{"id":1081,"date":"2015-12-01T20:05:30","date_gmt":"2015-12-01T18:05:30","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1081"},"modified":"2016-08-13T17:38:29","modified_gmt":"2016-08-13T15:38:29","slug":"stalking-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/stalking-3\/","title":{"rendered":"Darf ich Sie ein St\u00fcck begleiten?"},"content":{"rendered":"<p>Ulrich Maidorfer ist Lehrer f\u00fcr Bio und Sport. Gro\u00df, schlank, athletisch, mit kleinem Bauchansatz &#8211; altersbedingt, wie er meint. Er ist k\u00f6rperbewusst und ein wenig eitel wie fast alle Sportlehrer, aber bei Sch\u00fclern und besonders bei den Sch\u00fclerinnen sehr beliebt. Ein guter Kumpel, wie man so sagt, der es durchaus genie\u00dft, von den jungen Leuten gemocht zu werden, immer freundlich und hilfsbereit.<br \/>\nWas ihm aber nun mit knapp \u00fcber 50 passiert, h\u00e4tte er sich nie tr\u00e4umen lassen.<!--more--> Kurz vor den Sommerferien &#8211; es ist hei\u00df in Bremen &#8211; geht er mit seiner 8. Klasse ins Schwimmbad. Same procedure as every year. Eine seiner Sch\u00fclerinnen wird von ihrem Vater gebracht, der gleichzeitig auch die zwei Jahre \u00e4ltere Tochter Marie im Wagen hat. \u00bbIst doch in Ordnung, Herr Maidorfer?\u00ab, fragt er freundlich. Ulrich kennt den Mann von Elternsprechtagen, findet ihn durchaus sympathisch und stimmt zu, ein Auge auf beide M\u00e4dchen zu haben. Und da muss es passiert sein, denn am n\u00e4chsten Tag nach Unterrichtsende steht Marie vor der Schule, ihr Rad in der Hand, und fragt: \u00abDarf ich Sie ein St\u00fcck begleiten?\u00ab Ulrich ist verbl\u00fcfft, murmelt etwas Bejahendes &#8211; er ist schlie\u00dflich das, was man einen netten Kerl nennt, au\u00dferdem ist das M\u00e4dchen h\u00fcbsch &#8211; und schwingt sich auf sein Rad. Ulrich wohnt mit seiner Frau und den zwei S\u00f6hnen ein wenig au\u00dferhalb der Stadt auf dem platten Land, aber Marie l\u00e4sst sich nicht entmutigen, radelt fr\u00f6hlich plaudernd neben ihm her und erz\u00e4hlt von ihrem Schulalltag. An der Gartenpforte verabschiedet er sich. Das M\u00e4dchen strahlt ihn an und er geht kopfsch\u00fcttelnd ins Haus. Was war das denn f\u00fcr eine Nummer? Er beschlie\u00dft, seiner Frau nichts von dem Vorfall zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nEtwas mulmig wird ihm, als Marie am n\u00e4chsten Morgen schon um halbacht vor der Pforte steht. \u00bbIch m\u00f6chte mit Ihnen zur Schule fahren\u00ab, sagt sie. Ulrich winkt seiner Frau am Fenster zu. Die wundert sich. In der Tat, sie wundert sich sogar sehr, als das M\u00e4dchen auch am n\u00e4chsten Tag auf ihn wartete.<br \/>\n\u00bbPubert\u00e4re Schw\u00e4rmerei\u00ab, sagte Ulrich und lacht. \u00bbWird sich schon legen.\u00ab<br \/>\nLegt sich aber nicht. Mindestens einmal pro Tag steht Marie vor der Gartenpforte, klingelt, wenn sie Ulrich morgens oder nach der Schule verpasst hat und behauptet, mit ihm sprechen zu m\u00fcssen, es sei wichtig.<br \/>\nEr wolle das nicht mehr, sagt Ulrich dem M\u00e4dchen schlie\u00dflich. Ob sie niemanden habe, mit dem sie \u00fcber ihre Probleme reden k\u00f6nne. Keine Freundin oder so. Auch ihr Vater sei doch nett.<br \/>\n\u00bbDer ja\u00ab, sagt das M\u00e4dchen, aber ihre Mutter sei \u00bbtotal durch den Wind\u00ab. Die geh\u00f6re in die Klapse. Die Kleine tut ihm leid, er wagt nicht, sie brutal zur\u00fcckzusto\u00dfen, auch nicht, als seine Frau langsam sauer wird.<br \/>\nAls Maries die Mutter schlie\u00dflich anruft und mit schriller Stimme verlangt, er solle seine dreckigen Pfoten von ihrer Tochter lassen, bekommt er es mit der Angst zu tun und ruft den Vater an. Der ist v\u00f6llig entsetzt, entschuldigt sich und murmelt was von \u00bbBorderline Syndrom\u00ab. Mutter und Tochter seien beide v\u00f6llig \u00bbneben der Spur\u00ab. Er werde daf\u00fcr sorgen, dass die Bel\u00e4stigungen aufh\u00f6ren. Sie h\u00f6ren aber nicht auf, oder h\u00f6chstens kurzfristig w\u00e4hrend der Sommerferien. Kaum beginnt das neue Schuljahr, steht das M\u00e4dchen wieder vor der T\u00fcr. Sie habe ihn so schrecklich vermisst.<br \/>\n\u00bbSie braucht Hilfe\u00ab, sagt Ulrich zu seiner Frau, die mittlerweile fuchsteufelswild ist und ihm auf den Kopf zusagt, er genie\u00dfe die Situation und lebe sein Helfersyndrom aus, um sich wichtig zu machen. Sie schl\u00e4gt vor, mit dem M\u00e4dchen einen Therapeuten aufzusuchen, aber Marie weigert sich, therapeutische Hilfe anzunehmen. Sie sei v\u00f6llig normal, sagt sie, nur Ulrichs Frau \u00bbticke nicht richtig.\u00ab<br \/>\nSchlie\u00dflich geht Ulrich selbst zu einer psychologischen Beratungsstelle. Der Psychologe dr\u00e4ngt ihn, die Schulleitung zu informieren. \u00bbAber ich kann doch nicht verantworten, dass die Kleine von der Schule verwiesen wird\u00ab, sagt er.<br \/>\n\u00bbWissen Sie, dass Sie ihre Stellung riskieren, wenn Sie so weitermachen? Glauben Sie mir, ich wei\u00df, wovon ich spreche.\u00ab<br \/>\nAber Ulrich ist unbelehrbar. Die Kleine ist ihm mittlerweile ans Herz gewachsen. Sie ist so hilflos und zart, so sehr auf ihn angewiesen. Er ist ihr einziger Halt. Sie hat gedroht sich umzubringen, wenn er sie wegschickt.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter hat Marie einen Freund, einen Typen aus der Drogenszene, dem sie helfen werde, von den Drogen loszukommen. Ulrichs Frau hat die Koffer gepackt. Sie brauche eine Auszeit, hat sie gesagt und sich in der Bremer Innenstadt eine eigene Wohnung gemietet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Maidorfer ist Lehrer f\u00fcr Bio und Sport. Gro\u00df, schlank, athletisch, mit kleinem Bauchansatz &#8211; altersbedingt, wie er meint. Er ist k\u00f6rperbewusst und ein wenig eitel wie fast alle Sportlehrer, aber bei Sch\u00fclern und besonders bei den Sch\u00fclerinnen sehr beliebt. 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