{"id":1048,"date":"2015-11-17T22:01:18","date_gmt":"2015-11-17T20:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1048"},"modified":"2017-06-02T21:46:47","modified_gmt":"2017-06-02T19:46:47","slug":"schriftstellerkongress-im-adlon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/schriftstellerkongress-im-adlon\/","title":{"rendered":"Schriftstellerkongress im Adlon"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein feuchtfr\u00f6hlicher Abschiedsabend geworden im Hotel Adlon. Wein und Bier war in Str\u00f6men geflossen, die Stimmung der im Moment gut im Trend liegenden Autoren war gestiegen, die Lautst\u00e4rke auch. F\u00fcr kurze Zeit war aller Neid und die Eifers\u00fcchteleien vergessen, die sonst jede Kommunikation zur Qual machten. Und dass die attraktive chinesische Schriftstellerkollegin Hua Hui Minh es doch noch im letzten Moment geschafft hatte, ein Visum zu bekommen und auszureisen, war das I-T\u00fcpfelchen auf dem gestrigen Abend. Zwar hatte sie nicht an den dreit\u00e4gigen Symposium und den endlosen Diskussionen teilnehmen k\u00f6nnen &#8211; was h\u00e4tte sie auch sagen sollen? -,\u00a0 aber ihre Anwesenheit am letzten Abend lie\u00df zumindest die anwesenden M\u00e4nner zur Hochform auflaufen .<br \/>\nHua Hui Minh war entz\u00fcckend. Ihre Haare lang und schwarz , die Haut weich und schimmernd wie wertvolles Porzellan. Die schr\u00e4gstehenden Augen gl\u00e4nzten tief und geheimnisvoll, wenn sie einem ihrer Kollegen ein L\u00e4cheln schenkte.<!--more--><br \/>\nDoch am Morgen &#8211; als Deutschlands schreibende Elite nach und nach verkatert zum Fr\u00fchst\u00fccksb\u00fcffet taumelte &#8211; stellte man fest, dass Hua Hui fehlte. Schlicht und ergreifend nicht da war. Zwar hatte man sich gestern Abend belauert, wem die h\u00fcbsche Chinesin wohl ihre Gunst schenken w\u00fcrde, aber unter der Steigerung des Alkoholkonsums hatte auch die Beobachtungsgabe gelitten. Jeder der Herren war sich sicher, mit ihm hatte die chinesische G\u00f6ttin nicht das Kissen geteilt, aber diese Niederlage behielt man wohl besser f\u00fcr sich und be\u00e4ugte argw\u00f6hnisch die einlaufende Konkurrenz.<\/p>\n<p>\u00bbIch sah\u00ab, sagt Christoph Ransmayr und nimmt sich ein Kaviarbr\u00f6tchen vom Buffet, \u00bbauf der Mauer eine Chinesin&#8230;\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNicht das schon wieder\u00ab, sagt Clemens Meyer und r\u00fcckt seine Brille zurecht. \u00bbChristoph, h\u00f6r auf, wie ein Prophet zu reden.\u00ab<\/p>\n<p>Ransmayr w\u00fcrgt. \u00bbDann leg du doch los, du selbsternannter Dokumentarist des Zeitgeistes. Du warst es doch, der gestern Abend die Kleine heftig angemacht hat.\u00a0 Warst ganz sch\u00f6n sauer, als sie dich hat abblitzen lassen. Ich sah&#8230;\u00ab<\/p>\n<p>Jan Wagner, der in einem Gedichtband bl\u00e4ttert, mischt sich ein.<br \/>\n\u00bbChristoph hat Recht. Es war wie bei der Verleihung des deutschen Buchpreises im vorletzten Jahr, wo du t\u00fcrenknallend den Saal verlassen hast, als du ihn nicht gekriegt hast. Wie eine beleidigte Leberwurst! \u00dcbrigens, wer war eigentlich der Gl\u00fcckliche, der das Kissen mit Hua Hui teilen durfte?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch wei\u00df gar nicht, was ihr alle mit dieser , dieser\u00a0 &#8211; wie hei\u00dft sie noch? &#8211; habt.\u00ab Katja Petrowskaja zupft an ihrem kurzen Rock, schl\u00e4gt die langen Beine \u00fcbereinander und bringt sie in eine perfekte Schr\u00e4glage. \u00bbSie ist ja ganz h\u00fcbsch, diese Miau Miau, aber die Schlitzaugen, ganz sch\u00f6n gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig.\u00ab Glockenhelles Lachen. Sasa Stanisic blickt sie hingerissen an.