{"id":1021,"date":"2015-09-20T12:05:02","date_gmt":"2015-09-20T10:05:02","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1021"},"modified":"2021-01-31T19:20:14","modified_gmt":"2021-01-31T18:20:14","slug":"von-schwiegermuttern-und-leierschwanzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/von-schwiegermuttern-und-leierschwanzen\/","title":{"rendered":"Von Schwiegerm\u00fcttern und Leierschw\u00e4nzen"},"content":{"rendered":"<p>Das h\u00e4usliche Leben der Menura ist au\u00dferordentlich friedlich und liebevoll&#8230;. Der Frau f\u00e4llt die gesamte Verantwortung f\u00fcr den Hausbau und die Sorge um die Nachkommenschaft zu. Die Pflicht des Mannes ist es, den Nahrungsvorrat vor Eindringlingen zu sch\u00fctzen und seine Frau und seine Kinder zu belustigen und zu unterhalten.<br \/>\nAmbrose G.H. Pratt, Menura, pr\u00e4chtiger Vogel Leierschwanz, Berlin 2011, S. 57<!--more--><\/p>\n<p>Unsere S\u00f6hne sollten anders werden als ihre V\u00e4ter, das stand von vorneherein fest. Aber sp\u00e4testens in der Pubert\u00e4t gaben wir im Emanzipationskampf stehenden M\u00fctter genervt auf. Nein, die jungen Herren r\u00e4umten nach wie vor den Tisch nicht ab nach dem Essen. Nein, sie holten die Limonadenflaschen nicht aus dem Keller. Nein, sie trugen nicht die angebrochene Milcht\u00fcte zum K\u00fchlschrank zur\u00fcck. Mit 18 machten sie den F\u00fchrerschein, liehen sich unsere Autos aus, parkten sie mit leerem Tank vor der T\u00fcr, pinkelten weiterhin im Stehen, putzten nie, r\u00e4umten nie auf und konnten &#8211; trotz nachweislich technischer Begabung &#8211; die Waschmaschine nie bedienen. Mit Charme und Unverfrorenheit sorgten sie daf\u00fcr, dass \u00bbHotel Mama\u00ab ihnen Tag und Nacht offen stand, ihnen und ihren Freundinnen, die sie zu sp\u00e4ter Stunde in ihre Betten schmuggelten. Doch wir verg\u00f6tterten sie, unsere netten, gro\u00dfen Jungs, und unser Zorn verrauchte, wenn sie \u00bbSchuldigung, Mama!\u00ab sagten, uns in den Arm nahmen und uns anstrahlten mit diesem offenen L\u00e4cheln, mit dem sie uns schon als Kleinkinder um den Finger gewickelt hatten.<\/p>\n<p>Und nun sind sie erwachsen, haben einen festen Job, eine Frau und produzieren uns die sehnlich erwarteten Enkelkinder. Alle s\u00fc\u00df, gut erzogen und vor allen Dingen: allesamt hoch begabt. Und wo ist das Problem, werden Sie fragen. Da hat sich doch alles zum Guten gewendet. Weit gefehlt! Unsere egoistischen, charmanten, ehemals das Leben in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfenden S\u00f6hne sind zu Leierschw\u00e4nzen mutiert. Sie kennen doch den Leierschwanz, diesen australischen Singvogel, dessen einzige Aufgabe es ist, f\u00fcr Nahrung zu sorgen und sein Weibchen zu bezaubern, wenn sie auf dem Ei sitzt.<br \/>\nZugegeben, die Frauen, die sie sich gesucht haben, sind ausnahmslos wunderh\u00fcbsch. Der Sohn balzt. Sch\u00f6ne Frauen seien halt anspruchsvoll, haben sie uns belehrt. Kaum ist das Baby da, h\u00f6ren die jungen Frauen auf zu arbeiten. Nicht acht Wochen oder so wie wir, gottbewahre, ein, zwei Jahre m\u00fcssen schon drin sein, und dann kommt das n\u00e4chste Kleine.