{"id":11,"date":"2010-08-05T15:56:35","date_gmt":"2010-08-05T13:56:35","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=11"},"modified":"2016-08-08T20:43:17","modified_gmt":"2016-08-08T18:43:17","slug":"vergeltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/vergeltung\/","title":{"rendered":"Vogelsang"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-17\" title=\"2008-07-14-0007-aachen\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/2008-07-14-0007-aachen-150x150.jpg\" alt=\"2008-07-14-0007-aachen\" width=\"150\" height=\"150\" \/>&#8222;Haben Sie noch Fragen? Wir haben noch eine Viertelstunde Zeit.&#8220;<br \/>\nDer Pension\u00e4r Albrecht H\u00fclshoff, Referent auf der Ordensburg &#8222;Vogelsang&#8220;, blickte in die Gesichter der Teilnehmer, die sich am Ende der F\u00fchrung auf der Terrasse vor der Burg versammelt hatten, um noch einen Blick auf den Urftsee zu werfen, der von den aufsteigenden Nebelschwaden nach und nach verschluckt wurde.<!--more--><br \/>\nEs war ein anstrengender Rundgang gewesen, eine sogenannte &#8222;barierefreie Plateau-F\u00fchrung&#8220;, gedacht f\u00fcr \u00e4ltere Teilnehmer, deren altersbedingte Behinderungen ihnen nicht mehr erlaubten, den Hang-Rundgang zu machen, um sich auch die &#8222;Kameradschaftsh\u00e4user&#8220; und die Sportst\u00e4tte anzuschauen. Unter den Referenten riss man sich nicht gerade um diese F\u00fchrung, die haupts\u00e4chlich von besserwisserischen alten M\u00e4nnern gew\u00e4hlt wurde, die den zweiten Weltkrieg als junge Soldaten und miterlebt hatten und darauf brannten, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Nur H\u00fclshoff meldete sich immer wieder freiwillig f\u00fcr diese F\u00fchrungen, ein Umstand, den die j\u00fcngeren Referenten merkw\u00fcrdig fanden, aber nie hinterfragten.<br \/>\n&#8222;K\u00f6nnen Sie noch einmal sagen, wie lange die Ordensburg f\u00fcr die Schulung des arischen F\u00fchrernachwuchses genutzt wurde?&#8220; fragte die einzige weibliche Teilnehmerin der Gruppe, eine \u00e4ltere Dame, die sehr interessiert den Ausf\u00fchrungen des Referenten gelauscht hatte.<br \/>\nEhe H\u00fclshoff antworten konnte, belehrte sie schon der Rentner neben ihr. &#8222;Bis 1939. Mit Kriegsbeginn hat die Wehrmacht &#8222;Vogelsang&#8220; \u00fcbernommen. Die Junker wurden an die Ostfront geschickt, die meisten sind gefallen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Schade um die M\u00e4nner&#8220;, mischte sich ein sehr alter Zuh\u00f6rer ein, der in einem Rollstuhl an dem Rundgang teilgenommen und bisher geschwiegen hatte. &#8222;Das war eine Elite! Junge gesunde Kerle, Patrioten, die zu Parteifunktion\u00e4ren ausgebildet werden sollten. Wenn die mehr Zeit gehabt h\u00e4tten, die h\u00e4tten den Krieg erfolgreicher gef\u00fchrt als diese eingebildete Offiziersclique. Die Katastrophe h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen.&#8220;<br \/>\nDie Frau sah den Sprecher ungl\u00e4ubig an und sagt mit sp\u00fcrbarem Sarkasmus in der Stimme. &#8222;Wie meinen Sie das? Die h\u00e4tten das tausendj\u00e4hrige Reich wirklich errichtet? Na dann, Heil Hitler!&#8220;<br \/>\nAuch der Referent sah den Alten angewidert an und in seinen Augen flackerte ein gef\u00e4hrlicher Funke auf, aber er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Man tat alles auf &#8222;Vogelsang&#8220;, um die braunen Horden fernzuhalten, aber man konnte nicht verhindern, dass der eine oder andere Altnazi an einer F\u00fchrung teilnahm.<br \/>\n&#8222;Es ist richtig, dass die Wehrmacht mit Kriegsbeginn die Burg \u00fcbernommen und Schulungen f\u00fcr Offiziere veranstaltet hat. Aber wirklich interessant ist, was mit dem auf dem Nord-Ost-Hang stehenden Burglazarett passiert ist. Nachdem die Junker abgezogen worden waren, erk\u00e4mpfte der Burgarzt Dr. Wunsch trotz heftiger Widerst\u00e4nde eine Zulassung des Lazaretts als \u00f6ffentliches Krankenhaus.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich dachte, hier sei ein Geburtshaus des &#8218;Lebensborn&#8216; errichtet worden&#8220;, warf ein Zuh\u00f6rer ein. Zumindest habe ich das irgendwo gelesen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Alle Indizien sprechen aber dagegen. Es gab zwischen 1939 und 1944 nur sechs Geburten mit dem Vermerk &#8222;Vater unbekannt&#8220;. Diese Tatsache spricht gegen die Existenz eines Lebensborn-Geburtshauses&#8220;<br \/>\n&#8222;Klar, mit der Aktion &#8218;Schenk dem F\u00fchrer ein Kind&#8216; musste ein detaillierter Arier &#8211; Nachweis erbracht werden \u00b4Vater unbekannt` ging da nicht.