<\/p>\n<p>\u00bbFr\u00e4ulein Minh ist entf\u00fchrt worden. Bestimmt ist sie Regimekritikerin\u00ab, sagt er z\u00f6gernd.<\/p>\n<p>\u00bbO je, o je, l\u00e4sst sich Ralf Rothmund vernehmen, der am Fenster steht und eine Zigarette durchzieht. \u00abSo eine attraktive Frau, was soll die denn mit Politik im Sinn haben? Hat die doch gar nicht n\u00f6tig! Viel zu h\u00fcbsch.\u00ab<\/p>\n<p>Jenny Erpenbecks Augen spr\u00fchen Funken. \u00abSie mit Ihren pornographischen Texten! Welchen Altm\u00e4nnerphantasien entspringen eigentlich Ihre Sexszenen?\u00ab Jennys sanfte Kleinm\u00e4dchenstimme ist vor Zorn eine Oktave tiefer gerutscht.<\/p>\n<p>\u00bbNun mal sachte, Jenny\u00ab, sagt Sibylle Berg. \u00bbSind doch meistens pubertierende Jungen, die er beschreibt. Haut mich auch nicht um. Ab und zu erinnert sich \u00bbMann\u00ab eben, wie es fr\u00fcher war. Da war doch noch was!\u00a0 Au\u00dferdem hat er sich von der Longlist streichen lassen. Well done!\u00ab Die Frauen kichern.<\/p>\n<p>\u00bbMeine Damen und Herren, so darf man nicht miteinander umgehen, denn unsere ethische Verpflichtung als M\u00e4nner und Frauen des Wortes sollte uns helfen, die richtige Sprache zu finden, um dem tragischen Geschehen, ehm, dem unerkl\u00e4rlichen Verschwinden einer allseits gesch\u00e4tzten Kollegin, noch dazu aus dem Ausland, aus dem fernen Asien, sprich China, dessen jahrtausendealte Tradition der schriftlichen \u00dcberlieferung&#8230;\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNun machen Sie mal einen Punkt\u00ab, sagt Clemens Meier.<\/p>\n<p>\u00bbWas?\u00ab, fragt Martin Mosebach.<\/p>\n<p>\u00bbSie sollen mal einen Punkt machen. Kurze S\u00e4tze sind angesagt, kein philosophisches Geseiere. Man kann Ihnen ja kaum zuh\u00f6ren, geschweige denn ihre verquasten Texte lesen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEigentlich stand mir der Leipziger Buchpreis 2014 zu\u00ab, sagt Martin Mosebach w\u00fcrdevoll. \u00bbDennis Scheck hat im Fernsehen gesagt, ich h\u00e4tte mit \u00bbUnter der Blutbuche\u00ab das beste Buch der Saison geschrieben. Was soll das \u00fcberhaupt mit diesen ausl\u00e4ndischen Autoren, deren gesprochenes Deutsch so holprig daherkommt wie ein Ackergaul. Da m\u00fcsste doch der Lektor den Preis bekommen, nicht wahr Frau Petrowskaja? Oder ist es der Ehemann, der so sch\u00f6n formulieren kann? Und was ist mit Ihnen Herr Stanisic?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbBravo! Er kann`s ja, wenn er zornig wird. Ich meine, der Herr Mosebach kann sich klar ausdr\u00fccken.\u00ab Friedrich Ani hat seine lange Gestalt an einen Pfeiler gelehnt, das erste Bier in der Hand. \u00bbAber wollten wir nicht \u00fcber das Verschwinden von Fr\u00e4ulein Chinesin reden? Niedliche Kleine, muss ich sagen!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbMacho\u00ab, zischt die Berg.<\/p>\n<p>Ani grinst und wischte den Schaum vom Mund. Er prostet der Berg zu. \u00abWir k\u00f6nnen ja mal den Verlauf durchspielen. Wer hat das M\u00e4del gestern Abend abgeschleppt?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbH\u00f6rt! H\u00f6rt! Unser Experte f\u00fcr missing persons\u00ab, sagt Jan Wagner.<\/p>\n<p>\u00bbEben. Wer hat das M\u00e4del gestern in sein Bettchen gelegt?\u00ab Friedrich Ani dr\u00fcckt sich vom Pfeiler ab.<\/p>\n<p>\u00bbDu etwa?\u00ab, fragt Ralf Rothmann.<\/p>\n<p>Ani ist der einzige Mann hier, der wirklich gut aussieht, denkt Jenny Erpenbeck. Wenn jemand \u00fcberhaupt eine Chance hatte, dann unser\u00a0 lonely wolf&#8230;<\/p>\n<p>\u00bbUnd wenn? Ein Gentleman genie\u00dft und schweigt, wie man so sagt.