{"id":1075,"date":"2015-12-01T19:41:38","date_gmt":"2015-12-01T17:41:38","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1075"},"modified":"2018-09-12T19:37:51","modified_gmt":"2018-09-12T17:37:51","slug":"sommertag-auf-cres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/sommertag-auf-cres\/","title":{"rendered":"Sommertag auf Cres"},"content":{"rendered":"<p>Ich sehe einen alten Mann und einen kleinen Jungen in einem roten Schlauchboot auf dem blauen Wasser der Adria dahind\u00fcmpeln, nahe der K\u00fcste, wo das Wasser so klar ist, dass man silbrige Fischschw\u00e4rme einen Meter unter der Wasseroberfl\u00e4che dahintreiben sieht.<br \/>\nNoch ist es windig und k\u00fchl, und der alte Mann zieht den Rei\u00dfverschluss am Pullover des Jungen hoch, schiebt eine Schirmm\u00fctze auf die dunklen Locken,\u00a0 so dass er gesch\u00fctzt ist vor den sengenden Strahlen einer aus blauem Himmel erbarmungslos leuchtenden Sonne.\u00a0 Noch ist der Strand leer, die Pinienzapfen im wei\u00dfen Kies sehen\u00a0 von weitem aus wie Hundehaufen.<!--more--><br \/>\nDoch Hunde sind verboten am Strand, und die einsamen \u00e4lteren M\u00e4nner, die schon fr\u00fchmorgens ihre kleinen und gro\u00dfen Kackmaschinen hinter sich herziehen, haben alle Plastikbeutel und Sch\u00fcppen in der Hand, wenn sie \u00fcber die Promenade laufen und an jedem verkr\u00fcppelten Strauch stehenbleiben, an dem ihr Liebling das Bein hebt, misstrauisch be\u00e4ugt von den jungen Frauen, die &#8211; todm\u00fcde &#8211; Kinderwagen mit hellwachen Babys schieben und hoffen, dass die frische Seeluft und das leise vor sich hinruckelnde Gef\u00e4hrt die br\u00fcllenden kleinen Monster wieder in den Schlaf lullen werden.<br \/>\nWir sind fr\u00fch aufgestanden, um im Dunst des morgendlichen Lichtes die Heimkehr der Fischer zu fotografieren, die ihre magere Ausbeute in vom Wasser ausgebleichten Kisten auf die Kaimauern hieven und wortlos den hei\u00dfen Kaffee schl\u00fcrfen, den ihre Frauen in gro\u00dfen Kannen herangeschleppt haben. Frischen Fisch kann man nicht vom Kutter kaufen, der Fang wird von den Kleinlastern der Restaurants abgeholt, die auf ein abendliches Gesch\u00e4ft hoffen.<br \/>\nBauersfrauen aus dem Umland breiten ihr Obst und Gem\u00fcse auf den Steintischen der antiken Markthalle aus, wo wohl schon die Ph\u00f6nizier ihre bunte Ware angepriesen haben. Noch ziehen die Frauen die bestickten Schals fest um ihre K\u00f6pfe, kn\u00f6pfen die Wolljacken zu, um sich gegen die k\u00fchl von den Bergen herabfallende Bora zu sch\u00fctzen, bald werden sie sich aus den w\u00e4rmenden Kleidungsst\u00fccken sch\u00e4len, dankbar die Gesichter der Sonne entgegenstrecken, sp\u00e4ter unter den Arkaden Schutz suchen vor der Hitze.<br \/>\nEspresso und Croissant im kleinen Bistro am Hafen, wir fr\u00f6steln noch, aber greifen schon zur Sonnenbrille, um die Augen vor der glei\u00dfenden Helligkeit zu sch\u00fctzen. Sonne, s\u00fcdliche Betriebsamkeit, Urlaub, Gl\u00fcck.<br \/>\nVor unseren entsetzten Augen schiebt ein Greis seine bis auf die Knochen abgemagerte Frau in einem Holzkarren an den Touristen vorbei in die Sonne. Das schlechte Gewissen steigt in die Kehle. Was k\u00f6nnen wir f\u00fcr das Elend der Leute? Dem Mann einen gr\u00f6\u00dferen Schein in die Hand dr\u00fccken? Aber er bettelt nicht. W\u00fcrden wir seinen Stolz verletzen? Hilflos wenden wir den Blick ab.