{"id":1041,"date":"2015-11-08T21:03:24","date_gmt":"2015-11-08T19:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1041"},"modified":"2018-08-11T17:37:01","modified_gmt":"2018-08-11T15:37:01","slug":"totenstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/totenstadt\/","title":{"rendered":"Termessos &#8211; Stadt der toten Helden"},"content":{"rendered":"<p>Der zottelige Hirtenhund kommt auf uns zugesprungen, als wir aus dem Auto steigen. Jung scheint er zu sein und \u00fcberm\u00fctig. Er versucht, an mir hochzuspringen und ich wehre ihn ab und streichele sein struppiges Fell. Hat ihn ein Besucher hier ausgesetzt? Oder hat er die Ziegenherde zur\u00fcckgelassen oben in den Ruinen von Termessos, um in die Welt der Lebenden zur\u00fcckzukehren?<!--more--><br \/>\nWir schultern die Rucks\u00e4cke, beladen mit Wasser, Schinkenbroten und \u00c4pfeln und wandern den steilen K\u00f6nigspfad hinauf, der 30 km nordwestlich von Antalya aus den fruchtbaren T\u00e4lern der Ebene hinauf nach Termessos f\u00fchrt. Nur der Hund bleibt uns auf den Fersen und sein aufgeregtes Gebell wird von den Felsw\u00e4nden zur\u00fcckgeworfen.<br \/>\n\u00bbHau ab!\u00ab, sagt mein Mann, der kein gro\u00dfer Hundefan ist. \u00bbHau ab zu deinen Viechern!\u00ab Der Hund h\u00e4lt den Kopf schief, h\u00e4ngt die Zunge heraus und scheint zu grinsen, macht aber keine Anstalten umzukehren. Ganz im Gegenteil, er dr\u00e4ngt an uns vorbei, wartet auf uns auf dem steil aufsteigenden K\u00f6nigspfad.<br \/>\nTermessos liegt auf \u00fcber 1000 m H\u00f6he und war zu Zeiten des Trojanischen Krieges eine der m\u00e4chtigsten St\u00e4dte in Lykien. Das Meer ist weit entfernt, Handel und Schifffahrt kann die Stadt nicht reich gemacht haben. Wie ein Adlernest liegt sie auf den H\u00e4ngen des Taurus-Gebirges. Jahrtausende lang hatte sie sich gehalten, uneinnehmbar f\u00fcr alle Angreifer. Auch Alexander der Gro\u00dfe war an Termessos gescheitert und musste unverrichteter Dinge umkehren. Helden waren hier geboren worden, Krieger, die schon in Troja gegen Odysseus und Achill gek\u00e4mpft hatten und deren Mut legend\u00e4r war. Solymer hatten sie sich genannt, die Bewohner, die ihre S\u00f6hne als S\u00f6ldner in alle Kriege schickten, Solymer\u00a0 &#8211; nach dem\u00a0 Berg, der die Stadt \u00fcberragt.<br \/>\nDurch die Ruinen der Unterstadt peitscht ein heftiger Wind, l\u00e4sst an die knallenden Fahnen denken im Heerlager vor Troja. Wir steigen zu dem gut erhaltenen Theater hoch, lassen uns auf den massiven Granitreihen nieder, teilen das Picknick mit dem Hirtenhund, der uns offensichtlich adoptiert hat, genie\u00dfen einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Anblick: in der Ferne das im Sonnenschein glitzernde Meer, unter uns die in Ruinen liegende Stadt. Gymnasion, Artemis-Tempel, Agora, Stoa, die Geb\u00e4ude \u00fcberwuchert von gr\u00fcnem Dickicht.