bbAber dann darf sie nicht so tr\u00f6deln vor dem Flug. Rei\u00df dich jetzt zusammen, Magdalena. Nur noch ein Stockwerk.\u00ab<br \/>\nDer Surfer runzelt die Stirn. \u00bbKenn ich, das Gef\u00fchl. Ich hasse sogar das Fliegen. Aber ich muss da durch. In Guincho steht die beste Welle. Geile Tubes.\u00ab<\/p>\n<p>Der Aufzug h\u00e4lt mit einem Ruck an. Die Frau schreit auf, gleichzeitig geht das Licht aus. Es wird stockdunkel.<br \/>\n\u00bbAuch das noch!\u00ab, sagt der Surfer und tastet nach dem Notrufknopf. Dr\u00fcckt sein Ohr an die Sprechanlage. Nichts.<br \/>\nDie Frau kauert sich auf den Boden. Sie schl\u00e4gt die H\u00e4nde vors Gesicht und wimmert vor sich hin.<br \/>\n\u00bbH\u00f6r auf!\u00ab, sagt der Mann. \u00bbDu machst uns noch alle verr\u00fcckt!\u00ab<br \/>\n\u00bbSicher geht es gleich weiter\u00ab, sagt der Surfer und dr\u00fcckt wieder auf den Notruf. \u00bbVerdammt, der Flieger wird nicht warten. Sie haben uns sicher schon ausgerufen.\u00ab<br \/>\nDer Mann h\u00e4mmert mit den F\u00e4usten gegen die T\u00fcr.<br \/>\n\u00bbWir stecken zwischen zwei Etagen\u00ab, sagt der Surfer. \u00abUns h\u00f6rt hier erst einmal niemand.\u00ab<br \/>\nDie Frau kriecht \u00fcber den Boden. \u00bbHilfe!\u00ab, japst sie.\u00abHilfe! Ich kriege keine Luft!\u00ab<br \/>\nDer Surfer kniet sich zu ihr. \u00bbGanz ruhig\u00ab, sagt er. \u00bbAtmen. Ausatmen. Versuchen Sie, gut auszuatmen.\u00ab Er hilft ihr, sich auf den R\u00fccken zu drehen, schiebt ihr seine Jacke unter den Kopf, legt ihr die H\u00e4nde auf den Bauch. \u00bbMan wird uns sicher bald helfen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDer Flieger ist weg!\u00ab, sagt der Mann w\u00fctend. \u00bbDas Geld hole ich mir wieder! Portugiesische Inkompetenz. Nichts funktioniert in diesem Land!\u00ab<br \/>\n\u00bbIhre Schimpferei n\u00fctzt jetzt auch nichts!\u00ab, sagt der Surfer. \u00bbHelfen Sie lieber Ihrer Frau!\u00ab<br \/>\n\u00bbDie soll sich zusammenrei\u00dfen. Uns gef\u00e4llt es hier auch nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbWenn man in einer Tube vom Brett f\u00e4llt und die Wassermassen einen \u00fcberrollen, dann geht es ums Atmen\u00ab, sagt der junge Mann. \u00bbBlo\u00df nicht in Panik geraten!\u00ab<br \/>\n\u00bbSie haben gut reden\u00ab, die Stimme der Frau ist kaum zu verstehen.<br \/>\n\u00bbWarten Sie, ich gebe den Rhythmus vor\u00ab, sagt der Surfer. \u00bbEin, aus! Ein, aus! Z\u00e4hlen Sie: einundzwanzig, zweiundzwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig! Tief in den Bauch atmen! Geht`s?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa\u00ab, sagt die Frau und richtet sich halb an der Wand auf.<br \/>\n\u00bbVerdammt noch mal!\u00ab, sagt der Mann und haut auf die Kn\u00f6pfe. \u00bbDie m\u00fcssen doch merken, dass ein Fahrstuhl feststeckt. Ich werde meinem Anwalt &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbH\u00f6r auf zu br\u00fcllen\u00ab, sage die Frau leise. Sie schaut den Surfer an. \u00bbDanke!\u00ab<br \/>\nDie n\u00e4chsten zwanzig Minuten verbringen die drei Menschen auf dem Boden sitzend im Dunklen. Die ruhige Stimme des jungen Mannes, der unbeirrt weiterz\u00e4hlt, gleichm\u00e4\u00dfige Atemz\u00fcge. Pl\u00f6tzlich wird es wieder hell und der Fahrstuhl ruckt an.<\/p>\n<p>In der oberen Flughafenhalle herrscht\u00a0 gespenstische Stille. Schweigend sitzen die Menschen auf B\u00e4nken, St\u00fchlen und Gep\u00e4ckst\u00fccken. Die jungen Frauen hinter den Eincheck-Schaltern bewegen sich wie Schlafwandlerinnen.<br \/>\nJa, die Maschine von Lissabon nach D\u00fcsseldorf ist p\u00fcnktlich gestartet. Ja, der Start verlief problemlos. Warum das Flugzeug kurz hinter der spanischen Grenze vom Radar verschwand, kann niemand erkl\u00e4ren. Es wurde kein Funkspruch abgesetzt . Die Luftfahrtbeh\u00f6rde bef\u00fcrchtet das Schlimmste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das elegante Paar Anfang 50 ist offensichtlich sp\u00e4t dran. Der Mann st\u00fcrmt im Eilschritt durch die sich automatisch \u00f6ffnende Glast\u00fcr in die lichtdurchflutete Abflugshalle des Lissaboner Flughafens, einen dunkelblauen Rolli hinter sich herzerrend. \u00bbBeeil dich! 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