<br \/>\nSonne kriecht \u00fcber die abgebl\u00e4tterten Fassaden der H\u00e4user am Hafen, arbeitet sich durch das Ge\u00e4st der hohen Kiefern, knallt auf Zelte und Wohnmobile und treibt die Touristen auf den Campingpl\u00e4tzen ins k\u00fchle Wasser. Sonnenschirme werden aufgeklappt, Liegen an den schmalen Kiesstrand geschleppt, erbittert um Pl\u00e4tze gestritten. Man hat doch schlie\u00dflich gestern Abend das Handtuch und den Fu\u00df des Sonnenschirms am Strand gelassen. Nun liegt alles am Rand, aggressiv beiseitegeschoben. Sicher wieder die Italiener, die sind so r\u00fccksichtlos, schimpft ein \u00f6sterreichischer Rentner vor sich hin. Lassen auch ihre Kippen im Kies liegen. Ekelhaft. Sie scheinen sich nur im Abfall wohl zu f\u00fchlen. Seine Frau nickt zustimmend.<br \/>\nDer alte Italiener hebt den Enkel aus dem Schlauchboot. Sie waten an Land, legen sich auf das Badetuch, das versteckt in einer Kuhle auf sie wartet. Liebevoll rubbelt der Alte den Kleinen ab, k\u00e4mmt sein Haar, reibt ihn ein mit Sonnen\u00f6l. Beide legen sich auf den Bauch und der Alte beginnt zu erz\u00e4hlen, hinein in die leuchtenden Augen des Jungen. Er erz\u00e4hlt von Fischern und Seejungfrauen, von krakenarmigen Ungeheuern, von Seeleuten und Schiffsunterg\u00e4ngen, von Wundern und gl\u00fccklicher Rettung. Und von dem lieben Gott, der alle Kinder besch\u00fctzt. Nur einmal unterbricht er sich, breitet ein Handtuch \u00fcber den Kopf des Jungen aus, nimmt dessen Hand und spricht dann weiter in seinem vokalreichen, singenden Italienisch. Ein Schwall an Worten, unabl\u00e4ssig tropfend, h\u00fcllt den Jungen ein in eine Kaskade von Lauten und Bildern. Der Kopf des Kleinen sinkt auf die Brust des Alten, seine Augen schlie\u00dfen sich, ein L\u00e4cheln umspielt seinen Mund. Z\u00e4rtlich k\u00fcsst der Gro\u00dfvater die Wange des Jungen, streichelt \u00fcber sein Haar.<br \/>\nEr k\u00fcmmere sich um den Kleinen, wenn der Ferien habe, das hat der alte Herr mir vor ein paar Tagen erz\u00e4hlt.\u00a0 Die Mutter lebt in Mailand, der Vater in Split. Morgen wird er kommen, der Vater, zusammen mit der neuen Frau. Der Junge freut sich auf den Vater. Er will ihm zeigen, wie gut er schwimmen und rudern kann. Und ihm\u00a0 die vielen M\u00e4rchen und Geschichten\u00a0 erz\u00e4hlen, auch der neuen Frau. Nat\u00fcrlich fragt sich der Junge, ob die ihn m\u00f6gen wird, denn die Mutter hat gesagt, sie sei eine Hexe.<\/p>\n<p>Ich sehe, dass der Alte ahnt, dass er bald nicht mehr gebraucht wird. \u00dcberfl\u00fcssig sein wird. Wer aber wird dem Jungen erz\u00e4hlen von Helden und wilden Tieren, von Untergang und g\u00f6ttlicher Rettung, von Engeln und G\u00f6ttern und D\u00e4monen? Wer wird den Jungen retten aus heranrollenden, alles verschlingenden Brechern?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sehe einen alten Mann und einen kleinen Jungen in einem roten Schlauchboot auf dem blauen Wasser der Adria dahind\u00fcmpeln, nahe der K\u00fcste, wo das Wasser so klar ist, dass man silbrige Fischschw\u00e4rme einen Meter unter der Wasseroberfl\u00e4che dahintreiben sieht. 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