<br \/>\n\u00bbIch werd doch meine Familie ern\u00e4hren k\u00f6nnen\u00ab, sagt der junge Ehemann, und ich stelle verbl\u00fcfft fest, dass ich diesen Spruch zum letzten Mal von meinem Vater geh\u00f6rt habe, dem es peinlich gewesen w\u00e4re, wenn meine Mutter h\u00e4tte arbeiten m\u00fcssen. \u00bbWas sollen denn da die Leute denken?\u00ab<br \/>\nOkay, Gewaltenteilung, versuche ich mir einzureden wie alle meine Freundinnen um mich herum. Der Mann arbeitet, wie in den guten, alten Zeiten, und die Frau bleibt zu Hause und huldigt den drei Ks: Kinder, K\u00fcche, Kirche. Weit gefehlt! Nachdem sie sich helikopterartig im ersten Jahr um das Baby gek\u00fcmmert hat &#8211; niemand durfte es anfassen, f\u00fcttern oder auch nur aus dem Bettchen heben, vor allen Dingen nicht die Schwiegermutter-, entdeckt die junge Mutter nach und nach die Freuden des aush\u00e4usigen Lebens, und zwar eines Lebens ohne Arbeitsstress. Und das Wunder passiert: Der junge Vater wickelt das Kind, gibt nachts das Fl\u00e4schchen, kauft am Wochenende ein, kocht das Abendessen oder isst die Reste der angelutschten Nudeln auf, klaglos und ohne von einer scharfen, weiblichen Stimme dazu aufgefordert zu werden. Manch junger Vater verlegt seinen Arbeitsplatz ins Haus, damit er Job und Kind besser organisieren kann. Also hat die Erziehung doch geklappt, die Macho-V\u00e4ter sind abgeschafft, unsere S\u00f6hne haben eine erstaunliche Metamorphose durchlaufen. Wie jener australischer Vogel klappen sie ihren Schwanz \u00fcber den Kopf und fl\u00f6ten: \u00bbWas m\u00f6chtest du zum Fr\u00fchst\u00fcck, Schatzi?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas findet er nur an ihr?\u00ab, sagen die aufgebrachten S\u00f6hne-M\u00fctter, auch wenn sie wissen, dass er Vater und Mutter verlassen wird und \u00bbseinem Weibe anhangen\u00ab, weil das so in der Bibel steht. \u00bbMein armer Junge, der arbeitet sich nochmal tot. Haushalt und Kinder und Job. Was macht s i e eigentlich den ganzen Tag?\u00ab Und wir schauen traurig in unseren Latte Macchiato, tauchen sorgf\u00e4ltig den langen L\u00f6ffel in den Schaum und bedauern, dass wir die Schwiegert\u00f6chter nicht haben aussuchen d\u00fcrfen. \u00bbSeine erste Freundin, die war soo nett! Und ihre Mutter erst! Wir haben uns ganz prima verstanden.\u00ab<br \/>\nJa, wenn alles r\u00fcckw\u00e4rts geht, vielleicht kommt die Zeit der arrangierten Ehen zur\u00fcck. Und dann zieht die junge Frau ins Haus des Br\u00e4utigams, in der die Schwiegermutter das Sagen hat. Viele Kulturen praktizieren diese Form des Zusammenlebens doch recht erfolgreich. Schade, dass das bei uns nicht klappt!<br \/>\n\u00bb\u00dcbrigens, hast du damals dein Baby deiner Schwiegermutter gegeben?\u00ab, frage ich eine meiner Freundinnen. \u00bbDieser alten Hexe doch nicht!\u00ab, war die Antwort. Kann ich gut verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das h\u00e4usliche Leben der Menura ist au\u00dferordentlich friedlich und liebevoll&#8230;. Der Frau f\u00e4llt die gesamte Verantwortung f\u00fcr den Hausbau und die Sorge um die Nachkommenschaft zu. Die Pflicht des Mannes ist es, den Nahrungsvorrat vor Eindringlingen zu sch\u00fctzen und seine Frau und seine Kinder zu belustigen und zu unterhalten. Ambrose G.H. 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