{"id":1122,"date":"2016-01-03T17:00:39","date_gmt":"2016-01-03T15:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1122"},"modified":"2017-02-11T21:31:22","modified_gmt":"2017-02-11T19:31:22","slug":"nach-dem-konzert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nach-dem-konzert\/","title":{"rendered":"Nach dem Konzert"},"content":{"rendered":"<p>Minutenlanger Applaus. Bravo-Rufe. Trampeln. Cecilia Bartoli wird immer wieder auf die B\u00fchne zur\u00fcckgeklatscht. Singt eine Zugabe, zwei. Auch das Orchester steht immer wieder auf, verbeugt sich, wenn die kleine temperamentvolle Ada Pesch vom Stuhle springt und den Geigenbogen in die Luft wirbelt. Als sich endlich die T\u00fcr zur Garderobe hinter der Diva und den Musikern schlie\u00dft, sind wohl beide Parteien ersch\u00f6pft: die K\u00fcnstler vom Singen und Musizieren, die Menschen im Saal vom Zuh\u00f6ren und Applaudieren.<br \/>\nBeschwingt geht Sabrina durch die Vorhalle zur Garderobe, um sich ihren braunen Webpelzmantel vom Haken zu holen und durch K\u00e4lte und Wind zum Bahnhof zu eilen. Den Zug will sie\u00a0 in dieser Nacht unbedingt erreichen<!--more--><br \/>\nEs wird knapp mit der Zeit und sie ist froh, als eine Bekannte sie am Ausgang anspricht und ihr anbietet, sie im Auto mit nach Bremen-Nord zu nehmen, denn sie wohne ja \u00bbgleich um die Ecke\u00ab.<br \/>\nDrau\u00dfen ist es winterlich kalt, ein leichtes Schneetreiben hat eingesetzt, und Sabrina ist dankbar, sich in ein warmes Auto kuscheln zu k\u00f6nnen. Vor ihrer Haust\u00fcr angekommen, bedankt sie sich \u00fcberschw\u00e4nglich, verspricht, sich demn\u00e4chst zu revanchieren und winkt dem davonfahrenden Auto noch kurz nach, ehe sie in ihrer Manteltasche nach dem T\u00fcrschl\u00fcssel kramt. Und kramt. Und kramt. In ihrer Verzweiflung das Futter beider Taschen nach au\u00dfen dreht. Nichts. Gar nichts. Noch nicht einmal eines ihrer hei\u00dfgeliebten Werther`s Original Sahnebonbons ist zu finden. In ihrer Verzweiflung st\u00fclpt sie auch die kleine schwarze Theatertasche aus. Zum Gl\u00fcck funktioniert der Bewegungsmelder vor ihrer T\u00fcr, so dass sie nicht auf Knien vor der T\u00fcrschwelle herumrutschen muss, um im Dunklen Portemonnaie, Lippenstift, Kalender und Haarb\u00fcrste wieder einzusammeln. Nur &#8211; der Hausschl\u00fcssel ist nicht in dem T\u00e4schchen, eine Tatsache, die ihr durchaus bewusst war, ehe sie sie auskippte. Schlie\u00dflich hat sie ja die Haust\u00fcrschl\u00fcssel bewusst in der Manteltasche gelassen, da das kleine Luxus-Teil sowieso schon platzt mit seinem vollgestopften Innenleben. Fluchend packt sie alles wieder ein. Was nun? Ihr Mann ist auf einem \u00c4rzte-Kongress, die Tochter schl\u00e4ft bei einer Freundin (Freundin hat die 16-J\u00e4hrige doch gesagt, oder? Auch egal). Der Sohn ist zum Sommersemester ausgezogen. Nun steht sie hier drau\u00dfen mutterseelenallein in der K\u00e4lte herum. Sie m\u00f6chte heulen vor Verzweiflung und Wut.<br \/>\nDann aber f\u00e4llt ihr ein, dass ihr ordentlicher und weitblickender Mann ihr neulich gesagt hat, wo der Ersatzschl\u00fcssel versteckt ist. Hat er. Aber was hat er gesagt? Sie hat &#8211; wie so oft &#8211; nicht wirklich hingeh\u00f6rt, ist mit den Gedanken ganz wo anders gewesen. Vielleicht f\u00e4llt es ihr wieder ein, wenn sie ums Haus geht. Mit ihren St\u00f6ckelschuhen balanciert sie vorsichtig \u00fcber den glatten Boden &#8211; sie wird sich doch jetzt nicht noch zu allem \u00dcberfluss die Beine brechen -, umrundet hinkend den gro\u00dffl\u00e4chigen Bungalow und kommt vorne auf die Einfahrt zur\u00fcck. Merde, wo ist nur&#8230;.und da &#8211; ein Geistesblitz. Irgendwas mit Gartenhaus hat er gesagt. Ja, Gartenhaus.\u00a0 Sie ist sich ganz sicher. Aber wahrscheinlich hat eins der lieben Kinder den Schl\u00fcssel sowieso schon benutzt und ihn nicht wieder hingeh\u00e4ngt. Bei d e r Mutter, w\u00fcrde ihr Mann sagen. Seine Gene seien es jedenfalls nicht, die immer wieder das h\u00e4usliche Zusammenleben chaotisierten.<br \/>\nAuf jeden Fall zur\u00fcck zum Gartenhaus und nachschauen. In einem kleinen Marmeladenglas in der Werkzeugkiste, hat er gesagt. Genau! Nach kurzer Zeit h\u00e4lt Sabrina tats\u00e4chlich das Glas in der Hand, sch\u00fcttelt es, ja, gottseidank, der Schl\u00fcssel rappelt gegen die Glaswand. Sie kann ihr Gl\u00fcck kaum fassen.