<br \/>\nStaunend stapfen wir \u00fcber die antike Stra\u00dfenpflasterung, vorbei an zertr\u00fcmmerten Tempeln bis hin zum gras\u00fcberwachsenen Marktplatz. Menschenleer ist diese Welt, nur von G\u00f6ttern und D\u00e4monen bewohnt, an die zu glauben einem nicht schwerf\u00e4llt, wenn man sieht, wie \u00fcber die sich nach Nordwesten ausdehnenden Gebirgsk\u00e4mme eine Walze von schwarzen Gewitterwolken auf uns zutreibt. Wir treten aus dem Dickicht in ein gro\u00dfes Ger\u00f6llfeld, aus dem ein wuchtiger Sarkophag wie ein sinkendes steinernes Schiff herausragt. Die Solymer hatten wohl die S\u00e4rge direkt vor Ort aus den Steinen gehauen, denn nur Riesen oder Monster h\u00e4tten die gewaltigen Bl\u00f6cke hier heraufschleppen k\u00f6nnen. Von ihren auf m\u00e4chtigen, monolithischen Bl\u00f6cken und Pfeilern ruhenden Totenbetten hatten die gefallenen Helden einen grandiosen Blick \u00fcber die Ebene bis hin zum Meer. Doch welche Macht hatte die riesige Zerst\u00f6rung angerichtet? Krieg? Die Eroberung durch eine technisch \u00fcberlegene Armee? Oder es war ein Erdbeben, das die Tempel und H\u00e4user zerst\u00f6rt, die Sarkophage umgekippt und die Leichen der Krieger aus den steinernen S\u00e4rgen herauskatapultiert hatte. Mein Mann klettert in einen von einem gro\u00dfen flachen Stein halb zugedeckten Sarkophag. L\u00e4sst sich fotografieren, wobei er so tut, als ob er die zerst\u00f6rte, aber immer noch m\u00e4chtige Abdeckung wegschiebt. \u00bbDenn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab und w\u00e4lzte den Stein von des Grabes T\u00fcr&#8230;\u00ab, jene unvergesslichen Worte der Ostergeschichte kommen mir in den Sinn und der Gedanke, dass es die G\u00f6tter selbst gewesen waren, die die im Krieg hingeschlachteten Helden aus ihren Gr\u00e4bern geholt und mit einem neuen Leben belohnt hatten. Nirgendwo &#8211; so lese ich sp\u00e4ter im Reisef\u00fchrer &#8211; sind Skelette gefunden worden.<br \/>\nDie ersten Tropfen des Gewitterregens sprenkeln das scharfkantige Ger\u00f6ll, auch der Hund hat den Schwanz zwischen die Beine geklemmt und schaut traurig zu uns hinauf. Die ersten Donnerschl\u00e4ge lassen die Welt erzittern. Entfernte Blitze rollen \u00fcber den Horizont. In Lykien waren die Toten hoch \u00fcber den Lebenden bestattet worden. Noch liegt die Unterstadt im Licht, breitet sich eine helle tr\u00f6stliche Welt aus, wie f\u00fcr die Augen der Toten bestimmt als Verhei\u00dfung, dass der Tod nicht das Ende bedeutet, sondern den \u00dcbergang zu einer sch\u00f6neren Welt, die sich in aller Pracht ausbreitet wie die Verhei\u00dfung eines Paradieses.<br \/>\nWir m\u00fcssen uns beeilen, folgen dem Gebell des Hundes, der den Weg hinunterjagt, und dann doch abrupt vor dem Grab des Alketas Halt macht, die Pfoten auf die Schwelle stemmt und hineinjault in das dunkle Innere der Grabkammer. Wir stehen gebannt auf der gemei\u00dfelten Schwelle der letzten Ruhest\u00e4tte jenes makedonischen Fl\u00fcchtlings, der entgegen den heiligen Regeln der Gastfreundschaft auf Beschluss des \u00c4ltestenrates an seine Feinde ausgeliefert werden sollte und sich deshalb in sein eigenes Schwert st\u00fcrzte. Das aufwendige Grabmal als ein Versuch der Solymer, die Schande zu tilgen, die Schuld zu s\u00fchnen, die dieser Verrat \u00fcber sie gebracht hatte? Die steinerne Bahre ist leer. Keine Engel im leeren Grab. Die Welt der Toten hat die Welt der Lebenden zum Verschwinden gebracht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zottelige Hirtenhund kommt auf uns zugesprungen, als wir aus dem Auto steigen. Jung scheint er zu sein und \u00fcberm\u00fctig. Er versucht, an mir hochzuspringen und ich wehre ihn ab und streichele sein struppiges Fell. Hat ihn ein Besucher hier ausgesetzt? 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