\u00ab Ani nimmt einen kr\u00e4ftigen Schluck und unterdr\u00fcckt ein R\u00fclpsen. \u00bbWo ist unser ber\u00fchmter Profiler Axel Petermann. Ist der auch fr\u00fcher weg? Mit Miauchen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas hat die Hua Hui Minh \u00fcberhaupt geschrieben? Wei\u00df das jemand?\u00ab Sibylle Berg ordnet ihre Hochschlagfriseur, ihr Gesichtsausdruck spitz und energisch, der gro\u00dfe Mund angriffslustig vorgew\u00f6lbt. \u00bbVielleicht ist die Gute gar keine Schriftstellerin. Sie ist Koreanerin, hat ihre Reisegruppe verloren und sich gestern Abend zu uns gesellt, weil wir ja ach so sympathische Menschen sind. Au\u00dferdem war das Buffet exzellent!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa genau, vielleicht hat sie nun ihre eigenen Leute wiedergefunden.\u00ab, Jenny Erperbeck guckt erleichtert und schmiert sorgf\u00e4ltig Honig auf ihr Croissant. \u00bbUnd wir sitzen hier rum und malen den Teufel an die Wand.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWieso Teufel?\u00ab, murrt Friedrich Ani. \u00bbDie chinesische Mafia, das w\u00e4r doch ein guter Plot. \u00ab Er holt sein Moleskine Notizbuch aus der Tasche.<br \/>\n.<br \/>\nJan Wagner tut es ihm gleich. \u00bbLass es, Jan\u00ab, sagt Rothmann und klopfte ihm auf die Schulter. \u00bbZweimal holst du den Preis auf keinen Fall.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWar sowieso reines Gl\u00fcck in Leipzig. Lyrik war mal dran und die Prosa-Konkurrenz zudem sauschlecht\u00ab, l\u00e4sst sich Clemens Meyers Stimme aus dem tiefen Sessel vernehmen, in den er sich beleidigt zur\u00fcckgezogen hat.<\/p>\n<p>Martin Mosebach breitet die Arme aus wie ein Priester vor dem Altar. Er r\u00e4uspert sich, setzt an zu sprechen, doch da verschl\u00e4gt es ihm, dem Meister der Sprache, endg\u00fcltig die Sprache.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr fliegt auf. John von D\u00fcffel kommt hereingest\u00fcrzt. Wie immer mit nassen Haaren vom Schwimmtraining<\/p>\n<p>\u00bbDa liegt eine\u00ab, schreit er. \u00bbUnten am Poolboden!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEine Chinesin?\u00ab, fragt Clemens Meyer interessiert und fummelt wieder an seiner Brille.<\/p>\n<p>\u00bbWie soll ich das wissen?\u00ab, John von D\u00fcffel schaut hilflos.<\/p>\n<p>\u00bbNicht getaucht und nachgeguckt?\u00ab, fragt Ralf Rothmann. \u00bbIch denke, du kannst schwimmen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch, ich &#8230;\u00ab, sagt John von D\u00fcffel, beugt sich \u00fcber den Stuhl und kotzt. Wasser.<\/p>\n<p>\u00bbMeine G\u00fcte\u00ab, sagt Katja Petrowskaja. \u00bbDiese M\u00e4nner heute. Die k\u00f6nnen nichts mehr ab. Wenn ich da an meine Urgro\u00dfmutter Ester denke&#8230;. Damals im Krieg &#8230;\u00ab und mit diesen Worten st\u00f6ckelt sie auf ihren Highheels hinaus in Richtung Swimmingpool. Sasa Stanisic mit rotem Kopf hinterher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein feuchtfr\u00f6hlicher Abschiedsabend geworden im Hotel Adlon. Wein und Bier war in Str\u00f6men geflossen, die Stimmung der im Moment gut im Trend liegenden Autoren war gestiegen, die Lautst\u00e4rke auch. F\u00fcr kurze Zeit war aller Neid und die Eifers\u00fcchteleien vergessen, die sonst jede Kommunikation zur Qual machten. Und dass die attraktive chinesische Schriftstellerkollegin Hua [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1048","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzkrimis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1048","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1048"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1256,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1048\/revisions\/1256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}