<br \/>\nMittlerweile sind ihre H\u00e4nde trotz der Handschuhe eiskalt, sie f\u00fchlt ihre Finger kaum noch. Sie dreht am Deckel des Marmeladenglases. Geht nicht. Der Deckel bewegt sich keinen Millimeter. Wie rum ? Rechts? Nein, links? Schiet, warum kann sie sich das nie merken.Sie zieht die Handschuhe aus. Dreht so heftig sie kann, bis sie glaubt, ihr Kopf platzt. Nichts r\u00fchrt sich. Entnervt schmei\u00dft sie das Glas auf die geflieste Terrasse. Das ist die L\u00f6sung: Es kracht, Glas splittert in alle Richtungen, der Schl\u00fcssel rutscht \u00fcber die Steine.<br \/>\nIm selben Moment wird das Fenster im Nachbarhaus ge\u00f6ffnet und eine keifende Stimme schreit:<br \/>\n\u00bbHilfe! Einbrecher! Hilfe!.\u00ab<br \/>\nEs gibt Momente im Leben, denkt Sabrina, da w\u00fcrde man gerne mit Rumpelstilzchen tauschen. Auf den Boden stampfen und im Loch verschwinden.<br \/>\n\u00bbIch bin es, Frau Schnarrenberger. Mir ist nur eine Wasserflasche aus der Hand gefallen.\u00ab Ob die das schluckt, diese neugierige Alte?<br \/>\n\u00bbAch, Sie sind das, Frau L\u00fcders! Ich dachte schon, es seien Einbrecher. N\u00e4chstes Mal bitte ein bisschen leiser, wenn Sie so sp\u00e4t nach Hause kommen. Es gibt Menschen, die um diese Zeit schlafen.\u00ab<br \/>\n\u00bbEntschuldigung, Frau Schnarrenberger. Soll nicht wieder vorkommen.\u00ab<br \/>\nEin Fenster knallt zu und Sabrina schl\u00e4gt sich auf den Mund, um nicht laut \u00bbalte Hexe\u00ab hinterherzurufen. Dabei betont die Polizei doch immer, die beste Prophylaxe gegen Einbruch sei eine kontrollierende Nachbarschaft. Die hat sie.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen ruft Sabrina im Theater an, um herauszufinden, ob man die Schl\u00fcssel gefunden hat. Die energische Frau am Telefon l\u00e4sst sie gar nicht zu Wort kommen.<br \/>\n\u00bbSie wollen sicher den Mantel zur\u00fcckgeben. Eine unsch\u00f6ne Sache. Die Besitzerin hat gestern Abend noch eine volle Stunde an der Garderobe gewartet, weil sie dachte, der Irrtum m\u00fcsste doch bemerkt werden.<br \/>\n\u00bbFalscher Mantel?\u00ab, stottert Sabrina. \u00bbMeine Schl\u00fcssel&#8230;.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, ja, die sind auch im Mantel!\u00ab<br \/>\nV\u00f6llig verwirrt l\u00e4sst sich Sabrina die Telefonnummer der angeblich rechtm\u00e4\u00dfigen Besitzerin des Kunstpelzes geben. Eine Studienr\u00e4tin vom Alten Gymnasium. Die ist gar nicht \u00bbamused\u00ab.<br \/>\n\u00bbDas merkt man doch, wenn man einen falschen Mantel anzieht.\u00ab<br \/>\n\u00bbMeiner ist doch auch braun. Und Kunstpelz und dreiviertellang.\u00ab<br \/>\n\u00bbIhr Mantel sieht v\u00f6llig anders aus. Ist k\u00fcrzer. V\u00f6llig anderes Braun, viel dunkler\u00ab, sagt die Frau emp\u00f6rt. \u00bbSind Sie blind?\u00ab<br \/>\n\u00bbEin bisschen\u00ab, stammelt Sabrina. &#8222;Meine Beobachtungsgabe ist nicht die beste. Ich komme sofort vorbei und bringe Ihnen den Mantel.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch habe alle Bonbons gelutscht, die in &#8230;\u00ab, h\u00f6rt Sabrina sie noch sagen, ehe sie auflegt.<br \/>\nSie hetzt los, kauft einen riesigen Blumenstrau\u00df und macht sich zerknirscht auf den Weg in die Innenstadt. Meine G\u00fcte, wie peinlich. Und wenn sie erst beichten muss, dass sie im n\u00e4chsten Halbjahr Kolleginnen sein werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Minutenlanger Applaus. Bravo-Rufe. Trampeln. Cecilia Bartoli wird immer wieder auf die B\u00fchne zur\u00fcckgeklatscht. Singt eine Zugabe, zwei. Auch das Orchester steht immer wieder auf, verbeugt sich, wenn die kleine temperamentvolle Ada Pesch vom Stuhle springt und den Geigenbogen in die Luft wirbelt. Als sich endlich die T\u00fcr zur Garderobe hinter der Diva und den Musikern [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1122","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1122"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1361,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122\/revisions\/1361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}