{"id":1077,"date":"2015-12-01T19:53:19","date_gmt":"2015-12-01T17:53:19","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1077"},"modified":"2016-08-13T17:47:40","modified_gmt":"2016-08-13T15:47:40","slug":"stalking-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/stalking-1\/","title":{"rendered":"Erstes Semester Amerikanistik"},"content":{"rendered":"<p>Corinna war jung, blond, lebenslustig. Erstes Semester Amerikanistik in T\u00fcbingen. Ein Platz im Studentenheim, Gl\u00fcck gehabt. Zur rechten Zeit am rechten Ort. Corinna, die \u00e4lteste Tochter eines Internisten und einer Lehrerin aus Essen, genoss die Feten im Wohnheim, den neuen Wein in den T\u00fcbinger Kneipen, Stocherkahnfahrten auf dem Neckar mit netten Kommilitonen. Ein berauschendes Gef\u00fchl von Freiheit und Selbstbestimmung, befreit von elterlicher F\u00fcrsorge und Kontrolle. Zu viel Alkohol, nat\u00fcrlich.<!--more--><br \/>\nVielleicht war das auch der Grund, warum sie sich nach einer ausgelassenen Tanzfete auf die Knutscherei mit dem gutaussehenden Argentinier eingelassen hatte. Nichts Ernstes, nat\u00fcrlich nicht. Er hatte versucht, ihr Tango beizubringen. Und mit wachsendem Alkoholkonsum war sie auch immer lockerer geworden. Das sah schon richtig sexy aus, als sie am Ende des Abends \u00fcber die Tanzfl\u00e4che flogen, Corinna &#8211; musikalisch und mit gutem Rhythmusgef\u00fchl &#8211; war wie Wachs in seinen H\u00e4nden, lie\u00df sich herumwirbeln, nach hinten beugen, so dass ihr langes Haar fast den Boden ber\u00fchrte. Sie wehrte sich ein bisschen, als er sie nach dem letzten Tanz an sich zog und zu k\u00fcssen versuchte. Lachend machte sie sich los, warf ihm noch einen federleichten Handkuss zu, hakte eine Freundin unter und verschwand leicht taumelnd ins Freie.<br \/>\nDass Rodrigues schon vor dem Wohnheim stand, als die beiden jungen Frauen dort ankamen, beunruhigte sie nicht sonderlich. Sie gab ihm sogar ihre Smartphonenummer und sie verabredeten sich zum gro\u00dfen Tango-Event f\u00fcr den folgenden Samstagabend. Ein wenig mulmig wurde ihr, dass ihr iPhone klingelte, kaum hatte sie ihr Zimmer betreten.<br \/>\n\u00bbDu bist die tollste Frau, die ich je kennengelernt habe\u00ab, sagte Rodrigues. \u00bbIch bin ganz hei\u00df auf dich.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, ja\u00ab, sagte Corinna. \u00bbAber ich bin jetzt m\u00fcde. Bis n\u00e4chste Woche!\u00ab Und h\u00e4ngte ein. Hoffentlich wurde der Typ nicht l\u00e4stig.<br \/>\nWurde er. Drei sms \u00fcber Nacht. Wie wundersch\u00f6n sie sei und dass er sie unbedingt wiedersehen wolle. Bis zum n\u00e4chsten Wochenende k\u00f6nne und wolle er nicht warten. Am n\u00e4chsten Morgen auf dem Weg zum Seminar passte er sie ab und versuchte, sie zu umarmen. Corinna f\u00fchlte sich bedr\u00e4ngt und lehnte es ab, ihn am Abend zu treffen. Sie m\u00fcsse eine Hausarbeit schreiben, sagte sie. Keine Zeit. Er schien entt\u00e4uscht, trollte sich aber. Minuten sp\u00e4ter vibrierte ihr Smartphone. Er m\u00fcsse ihr nur noch sagen, er habe sich unsterblich in sie verliebt.<br \/>\nWenn Corinna sich anfangs noch geschmeichelt gef\u00fchlt hatte, wurde sie nun immer w\u00fctender. Sie antwortete nicht mehr auf seine Nachrichten, nahm das Telefon nicht ab, wenn sie seine Nummer sah. Er schickte rote Rosen.<\/p>\n<p>Sie entschied sich, am n\u00e4chsten Wochenende nicht zum Tangoabend zu gehen und verabredete sich mit einer Freundin. Nachts klopfte er an ihrer T\u00fcr. Rodrigues stammelte, er wolle unbedingt mit ihr reden. Sie weigerte sich, ihn hineinzulassen. Er wurde laut.<br \/>\n\u00bbWeil ich Ausl\u00e4nder bin\u00ab, sagte er. \u00abDu bist ausl\u00e4nderfeindlich. Deshalb willst du mich nicht.<br \/>\n\u00bbNein, nicht diese Masche\u00ab, sagte sie und schlug die T\u00fcr zu.<br \/>\nDoch er lie\u00df sie nicht in Ruhe. Sie ging zur Heimleitung und Rodrigues bekam Hausverbot, was ihn aber nicht hinderte, sie auf der Stra\u00dfe, vor dem Seminar, in der Mensa abzupassen. Er bat, bettelte, drohte.<br \/>\n\u00bbDer ist nicht normal!\u00ab, sagte ihre Freundin.\u00abGeh zur Polizei.\u00ab<br \/>\nCorinna z\u00f6gerte, aber nachdem Rodrigues sie eines Abends in eine Ecke gedr\u00e4ngt und wieder versucht hatte, sie zu k\u00fcssen, bekam sie es mit der Angst zu tun. Der junge Polizeibeamte, dem sie sich anvertraute, war sichtlich \u00fcberfordert.<br \/>\n\u00bbWas hat denn dieser Rodrigues nun wirklich gemacht?\u00ab, fragte er. \u00bbMan kann einem Mann doch nicht verbieten, sich in eine so h\u00fcbsche Frau wie Sie zu verlieben.\u00ab<br \/>\nCorinna wurde w\u00fctend. Wurde sie nun auch noch von dem Polizeibeamten angemacht?<br \/>\n\u00bbNein, aber man sollte ihm verbieten, mich weiter zu bel\u00e4stigen. Ich f\u00fchle mich verfolgt.\u00ab<br \/>\nDer junge Beamte zuckte die Schultern. Warum lie\u00df sich die hei\u00dfe Blonde sich auch mit einem Ausl\u00e4nder ein. Sie war doch selbst schuld.<br \/>\nCorinna rief ihren Vater an, der schon am n\u00e4chsten Morgen nach T\u00fcbingen kam, ihr half, die Sachen zu packen,\u00a0 sie mit nach Hause nahm.<\/p>\n<p>Als Rodrigues zwei Wochen sp\u00e4ter vor der T\u00fcr des elterlichen Hauses stand, um Entschuldigung bettelte und von seiner Wahnsinnsliebe sprach, die ihm nicht erlaube, sie in Ruhe zu lassen, drohte ihm Corinnas Vater mit Pr\u00fcgel, rief aber dann seinen Anwalt an, der alle Hebel in Bewegung setzte, um ein Kontaktverbot zu erreichen. Wird sich Rodrigues daran halten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Corinna war jung, blond, lebenslustig. Erstes Semester Amerikanistik in T\u00fcbingen. Ein Platz im Studentenheim, Gl\u00fcck gehabt. Zur rechten Zeit am rechten Ort. 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