{"id":1116,"date":"2016-01-03T16:31:07","date_gmt":"2016-01-03T14:31:07","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1116"},"modified":"2016-08-08T20:32:42","modified_gmt":"2016-08-08T18:32:42","slug":"du-hast-aber-lange-gebraucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/du-hast-aber-lange-gebraucht\/","title":{"rendered":"Spaziergang im Park"},"content":{"rendered":"<p>Es war klar, die Rente von Krupp reichte vorne und hinten nicht, daran \u00e4nderte auch das Weihnachtspaket der Firma nichts, das p\u00fcnktlich in der Woche vor Weihnachten vom Postboten abgeliefert wurde. Es stand f\u00fcr Ella sowieso nicht zur Debatte, ihre Mutter ins Altenheim zu bringen. Die alte Frau hatte zwei Kriege erlebt, den Mann und zwei S\u00f6hne vor Stalingrad verloren. Die Witwenrente war knapp, also zog Oma mit ein, als die Familie Mitte der 50er Jahre eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung bekam. Ella freute sich: Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein Zimmer f\u00fcr beide Kinder und der schmale Schlauch, in dem Omas Bett stand.<!--more--><br \/>\nJahrelang war Oma eine gro\u00dfe Hilfe, keine Frage. Klug und bescheiden &#8211; gegen Abend zog sie sich zur\u00fcck, die jungen Leute br\u00e4uchten Zeit f\u00fcr sich &#8211; verschaffte sie ihrer Tochter Ella einen Freiraum, den diese auch nutzte. Ella konnte sich wirklich nicht beklagen, h\u00e4tte sogar arbeiten k\u00f6nnen, wenn Walter das nicht peinlich gefunden h\u00e4tte. Was sollen die Leute denken!<\/p>\n<p>Aber dann wurde Oma t\u00fcdelig. Verbaselte dies und das, legte den Schl\u00fcssel in den Besenschrank, verga\u00df, die Kartoffeln aufzusetzen. Die Kinder fanden Oma eines Tages vor dem K\u00fchlschrank sitzen, als sie aus der Schule nach Hause kamen. Aber das Blut, das ihr am Kinn hinunterlief, stellte sich als Rote-Beete-Saft heraus. Essen und Trinken wurde zu ihrer Lieblingsbesch\u00e4ftigung. Walter zog die Stirn kraus, sagte aber nichts. Es war Ellas Mutter, ihr Problem.<br \/>\nUnd dann wurde Ella noch einmal schwanger, ein goldener Schuss &#8211; wie sie zum Entsetzen ihres Gatten sagte &#8211; und alles \u00e4nderte sich. Oma wachte auf. \u00bbDumme Gans\u00ab, sagte sie zu ihrer mittlerweile 42-j\u00e4hrigen Tochter, die sich endlich traute, ihrer Mutter zu beichten, dass sie schwanger war. \u00bbHast wohl nicht aufgepasst!\u00ab Ella war verbl\u00fcfft. Sie war das sechste Kind ihrer Mutter- vorher alles Jungen &#8211; und sie wusste aus Erz\u00e4hlungen, dass ihre Mutter damals so sauer \u00fcber die Schwangerschaft war, dass sie monatelang nicht mehr mit ihrem Mann gesprochen hatte.<br \/>\n\u00bbDu warst doch auch \u00fcber vierzig\u00ab, stotterte sie.<br \/>\n\u00bbUnd\u00ab, sagte Oma, \u00bbdas ist 40 Jahre her. Habt ihr nichts gelernt?\u00ab<br \/>\nElla schwieg. Sie war fit, f\u00fchlte sich jung und gesund, freute sich auf den Nachk\u00f6mmling. Oma wohl auch, denn als das Baby geboren wurde, funktionierte auf einmal ihr Gehirn perfekt. Sie konnte wieder kochen und waschen, l\u00f6ste Kreuzwortr\u00e4tsel und versteckte keine Schl\u00fcssel mehr. Sogar ihr Gewicht regulierte sich.<br \/>\nIhre Lieblingsaufgabe war, mit dem Baby im Park spazieren zu gehen. Da kam sie stundenlang nicht wieder. Traf andere Gro\u00dfm\u00fctter, plauderte und sa\u00df in der Sonne auf der Parkbank und f\u00fctterte den Kleinen mit dem Fl\u00e4schchen, das sie vorsorglich &#8211; in dicke T\u00fccher geh\u00fcllt &#8211; mitgenommen hatte.<br \/>\nDeswegen machte sich Ella erst auch keine Sorgen, als ihre Muttern an einem k\u00fchlen Dezembernachmittag nicht aus dem Park zur\u00fcckkam, obwohl es bereits d\u00e4mmerte. Aber langsam wurde ihr mulmig, die gr\u00f6\u00dferen Kinder sa\u00dfen gebannt vor dem neuerstandenen Fernseher, und sie sagte ihnen, sie m\u00fcsse mal eben kurz weg.<br \/>\n\u00bbWo ist Oma?\u00ab, fragte die gro\u00dfe Tochter.<br \/>\n\u00bbEben\u00ab, sagte Ella und griff ihren Mantel.<br \/>\nIm Park war kein Spazierg\u00e4nger mehr zu sehen. Nebel waberte zwischen den B\u00fcschen. Ella stellte den Kragen auf. Ihr Herz fing an zu pochen und sie eilte auf den altbekannten Wegen entlang und hielt Ausschau nach einer alten, schwarzgekleideten Frau, die sich beim Gehen auf einen Kinderwagen st\u00fctzte. Ihre Schritte beschleunigten sich. War ihre Mutter gefallen? Hatte sie sich verirrt? Unwahrscheinlich, denn den Park kannte Mutter doch wie ihre Westentasche.<br \/>\nElla kam zu dem kleinen See, an dem man im Sommer Ruderboote ausleihen konnte. Auf der Bank vor dem Kiosk sa\u00df eine einsame, schwarze Gestalt und ruckelte einen Kinderwagen hin und her.<br \/>\nElla wollte rufen, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Das Gesicht ihrer Mutter war seltsam ausdruckslos, die Augen starr auf den See gerichtet.<br \/>\n\u00bbMutter?\u00ab, sagte Ella leise, als sie n\u00e4her kam.<br \/>\nZu ihrer Erleichterung entspannten sich die Z\u00fcge der alten Frau. Die Lippen verzogen sich zu einem L\u00e4cheln.<br \/>\n\u00bbDu hast aber lange gebraucht, uns abzuholen\u00ab, sagte sie. \u00bbDer Kleine wird sich erk\u00e4lten.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas, was\u00ab, stotterte Ella. \u00bbIch wollte euch doch gar nicht ab&#8230;\u00ab<br \/>\nEtwas im Blick ihrer Mutter lie\u00df sie verstummen. Sie trat an den Kinderwagen, um nach ihrem Sohn zu sehen. Bis zum Hals zugedeckt von einer gebl\u00fcmten Decke lag eine Puppe im Wagen und glotzte sie aus fahlen blauen Augen an. Ella schrie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war klar, die Rente von Krupp reichte vorne und hinten nicht, daran \u00e4nderte auch das Weihnachtspaket der Firma nichts, das p\u00fcnktlich in der Woche vor Weihnachten vom Postboten abgeliefert wurde. Es stand f\u00fcr Ella sowieso nicht zur Debatte, ihre Mutter ins Altenheim zu bringen. 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