&#8220; sagte die Frau und blickte den unbelehrbaren Alten herausfordernd an. H\u00e4tte ja einer sein k\u00f6nnen, der rassisch minderwertig war.&#8220;<br \/>\nDer Alte brummelte grimmig und wendete den Kopf ab.<br \/>\n&#8222;Ich geh\u00f6re \u00fcbrigens zu den im Burglazarett geborenen Kinder&#8220;, warf H\u00fclshoff ruhig ein und alle Augen richten sich auf ihn. Sogar der Alte im Rollstuhl drehte den Kopf und starrte ihn an wie eine Erscheinung. &#8222;Und auch mein Vater wurde als &#8218;unbekannt&#8216; auf der Geburtsurkunde vermerkt, obwohl es Hinweise gibt, dass er zu den Junkern geh\u00f6rte, die hier ausgebildet wurden.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ist das der Grund, warum Sie hier ehrenamtlich arbeiten?&#8220; wagte einer aus der Gruppe zu fragen. &#8222;Entschuldigen Sie, oder ist das zu pers\u00f6nlich?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, nein&#8220;, versicherte der Referent. &#8220; Mich haben die Gr\u00e4ueltaten der Nazis mein ganzes Leben verfolgt. Vielleicht kann ich jetzt, als Pension\u00e4r, meinen Teil dazu beitragen, zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt und die Menschen braunen Rattenf\u00e4ngern auf den Leim gehen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wer ist hier wohl gemeint?&#8220;, wandte sich die \u00e4ltere Dame spitz an ihren Nachbarn im Rollstuhl, doch der Alte ignorierte sie.<br \/>\n&#8222;Wer war Ihre Mutter?&#8220; H\u00fclshoff blieb ruhig, als ob er die Frage erwartet h\u00e4tte.<br \/>\n&#8222;Eine K\u00fcchenhilfe aus Monschau. Meine Mutter hat ihn auch eine Zeitlang verstecken k\u00f6nnen, aber dann ist er wohl von einem Kameraden verraten worden. Schon am Abend der Festnahme wurde er geh\u00e4ngt. Dass sie schwanger war, hat meiner Mutter erst einmal das Leben gerettet hat. Nach meiner Geburt im Burglazarett wurde auch sie festgenommen und verschwand in den Kellern der Gestapo.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und wie haben Sie \u00fcberlebt?&#8220; Die Gruppe war wie elektrisiert.<br \/>\n&#8222;Nach dem Krieg haben meine Gro\u00dfeltern nach dem Kind geforscht, mich in einem Waisenhaus gefunden und gro\u00dfgezogen. Nun wissen Sie, warum es mich zu der Burg &#8218;Vogelsang&#8216; zieht. Die eigene Biographie.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und den Namen ihres Vaters kennen Sie wirklich nicht?&#8220; wollte einer der Teilnehmer wissen.<br \/>\n&#8222;Nein, in den Kriegswirren und dem Chaos danach sind viele Unterlagen verschwunden. Es w\u00e4re purer Zufall, wenn sich noch ein Nachweis finden w\u00fcrde.&#8220; Er zuckte resigniert die Schultern. &#8222;Meine Damen und Herren, unser Rundgang ist beendet. Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.&#8220;<br \/>\nDie Gruppe klatschte und l\u00f6ste sich langsam auf. Nur der Alte fuhr seinen Rollstuhl an die Ostseite der Terrasse und starrte nach unten in Richtung Thingst\u00e4tte. Einem inneren Impuls folgend ging H\u00fclshoff ihm nach. Er beugte sich zu dem Mann hinunter.<br \/>\n&#8222;Soll ich Sie zum Parkplatz bringen lassen?&#8220;<br \/>\nUngeduldig wehrte der Mann ab.<br \/>\n&#8222;Er hie\u00df Arthur Meinard&#8220;, murmelte er mit hassverzehrter Stimme. &#8222;Ein feiger Deserteur. Er wollte sich vor der Front dr\u00fccken, das Kameradenschwein.&#8220;<br \/>\nDer Referent erstarrte. Sollte sein Plan aufgegangen sein, die anstrengenden F\u00fchrungen mit den alten Frontsoldaten nicht umsonst gewesen sein? War der T\u00e4ter zum Tatort zur\u00fcckgekehrt? War endlich der Tag gekommen, von dem er schon als Junge getr\u00e4umt hatte, der Tag, an dem er nicht l\u00e4nger ein Niemand war und im Namen seines Vaters Vergeltung \u00fcben konnte an dem Tod seiner Eltern?<br \/>\n&#8222;Sagen Sie das noch mal&#8220;, seiner Stimme war ruhig und kalt, nur seine Handkn\u00f6chel hoben sich wei\u00df ab von den dunklen Griffen des Rollstuhls<br \/>\n&#8222;Er hie\u00df Arthur Meinard. Und mir hat er die Frau gestohlen. Marie H\u00fclshoff geh\u00f6rte mir.&#8220;<br \/>\nEs war nur ein kleiner Sto\u00df, und der Rollstuhl rollte wie von selbst den steilen Hang hinunter in Richtung Thingst\u00e4tte, wurde immer schneller, \u00fcberschlug sich und schlug dann krachend auf dem Steinplateau auf. Der Schrei des Alten wurde vom Nebel verschluckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Haben Sie noch Fragen? 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